Willy Huhn: Zur Lehre von der revolutionären Partei

Manifest
Stand das Manifest Modell für Lenin’s Partei der Kader?

Huhn stellt sich die Frage in wiefern Lenin „in der Frage der Partei unmittelbar an die Lehre von Marx und Engels angeknüpft?“ hat, wie Dracker meinte. Entgegen der ahistorischen Herangehensweise Drackers bemüht Huhn sich darzulegen wie die Organisationfrage sich in der Praxis der bürgerlichen Revolutionen von 1848 stellte. Dabei zeigt er, daß Lenin in der (vermeintlich) bürgerlichen Revolution in Rußland ein von Marx und Engels wesentlich verschiedene Organisationsauffassung vertrat.

Jetzt sind mehr als 150 Jahren nach den burgerlichen Revolutionen von 1848 verstrichen; mehr als 100 Jahren nachdem in Rußland sich die proletarische Weltrevolution ankündigte, und mehr als 50 Jahren nachdem Huhn sich in diesem Text dem Leninismus widersetzte. Nach wie vor stehen die kommunistischen Minoritäten vor der Frage wie sie sich organisieren sollen um ihrer Funktion im Arbeiterkampf gerecht zu werden. Der Text den wir hier neu veröffentlichen gibt dazu wesenliche Elemente, auch wenn er noch tief geprägt ist von der damaligen letzten Jahren der damaligen Konterrevolution.

F.C. 24-3-2019
(Textkorrektur: H.C., 18. Mai 2019)

Willy Huhn: Zur Lehre von der revolutionären Partei

I [Das Verhältnis der Kommunisten zur Arbeiterklasse]

II [Die Kommunisten bemühen sich aus der proletarischen Bewegung eine selbständige Organisation herzustellen]

III [Die Partei, nicht als minoritäre Organisation, sondern als Klasse für Sich.]

I.

Heinz Otto Dracker untersucht in der „WISO“ (Heft 13 vom 1. Juli 1961, S. 604 bis 618) „an Hand authentischer Quellen die Leninsche Partei“, die er von der „Partei alten Typs“, dem

ME
Marx und Engels in der bürgerliche Revolution Deutschland 1848

„Wahlapparat“ nach Stalin, unterscheidet. Dieser Wahlapparat, der alte Parteityp, der in die vorrevolutionäre Periode gehörte, wird in der revolutionären Periode von dem neuen Parteityp abgelöst. Nach der Darstellung Drackers erscheint die „Partei neuen Typs“ als leninistisch-stalinistische Partei, denn seine authentischen Quellen sind fast ausschließlich „die Werke Lenins und Stalins“. Für seine Darlegungen sind erklärtermaßen außer den „Arbeiten Lenins sowie Stalins ‚Fragen des Leninismus‘“ auch die „Grundlagen des Marxismus-Leninismus“ „von ganz besonderem Wert“ gewesen. (i)

Es handelt sich also um die leninistisch-stalinistische Lehre von der revolutionären

LS
Lenin und Stalin, ihre Nachfolger?????

Partei. Selbstverständlich wird als ihre Grundlage „die Lehre von Marx und Engels“ angegeben. Tatsächlich werden auch Marx und Engels zehnmal zitiert, aber es handelt sich hier fast ausschließlich um die Darstellung der „Marx/Engelsschen Staatslehre“ (Seite 87-89). Obwohl aber Dracker erklärt, daß Lenin dieser „theoretisch kaum etwas hinzugefügt hat“, zitiert er von acht Marx/Engels-Anführungen sogar noch drei aus der Schrift von Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ aus zweiter, nämlich aus Lenins Hand.

Da es sich aber in erster Linie um eine Darstellung der Lehre von der revolutionären Partei handeln soll, möchte man gerne wissen, an welche Marx/Engelssche Parteilehre Lenin „unmittelbar angeknüpft“ hat. Wirklich finden wir noch die beiden Marx/Engels-Zitate aus dem „Kommunistischen Manifest“ (S. 85-86), wo vor allem aus dem II. Abschnitt über „Proletarier und Kommunisten“ drei Absätze angeführt werden. Diese geben Dracker die Gelegenheit, „das Wesen einer proletarischen (kommunistischen) Partei“ herauszustellen und uns zu erklären, was „die Kommunisten sind“ (S. 136):

a) ein Teil der Arbeiterklasse, und zwar b) sein entschiedenster, dynamischster Teil, c) sein einsichtigster, bewußtester Teil.“ (Das gesperrte = fette Wort schon bei Dracker gesperrt = fett; der kursive Wortteil stammt von mir). Das derart von Dracker hervorgehobene „Teil“ erscheint in den von ihm zitierten drei Absätzen nur einmal im mittleren, und zwar im folgenden Satze:

„Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder …“ (Marx-Engels, „Das Kommunistische Manifest“, sechste autorisierte deutsche Ausgabe, Berlin 1894, S. 18. Der kursive Wortteil stammt wieder von mir).

Wie meine Hervorhebungen unterstreichen sollen, kommt es Dracker darauf an, die Behauptung aufzustellen, daß nach Marx und Engels die Kommunisten, und d. h. die proletarische, revolutionäre Partei, ein Teil der Arbeiterklasse ist. Dabei wird diese Behauptung nicht einmal durch seine eigenen Zitate gestützt: deutlich heißt es doch, daß die Kommunisten, d. h. die revolutionären Proletarier, ein Teil der Arbeiter-Parteien aller Länder sind, und auch in dem von ihm angeführten ersten Absatz aus dem „Manifest“ handelt es sich nur darum, wodurch sich die Kommunisten „von den übrigen proletarischen Parteien“ unterscheiden.

Hier könnte nun Dracker, um seine merkwürdige Zitier- und Interpretationsweise zu rechtfertigen, darauf hinweisen, daß nach dem letzten angeführten Satze die Kommunisten eben doch eine Partei neben den übrigen proletarischen Parteien seien. Tatsächlich hat er durch seine seltsame Art der Zitierung für eine solche Fehldeutung bestens vorgesorgt. Er hat nämlich drei wichtige Sätze vor den von ihm angeführten drei Absätzen einfach weggelassen! Der II. Abschnitt des ‚Kommunistischen Manifestes‘ behandelt das Verhältnis der „Proletarier und Kommunisten“ zueinander. Gleich der erste Satz stellt die Frage: „In welchem Verhältnis stehen die Kommunisten zu den Proletariern überhaupt?“ Und die Antwort lautet unmißverständlich:

Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den anderen Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.“

Unmittelbar darauf folgten die von Dracker zitierten drei Absätze. Es ist ganz offensichtlich, daß die drei ersten Grundsätze über das Verhältnis der Kommunisten zur Arbeiterklasse nicht in das leninistisch-stalinistische Konzept der revolutionären Partei Drackers passen wollen. Mußten sie deshalb ignoriert werden? Sicher ist, daß der „Leninismus-Stalinismus“ die proletarische Bewegung „modeln“ wollte und gemodelt hat. Sein technisches Mittel dazu war die sogenannte „Kommunistische Partei“, während es nach dem „Manifest“ keine „besondere Partei“ von Kommunisten gegenüber den anderen Arbeiterparteien geben sollte. Es wird wohl auch kaum noch – von den Interessenten abgesehen – bestritten werden können, daß die KPdSU, mindestens in der Ära Stalin in erster Linie Staatsinteressen, also von den Interessen des ganzen Proletariats getrennte Interessen, vertreten hat. Wenn von Stalinisten solche Sätze unterschlagen werden, wundere ich mich darüber nicht, aber hier? Dracker enthält uns also nicht nur den wichtigen Kernsatz vor, daß die Kommunisten keine besondere Partei gegenüber anderen Arbeiterparteien seien, sondern er modelt auch den Satz von Marx/Engels, daß die Kommunisten „praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder“ sind, dahingehend um, daß die Kommunisten ein Teil der Arbeiterklasse wären. Und er tut uns noch dazu den Gefallen, uns zu verraten, warum er den Marx/Engelsschen Text derart interpretiert bzw. revidiert. Er setzt nämlich in einer Fußnote hinzu: „Später wird der Ausdruck von der ‚Vorhut‘ (oder der Avantgarde) des Proletariats gebräuchlich“ (S. 101). Eine Vorhut oder Avantgarde des Proletariats kann natürlich nur ein „Teil der Arbeiterklasse“ sein. Hier hat man ein Musterbeispiel dafür, wie eine bestimmte Doktrin – die leninistisch-stalinistische Parteilehre – jemand daran hindern kann, einen Text richtig zu lesen oder zu verstehen. Wir kennen diese doktrinäre Borniertheit vor allem aus der Geschichte der christlichen Theologie, insbesondere aus der Scholastik. Man stelle sich vor, wie der katholische Klerus den Satz: „Die Katholiken sind ein Teil, und zwar die Avantgarde des Christentums“, und wie er dagegen den Satz: „Die Katholiken sind der entschiedenste Teil der christlichen Kirchen aller Länder“ aufnehmen würde! Wer eben eine „alleinseligmachende Kirche“ aufbauen will, begnügt sich nun einmal nicht mit der Rolle des Sauerteigs …

Wir halten uns nicht damit auf, daß der Kritiker von Rosa Luxemburg, Fred Oelssner, als authentischer Autor angeführt wird (S. 90), während Rosa Luxemburg selbst auf der zehnten Seite der Abhandlung (S. 94) wenigstens einmal genannt wird. Wir begnügen uns damit, „die Lehre von Marx und Engels“ über die revolutionäre Organisation des Proletariats, an die Lenin in der Frage der Partei eben nicht angeknüpft hat und die Dracker unzulänglich behandelt und obendrein mißdeutet – um nicht zu sagen: entstellt – hat, „an Hand authentischer Quellen“, doch keineswegs erschöpfend, zu skizzieren.

II.

Hierbei läßt es sich nicht vermeiden, daß wir von einer grundlegenden Erkenntnis geschichtsphilosophischer Art, nämlich des historischen Materialismus von Marx und Engels, ausgehen. Wir tun es aber nur, soweit dies zum Verständnis der geschichtlichen Rolle der Kommunisten und ihrer Aufgabe gegenüber der Arbeiterlasse unerläßlich ist. Solange die Produktivkräfte noch im Schoße der Bourgeoisie selbst ungenügend entwickelt sind, um die materiellen Bedingungen durchscheinen zu lassen, die notwendig sind zur Befreiung des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft, solange das Proletariat noch ungenügend entwickelt ist, um sich als Klasse zu konstituieren, und daher der Kampf des Proletariats mit der Bourgeoisie noch keinen politischen Charakter trägt, solange sind die schon auftretenden Kommunisten bzw. Sozialisten „nur Utopisten, die, um den Bedürfnissen der unterdrückten Klassen abzuhelfen, Systeme ausdenken und nach einer regenerierenden Wissenschaft suchen. Aber in dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ desselben zu machen … Von diesem Augenblick an wird die Wissenschaft bewußtes Erzeugnis der historischen Bewegung, und sie hat aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden“. (Karl Marx, „Das Elend der Philosophie“, 9. Auflage, Stuttgart/Berlin 1921, S. 109.)

Utopisten unterscheiden sich also dadurch von den Marxisten, daß sie wissenschaftliche Systeme ausdenken, nach denen sich die gesellschaftliche Wirklichkeit richten soll, bzw. daß sie sich von den „Ideen“ oder „Idealen“ leiten lassen, die erst noch „verwirklicht“ werden müssen. Für die Marxisten dagegen ist der Kommunismus nicht ein Zustand, der erst noch hergestellt werden soll, [’sondern‘ von der Ausgaben Karin Kramers en Gesters hier gestrichen, denn in Gegensatz mit was sowohl Marx/Engels wie Huhn meinen]

 ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

(Marx/Engels, „Die Deutsche Ideologie“, Teil I. in: „Der Historische Materialismus. Die Frühschriften“. Herausgegeben von S. Landshut und J. P. Mayer. Leipzig 1932, Band II, S. 25. Neuausgabe Ostberlin 1953, S. 32)

Der wissenschaftliche Sozialismus bzw. Kommunismus (den bereits auch die Utopisten für sich reklamierten, aber in der oben bezeichneten doktrinären Form), wie ihn Marx/Engels weiterentwickelten, legt sich also nur Rechenschaft ab von der wirklichen kommunistischen Bewegung der Arbeiter selbst, die sich in Gestalt der Arbeiterbewegung vor unseren Augen abspielt, und macht sich zum Organ oder Werkzeug derselben. Und das bedeutet, daß die Kommunisten oder Marxisten der Arbeiterbewegung dienen, und zwar auf die Art der folgenden Kennzeichnung ihrer Funktion:

Wie die Ökonomen die wissenschaftlichen Vertreter der Bourgeoisieklasse sind, so sind die Sozialisten und Kommunisten die Theoretiker der Klasse des Proletariats.“ (Marx, „Elend der Philosophie“, a.a.O., ebd.)

Die Kommunisten oder Marxisten sind also die Theoretiker oder die wissenschaftlichen Vertreter der Arbeiterklasse. Schon hier wird wohl deutlich, wieviel „Utopismus“ noch in den dominierenden Doktrinen der sogenannten „Kommunistischen Parteien“ steckt, gemessen an solchen Hauptsätzen der Begründer des Marxismus. Man kann sie für falsch und veraltet erklären, dann soll man sie kritisch-wissenschaftlich überwinden, aber man kann und darf nicht wie Dracker behaupten und hinschreiben, daß „Lenin auch in der Frage der Partei ‚unmittelbar an die Lehre von Marx und Engels‘ anknüpft“ (S. 85). Diese nämlich, der „Marxismus“, wie sie zuerst in populärer Form als „Kommunistisches Manifest“ veröffentlicht wurde, stellte „die wissenschaftliche Einsicht in die ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft als einzig haltbare theoretische Grundlage“ auf, und setzte auseinander, daß „es sich nicht um Durchführung irgendeines utopistischen Systems handele, sondern um selbstbewußte Teilnahme an dem unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Umwälzungsprozeß der Gesellschaft“, wie Marx selbst noch 1860 ausführte. (Karl Marx, „Herr Vogt“, Erste Neuausgabe nach der Originalausgabe London 1860, Moskau 1941, S. 58.) Er schreibt dies berichtend im Rückblick auf den „Bund der Kommunisten“ und sein „Manifest“ (Februar 1848), in dem es von den „theoretischen Sätzen der Kommunisten“ – d. h. jenen von Marx/Engels selbst – heißt, sie seien „nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“. („Manifest“, a.a.O., S. 19.) ii

Die Kommunisten oder Marxisten nehmen also als wissenschaftliche Vertreter der Arbeiterklasse an deren bereits vor sich gehender Bewegung teil. Sie schließen sich deswegen in allen Ländern „den bereits konstituierten Arbeiterparteien“ an, ohne selbst eine Partei zu bilden, also den „Chartisten“ in England, den Agrar-Reformern in den USA, an die „Sozialistisch-Demokratische Partei“ in Frankreich (unter Ledru-Rollin und Louis Blanc!) usw., unterstützen also überall „jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände“. (Vgl. den ganzen IV. und letzten Abschnitt des „Manifestes“!) Die Voraussetzung der Betätigung der Kommunisten oder Marxisten ist also stets das Vorhandensein einer geschichtlichen Bewegung eines sozialrevolutionären Prozesses. Hierbei unterlassen sie es keinen Augenblick, „bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten“, also das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu klären. Trotzdem verwenden Marx/ Engels auch in diesem Abschnitt den Ausdruck „kommunistische Partei“ für den Kampf des „Bundes der Kommunisten“ in Deutschland. Wie ist das zu verstehen? Nach dem II. Abschnitt des „Manifestes“ ist „der nächste Zweck der Kommunisten derselbe wie der aller übrigen proletarischen Parteien“, und an erster Stelle wird die „Bildung des Proletariats zur Klasse“ genannt (a.a.O., S. 18). Demnach erscheint nicht die kommunistische bzw. eine andere proletarische Partei als die eigentliche Klassenorganisation des Proletariats.

Die Kommunisten, vereinigt in ihrem „Bunde“, der keine „besondere Partei“ gegenüber den anderen Arbeiterparteien ist, deren entschiedenster, immer weiter treibender Teil sie sind, mit denen sie die nächsten Zwecke – sogar den „Sturz der Bourgeoisieherrschaft“, die „Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat“ (Hervorhebung von mir!) – gemeinsam haben, betrachten offenbar als Voraussetzung für diese Aktionen jene „Bildung des Proletariats zur Klasse“, also die Schaffung einer revolutionären Klassenorganisation der Arbeiter. Für diese Deutung gibt es noch genügend andere Zeugnisse: Im März 1850 stellte die Zentralbehörde des Kommunisten-Bundes ihren Emissären die Aufgabe, daß „die Selbständigkeit der Arbeiter hergestellt werden muß“ und beim Bevorstehen einer neuen Revolution „die Arbeiterpartei möglichst organisiert, möglichst einstimmig und möglichst selbständig auftreten muß“. (Karl Marx, „Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln“, 1852, Anhang zur Züricher Auflage von 1885: „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850“. Neudruck Ostberlin 1952, Seite 125.)

Hier scheint ein Unterschied zum heutigen Sprachgebrauch zu bestehen: während wir heute geneigt sind, Partei und Organisation zu identifizieren, haben Marx/ Engels anscheinend die Vorstellung, daß die „Arbeiterpartei“ erst „möglichst“ organisiert werden muß! Zum Schluß dieser Ansprache heißt es noch, daß die deutschen Arbeiter selbst „das meiste“ zu ihrem endlichen Siege tun müssen, und zwar dadurch,

daß sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen, sich … keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation des Proletariats der Partei irremachen lassen“. (Ebd. S. 136).

Die „Kommunistische Partei“ bzw. der „Bund der Kommunisten“ betrachten sich demnach ganz offensichtlich selbst nicht als jene unabhängige Organisation des Proletariats! Man beachte auch die folgende Stelle:

Die Arbeiter, vor allem der Bund, müssen dahin wirken, neben den offiziellen Demokraten eine selbständige geheime und öffentliche Organisation der Arbeiterpartei herzustellen und jede Gemeinde (des Bundes, W.H.) zum Mittelpunkt und Kern von Arbeitervereinen zu machen, in denen die Stellung und Interessen des Proletariats unabhängig von bürgerlichen Einflüssen diskutiert werden.“ (Ebd., S. 130).

Die Hauptaufgabe des Bundes der Kommunisten alias „Kommunistische Partei“ scheint also darin zu bestehen, die Entstehung einer eigenen und selbständigen Klassenorganisation der Arbeiter zu fördern und die Konstituierung einer „Organisation der Arbeiterpartei“ zu unterstützen. Das Wort „Arbeiterpartei“ scheint mit dem Begriff „Arbeiterbewegung“ fast identisch zu sein, und die Kommunisten sind bemüht, aus dieser proletarischen Bewegung eine selbständige Organisation ohne bürgerliche Einflüsse herzustellen. Nach dem Siege der bürgerlich-demokratischen Revolution sollen die Arbeiter dementsprechend sofort selbständige Regierungsorgane ihrer Klasse neben den offiziellen der Bürger schaffen:

Sie müssen neben den neuen offiziellen Regierungen zugleich eigene revolutionäre Arbeiterregierungen, sei es in der Form von Gemeindevorständen, Gemeinderäten, sei es durch Arbeiterclubs oder Arbeiterkomitees, errichten …, hinter denen die ganze Masse der Arbeiter steht“. (S. 131/132).

Hier ist es offensichtlich, daß diese Fabrik-Komitees, Gemeinde- und Arbeiterräte als selbständige Klassenorgane des Proletariats aufgefaßt werden.

III.

Auch in der späteren Ansprache der Zentralbehörde des „Bundes“, vom Juni 1850, heißt es nochmals, daß der Zweck des „Bundes“ „die revolutionäre Organisation der Arbeiterpartei“ sei, mit der sich also der Bund, gelegentlich auch „Kommunistische Partei“ genannt, keineswegs identifiziert (S. 140). Und wieder scheint es, als ob die längst existierende „Arbeiterpartei“ nur noch der selbständigen „revolutionären Organisation“ bedarf. Ein Satz ist hier noch besonders interessant:

Die Arbeiterpartei kann unter Umständen sehr gut andere Parteien und Parteifraktionen zu ihren Zwecken gebrauchen, aber sie darf sich keiner anderen Partei unterordnen.“ (Ebd.)

Nach unserem heutigen Sprachgebrauch ist es undenkbar, daß sich eine „Arbeiterpartei“ anderer Parteien für ihre Zwecke bedienen oder sich einer anderen Partei unterordnen könnte. Und welche „andere Partei“ könnte dies sein im Juni 1850? Dies wird deutlich durch einen Rückblick auf die Ansprache, vom März 1850, wo es sich um das „Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei“ zur „kleinbürgerlich-demokratischen Partei in Deutschland“ handelt. Bei der „Arbeiterpartei“ müssen wir an jene zurückdenken, deren Selbständigkeit erst hergestellt und die „möglichst organisiert“ werden mußte. Bei der kleinbürgerlichen Demokratie unterscheidet aber die Ansprache vom März 1850 drei „Elemente“ bzw. Fraktionen: 1. die fortgeschrittensten Teile der großen Bourgeoisie; die den sofortigen vollständigen Sturz des Feudalismus und Absolutismus als Ziel verfolgen; 2. das Kleinbürgertum, das einen konstitutionell-demokratischen Bundesstaat anstrebt; 3. das Kleinbürgertum, dessen Ideal eine Föderativpolitik nach dem Muster der Schweiz ist und das „sich jetzt rot und sozialdemokratisch“ nennt. Die kleinbürgerlich-demokratische „Partei“ in Deutschland, heißt es weiter, sei sehr mächtig: sie umfasse nicht nur die große Mehrheit der bürgerlichen Einwohner, der Städte, die kleinen industriellen Kaufleute und die Gewerksmeister, sondern auch die Bauern und das Landproletariat (S. 126-127). Nun dürfte es wohl ganz klar sein, daß für Marx/Engels „Parteifraktionen“ verschiedene Klassenschichten bedeuten können, während unter „Partei“ eine ganze Klasse mit ihren verschiedenen sozialen Gruppen und Anhängern zu verstehen ist. Dementsprechend verwenden sie auch den Begriff „Arbeiterpartei“, d. h. dem nicht in der Partei organisierten Teil der proletarischen Klasse, und der Bedeutung einzelner, hervorragender Persönlichkeiten. Der „frühe“ Plechanow, insbesondere seine Schrift über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, dürfen auch heute noch für den Marxismus-Leninismus als grundlegend gelten. (iii)

1848

Für die revolutionäre Partei sind [gemeint] die Volksmassen von und mit in Opposition stehendem Proletariat. Mit dieser Feststellung lassen sich die oben angeführten Widersprüche auflösen: eine solche „Arbeiterpartei“ bedarf tatsächlich noch einer revolutionären Organisation!

Eine Stelle aus der Ansprache der Zentralbehörde des „Bundes der Kommunisten“ vom Juni 1850 erscheint mir noch besonders bemerkenswert. Nach der Niederlage von 1849 „trat überall das Bedürfnis nach einer starken geheimen Organisation der revolutionären Partei über ganz Deutschland“ und in der Schweiz „hervor“ und veranlaßte die Entsendung eines Emissärs der Zentralbehörde nach Deutschland und der Schweiz. Von der „Verbindung“, die Anfang 1850 in der Schweiz entstand, heißt es aber, daß sie „einen bestimmten Parteicharakter nicht trug“ und daß sie „eines bestimmten Parteistandpunktes“ ermangelte. Die Mitglieder bestanden nämlich aus „buntscheckigen Elementen“, ehemaligen Pfälzer Regierungsmitgliedern, zaghaftesten kleinbürgerlichen Demokraten, entschiedenen Kommunisten und selbst ehemaligen Bundesmitgliedern, also „aus Leuten aller Fraktionen der Bewegungen“. (Hier ist die Gleichsetzung von Parteifraktionen mit solchen der Bewegungen und damit die Identität von Partei und Bewegung wieder ganz deutlich). Diese Gesellschaft in der Schweiz bestand nach einer vollständigen Mitgliederliste in ihrer höchsten Blütezeit aus kaum 30 Mitgliedern. Und dann heißt es wörtlich: „Es ist bezeichnend, daß die Arbeiter unter dieser Zahl fast gar nicht vertreten sind. Es war von jeher eine Armee von lauter Unteroffizieren und Offizieren ohne Soldaten“ (a.a.O., S. 138). Ein halbes Jahrhundert später wird Lenin eine „Avantgarde des Proletariats“ sogar als „Generalstab“ organisieren.

Wenn aber der „Bund der Kommunisten“, auf den sich alle „kommunistischen Parteien“ als auf ihren Vorläufer berufen, selbst die von ihm geforderte und geförderte „selbständige Organisation der Arbeiterpartei“ (Arbeiterbewegung) noch nicht darstellte, was war er dann? Er war zunächst einmal nicht die Organisation eines Teils (Vorhut) des Proletariats, sondern „eine Organisation innerhalb der deutschen Arbeiterklasse“, die schon „der Propaganda wegen notwendig“ war. Und obwohl sie nur eine geheime sein konnte, waren Marx/Engels von der Notwendigkeit überzeugt, den „Bund von den alten konspiratorischen Traditionen und Formen zu befreien“. Die folgende Charakterisierung ist wohl die entscheidende Äußerung:

Die Organisation selbst war durchaus demokratisch, mit gewählten und stets absetzbaren Behörden und hierdurch allein allen Konspirationsgelüsten, die Diktatur erfordern, ein Riegel vorgeschoben und der Bund – für gewöhnliche Friedenszeiten wenigstens – in eine reine Propagandagesellschaft verwandelt.“ („Enthüllungen“, a.a.O., S. 20-21).

Es handelt sich bei diesen Sätzen um solche aus der „Geschichte des Bundes der Kommunisten“ von Friedrich Engels mit dem Datum des 8. Oktober 1885. Der „Bund der Kommunisten“ war also eine reine Propagandagesellschaft, solange keine neue Revolution ausbrach und den „Friedenszeiten“ ein Ende setzte. Und wenn die Revolution erneut ausbrach, worin bestand dann die Aufgabe des „Bundes der Kommunisten“? In der Revolution von 1848/49 hatte „die proletarische Partei auf dem Kontinent“ ausnahmsweise „die legalen Mittel der Parteiorganisation“ zur Verfügung gehabt, nämlich: Presse, Redefreiheit und Assoziationsrecht. Nach wie vor der Revolution war man wieder auf den Weg der „geheimen Verbindung“ bzw. „Gesellschaft“ angewiesen. In Deutschland war der Zweck der geheimen Gesellschaften „die Parteibildung des Proletariats“ und nicht der Umsturz der bestehenden Regierung:

Es war dies notwendig in Ländern wie Deutschland, wo Bourgeoisie und Proletariat gemeinsam ihren halb feudalen Regierungen unterlagen, wo also ein siegreicher Angriff auf die bestehenden Regierungen der Bourgeoisie oder doch den sogenannten Mittelständen, statt ihre Macht zu brechen, zunächst zur Herrschaft verhelfen mußte. Kein Zweifel, daß auch hier die Mitglieder der proletarischen Partei an einer Revolution gegen den Status Quo sich von neuem beteiligen würden, aber es gehörte nicht zu ihrer Aufgabe, diese Revolution vorzubereiten, für sie zu agitieren, zu konspirieren, zu komplottieren. Sie konnten den allgemeinen Verhältnissen und den direkt beteiligten Klassen diese Vorbereitung überlassen. Sie mußten sie ihnen überlassen, wollten sie nicht auf ihre eigene Parteistellung und auf die historischen Aufgaben verzichten, die aus den allgemeinen Existenzbedingungen des Proletariats von selbst hervorgingen.“ („Enthüllungen“, S. 94-95).

Deutschland befand sich also nach 1850 in derselben politischen Situation wie das Zarenreich ein halbes Jahrhundert später, trotzdem nahm sich aber Lenin diese Einstellung von Marx/Engels ebensowenig zum Vorbild wie ihre Auffassung von der Organisation der „Arbeiterpartei“ und von der Rolle einer geheimen oder öffentlichen Gesellschaft von Marxisten.

Weil aber das deutsche Proletariat von Schrift, Rede und Assoziation ausgeschlossen war, konstituierte sich der „Bund der Kommunisten“ nun nicht etwa als konspiratorische Vereinigung, sondern als „eine Gesellschaft, die die Organisation der proletarischen Partei im geheimen bewerkstelligte“, d. h. jene im Manifest geforderte „Bildung des Proletariats zur Klasse“, also eine „geheime Gesellschaft, welche die Bildung nicht der Regierung sondern der Oppositionspartei der Zukunft bezweckt.“

Auch hier sei mir nur der antizipierende Hinweis gestattet, daß Lenin mit seiner Partei genau das Gegenteil, nämlich die Bildung einer Regierungspartei, anstrebte. Man kann die Ansicht vertreten, daß seine Haltung nach 1900 historisch richtig war, aber man kann nicht behaupten, daß Lenins Partei eine Renaissance des „Bundes der Kommunisten“ von 1849/50 gewesen ist.(iv) Die Reorganisation des Bundes der Kommunisten nach dem Untergange der Revolution von 1848 hatte zur Voraussetzung, daß „die deutsche Arbeiterbewegung nur noch unter der Form theoretischer, zudem in enge Kreise gebannter Propaganda existiert.“ (Karl Marx in seinem Nachwort zur Leipziger Auflage vom 3. Januar 1875; a.a.O., S. 122).

Trotzdem war der „Bund“ sogar in der Revolution – jedenfalls in Berlin nach einem Bericht von Stephan Born vom 11. Mai 1848 – aufgelöst, zerstreut und noch nicht wieder fest organisiert. Engels selbst berichtete am 14. Januar 1848 aus dem kurz vor der Revolution stehenden Paris: „Mit dem Bund geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen … Ich mache jetzt noch einen letzten Versuch, wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda zurück.“ (Marx/Engels, „Briefwechsel“, Bd. I, S. 108/09).

Wilhelm Wolff, der nach dem Ausbruch der Märzrevolution von Mainz über Köln nach Breslau reiste, traf kaum noch Spuren des Bundes an. In Berlin hielten „etwa noch zwanzig Leute“ zusammen, aber ohne organisatorische Form. Auch in Breslau war „von Organisation nichts vorhanden“. Aus Koblenz berichtete Ernst Dronke am 5. Mai 1848, daß die Leute momentan sehr durch die Wahlen in Anspruch genommen seien; er habe eine Gemeinde konstituiert und bis jetzt vier Mitglieder aufgenommen. In Frankfurt, wo man fast „gesteinigt wird, wenn man sich als Kommunist bekennt“, habe er zwei Leute gewonnen und werde er eine Gemeinde konstituieren. In Mainz habe er den Bund im „Beginn zu völliger Anarchie gefunden“, einer habe im Café Domino gespielt, während eine Versammlung anberaumt war. So erwies sich denn, nach den Worten von Engels, der „Bund der Kommunisten“ in der Revolution von 1848 „gegenüber der jetzt losgebrochenen Bewegung der Volksmassen als ein viel zu schwacher Hebel“. Der „Bund“, der in friedlichen vorrevolutionären Zeiten eine reine Propagandagesellschaft sein sollte, hörte also – wieder nach Engels – in dem Augenblick, wo er nicht mehr geheim aufzutreten brauchte, „auf als solcher etwas zu bedeuten“. Zwar standen einzelne seiner Mitglieder überall an der Spitze der extrem-demokratischen Revolution, aber als Organisation spielte er in der Volksbewegung selbst eine nicht nur bescheidene, sondern so gut wie gar keine Rolle.

Welchen Wert besaß also die reine Propagandagesellschaft des „Bundes der Kommunisten“ in der Revolution und für die Revolution selbst? Die Antwort von Engels lautet, er sei „eine vorzügliche Schule der revolutionären Tätigkeit gewesen“. („Einleitung“ von 1885, S. 24). Man darf dies wohl so verstehen, daß der „Bund“ der revolutionären Bewegung geschulte Führer gestellt hat. Und Franz Mehring knüpft an das Wort von Stephan Born an, der „Bund“ sei trotz seines aufgelösten, zerstreuten und desorganisierten Zustandes in Berlin „überall und nirgends“ gewesen:

Überall und nirgends – mit diesen Worten hat Born treffend das Wirken des Kommunistenbundes in der Märzrevolution gezeichnet. Seine Organisation war nirgends, aber seine Propaganda war überall, wo die realen Vorbedingungen des proletarischen Emanzipationskampfes schon gegeben waren. Das war in den Revolutionsjahren freilich erst in einem verhältnismäßig kleinen Teil Deutschlands der Fall, und darin fand die damalige Arbeiterbewegung ihre vorläufig unzerbrechlichen Schranken. Aber was sie innerhalb dieser Schranken leisten konnte, das hat sie in hervorragendem Maße geleistet, dank in erster Reihe dem Bund der Kommunisten.“ (Franz Mehring, „Einleitung“ zur vierten Auflage, Berlin 1914; a.a.O., S. 162).

Offenbar war auch Mehring die Nachwirkung der Propaganda wichtiger als die Existenz einer Organisation, obwohl auch er hervorhebt, daß man den Bund der Kommunisten „durch Abstreifung allen Verschwörertums mit dessen notgedrungen immer hierarchischen Tendenzen zu einer demokratischen Propagandagesellschaft machte.“ (Ebd., S. 153).

Das Prinzip der hierarchischen Organisation stammt bekanntlich aus der katholischen Kirche, und es ist in Gestalt des Jesuitenordens eine besonders enge Verbindung mit den militärischen Organisationsprinzipien des ehemaligen Offiziers Ignatius von Loyola eingegangen. Der Jesuitenorden war aber eine konterrevolutionäre Organisation, nämlich die Kampfformation des katholischen Klerus gegen die Reformation. Als revolutionäre Organisation, die der Arbeiterbewegung dienen wollte, konnte sich der „Bund der Kommunisten“ nicht gut als säkularisierter Jesuitenorden organisieren: „Er ist niemals die geschlossene Kriegsformation des Proletariats gewesen, die das böse Gewissen der herrschenden Klassen in ihm sah, aber seine anfeuernde, klärende und werbende Wirkung hat tief und weit genug gereicht.“ (Mehring, a.a.O., S. 162).

Lenin aber wird nach 1900 versuchen, den Kampf der Arbeiterbewegung nach militärischen Gesichtspunkten zu „modeln“ und eine solche „Kriegsformation“ als „Avantgarde“ des Proletariats in „Kadern“ zu organisieren. (Die Verwendung dieser Ausdrücke aus dem militärischen Jargon ist aufschlußreich: im ersten Falle handelt es sich um den „Vortrupp“ oder die „Vorhut“, im andern um den „Stamm eines Regiments an Offizieren und Unteroffizieren“; vgl. auch „Stamm-Batterie“ für das ältere Wort „Kader-Batterie“.) (v)

MitglKarteKoelnerArbVerNach der hier angeführten Meinung von Marx/Engels von 1852/53 sollte also der „Bund der Kommunisten“ vor der Revolution, in „gewöhnlichen Friedenszeiten“, „eine reine Propagandagesellschaft sein.“ Als jedoch die friedliche Periode zu Ende war und die Revolution, also die „Kriegsformation“, ausbrach, da verwandelte er sich keineswegs in eine „geschlossene Kriegsformation“. Die „Bewegung der Volksmassen“ war stark und mächtig, der „Bund“ aber nur „ein viel zu schwacher Hebel“, um in der Revolution etwas zu bedeuten. (Wir weisen nur vorwegnehmend darauf hin, daß der legitime und bewußte Erbe des „Bundes der Kommunisten“, nämlich der „Spartakusbund“ Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, in der Revolution von 1918/19 genau dieselbe „schwache“ und „unbedeutende“ Rolle spielte). Seine Bedeutung lag ausschließlich darin, „eine vorzügliche Schule der revolutionären Tätigkeit gewesen“ zu sein, der Revolution und den aufgestandenen Volksmassen politische Führer gestellt und trotz seiner geringen Mitgliederzahl eine weithin wirkende und nachhallende Propaganda ausgeübt zu haben. Was war also der „Bund der Kommunisten“? Ein Seminar für revolutionäre Führer der Arbeiterbewegung und eine Gesellschaft für die Propaganda der Theorien von Marx/Engels. (vi)

Gerade in der Revolution und für die Revolution – für die „ungewöhnlichen Kriegszeiten“ – war demnach der „Bund der Kommunisten“, die „Marx-Partei“, wie er zu Unrecht im Kölner Kommunistenprozeß bezeichnet worden war, ungeeignet und nicht geschaffen. Marx selbst gab dies 1860 mit dem Satze zu: „Während der Revolutionszeit in Deutschland erlosch seine Tätigkeit von selbst, indem nun wirksamere Wege für die Geltendmachung seiner Zwecke offenstanden.“ („Herr Vogt“, a.a.O., S. 59). Eine ausgebrochene Revolution schafft ganz andere Möglichkeiten für die Aussaat der Samen einer revolutionären Theorie wie derjenigen von Marx/Engels, als sie einer „Partei“ in gewöhnlichen Friedenszeiten – öffentlich oder geheim – zur Verfügung stehen.

Die Ansprache der Zentralbehörde des „Bundes der Kommunisten“ vom März 1850 hatte noch am Schlusse die „Revolution in Permanenz“ erklärt. Und die vom Juni 1850 drückte am Ende noch die Hoffnung aus, [„]daß der Ausbruch einer neuen Revolution nicht lange mehr ausbleiben kann.“ (A.a.O., S. 136 und 144). Doch schon am 15. September 1850 spaltete sich die Zentralbehörde („Herr Vogt“, S. 59), weil ihre Minderheit, die „Fraktion Willich-Schapper“, an jener Permanenzerklärung der Revolution festhielt, während ihre Mehrheit, die Fraktion Marx/Engels, der Minderheit vorwarf:

Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution“. (Aus dem Antrag von Marx auf Trennung in „Enthüllungen“, a.a.O., S. 39).

Die Motive dieser Spaltung sind für unsere Untersuchung von so großer Bedeutung, daß wir sie ein wenig gründlicher betrachten müssen. Friedrich Engels war zwar der Ansicht, daß der reorganisierte „Bund“ nach dem Juni 1850 „die einzige revolutionäre Organisation war, die in Deutschland eine Bedeutung hatte“, aber mit Marx stellte er sich damals doch die Frage „wozu diese Organisation dienen sollte“. Die Antwort darauf hing aber wieder „sehr wesentlich davon ab, ob die Aussichten auf einen erneuten Aufschwung der Revolution sich verwirklichten. Und dies wurde im Lauf des Jahres 1850 immer unwahrscheinlicher, ja unmöglicher.“ (1885, a.a.O., S. 27) Marx und Engels glaubten also nicht mehr an eine bald bevorstehende neue Revolution, während Willich und Schapper diese willensmäßig inszenieren wollten. (vii)

Marx und Engels entdeckten bei ihren ökonomischen Studien, daß die Revolution von 1848 durch die industrielle Krisis von 1847 vorbereitet worden war und daß sich dank einer „neuen, bisher unerhörten Periode der industriellen Prosperität“ der Revolutionssturm von 1848 allmählich erschöpfte. Es waren aber gerade diese Studien, die erst den späteren reifen „Marxismus“ als „Kritik der politischen Ökonomie“ – wie der Untertitel des „Kapitals“ lautete – hervorbrachten und die Marx und Engels bestimmten, ihr Verhältnis zum „Bunde“ und damit zur Organisation und last not least zur „Arbeiterpartei“ völlig neu zu definieren. Dies ist schon enthalten in den Sätzen des Marxschen Antrages auf Trennung von der Fraktion Willich-Schapper:

An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische“ („Enthüllungen“, S. 39).

Nach Marx und Engels gehörte es nicht zu den Aufgaben des „Bundes der Kommunisten“, die Revolution „vorzubereiten, für sie zu agitieren, zu konspirieren, zu komplottieren“, wenn auch „die Mitglieder der proletarischen Partei“ sich selbstverständlich an einer neuen, spontan ausgebrochenen Revolution des Volkes „gegen den Status quo“ von neuem beteiligen würden. Eine Revolution zu organisieren wäre ihnen wohl lächerlich erschienen. (Inzwischen sind von so manchen „Leninisten“ die Grenzen zwischen Revolution und Aufstand verwischt worden, und viele dieser Sorte haben über ihrer „Kunst des bewaffneten Aufstandes“ völlig vergessen, daß die Bolschewiki während einer bereits fast ein dreiviertel Jahr dauernden Revolution und über die längst existierenden und von ihnen nicht sonderlich geachteten Sowjets, also über die Räte, an die Regierung gekommen sind – wie die Herren Genossen um Ebert, nebenbei bemerkt!) Wir wiederholen eine frühere Textinterpretation: eine Organisation ist nicht dadurch eine revolutionäre Vereinigung, daß sie sich vornimmt, eine Revolution zu inszenieren, sondern durch ihre Bereitschaft, sich in den Dienst einer künftig ausbrechenden Revolution zu stellen, ihr Ratgeber und Führer zu stellen. Also nicht die Organisation ist die Voraussetzung der Revolution, sondern die Revolution ist die Voraussetzung der Organisation, deren Zwecke und Sinn erst in der ausgebrochenen Bewegung des Volkes bzw. der Arbeiter ihre Erfüllung finden und zugleich ihre Bewährungsprobe in ihr abzulegen haben.

Für die kritische Analyse der ökonomischen Situation im Herbst 1850 aber ergab sich für Marx/Engels folgendes:

Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten.“ (Marx-Engels, „Revue von Mai bis Oktober 1850“ in der „Neuen Rheinischen Zeitung“, V/VI. Heft, Hamburg 1850; zit. nach Engels 1885, a.a.O., S. 28.)

Diesem Standpunkt gegenüber empfand sich die Fraktion Willich-Schapper als „Partei der Tat“, denn ein „Bund“, der bloß auf die Gründung einer selbständigen proletarischen „Oppositionspartei der Zukunft“ abzielte, aber keine „Regierungspartei“ bilden wollte, war nichts für ehrgeizige Individuen, die „ihre persönliche Unbedeutendheit unter dem Theatermantel von Konspiration aufspreizen“ (S. 95), wie vor allem Willich selbst, von dem Engels noch 1885 schreibt:

Willich war einer der seit 1845 im westlichen Deutschland sehr häufigen Gemütskommunisten, also schon deshalb in instinktivem, geheimen Gegensatz gegen unsere kritische Richtung. Er war aber mehr, er war vollständiger Prophet, von seiner persönlichen Mission als prädestinierter Befreier des deutschen Proletariats überzeugt und als solcher direkter Prätendent auf die politische nicht minder als auf die militärische Diktatur. Dem früher von Weitling gepredigten urchristlichen Kommunismus trat somit eine Art von kommunistischem Islam zur Seite.“ (A.a.O., S. 26).

Hier hätte Mr. Jules Nonnerot das Vorbild seines „Islams des zwanzigsten Jahrhunderts“ finden können! Vgl. seine „Soziologie des Kommunismus“, Paris 1949, Köln-Berlin 1952, S. 9-24.

Auch Willich neigte als früherer preußischer Leutnant (und späterer General im nordamerikanischen Bürgerkriege) zu einer militaristischen Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse, und er hatte als „Mann der Aktion“ noch nicht begriffen, daß die erste Tugend des bewußten Revolutionärs die Geduld ist:

Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt fünfzehn, zwanzig, fünfzig Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern, und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: ,Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.‘ Während wir speziell die deutschen Arbeiter auf die unentwickelte Gestalt des deutschen Proletariats hinweisen, schmeichelt ihr aufs plumpste dem Nationalgefühl und dem Standesvorurteil der deutschen Handwerker, was allerdings populärer ist. Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von euch das Wort Proletariat. Wie die Demokraten schiebt ihr der revolutionären Entwicklung die Phrase der Revolution unter.“ (Marx in seinem Antrag auf Trennung, a.a.O., S. 39.)

Nachdem sich die beiden Fraktionen Mitte September 1850 getrennt hatten, handelten beide Gruppen nach ihren verschiedenen Auffassungen. Die Ironie des Kommunistenprozesses zu Köln bestand aber gerade darin, daß die „Marx-Partei“ wegen der Absichten angeklagt wurde, welche die andere „Partei Willich-Schapper“ verfolgt hatte! Am 10. Mai 1851 wurde ein Emissär des Bundes in Leipzig verhaftet, und die Polizei kam dem „Bund der Kommunisten“ auf die Spur. Weitere Verhaftungen (u. a. Bürgers und Rösers) erfolgten kurz darauf. Nach Marx hörte der Bund auf dem Kontinent danach auf, faktisch zu bestehen; er und Engels hatten seitdem keine Verbindung mehr mit Europa und waren somit auf der Insel England von ihrer „Partei“ isoliert. Man könnte annehmen, daß sie nun darüber sehr unglücklich gewesen wären. Das Gegenteil aber bezeugen die folgenden Sätze von Engels an Karl Marx vom 13. Februar 1851:

Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal – Gelegenheit zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support (Unterstützung, W.H.) von irgendeiner Partei irgendwelchen Landes brauchen und daß unsere Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsre eignen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit … Wir können uns übrigens im Grund nicht einmal sehr beklagen, daß die petits grands hommes (Kleinen Gernegroße, W.H.) uns scheuen; haben wir nicht seit soundsoviel Jahren getan, als wären Krethi Plethi (allerlei Gesindel, W.H.) unsre Partei, wo wir gar keine Partei hatten und wo die Leute, die wir als zu unsrer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, sous reserve de les appeler des betes incorrigibles entre nous (mit dem Vorbehalt, sie unter uns unverbesserliche Dummköpfe zu nennen, W.H.), auch nicht die Anfangsgründe unserer Sachen verstanden? Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine ‚Partei‘? Was soll uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine ‚Partei‘, das heißt eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält? Wahrhaftig, es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den ‚richtigen und adäquaten Ausdruck‘ der bornierten Hunde gelten, mit denen uns die letzten Jahre zusammengeworfen hatten … Nicht nur keine offizielle Staatsstellung, auch solange wie möglich keine offizielle Parteistellung, kein Sitz in Komitees usw., keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarmherzige Kritik für alle, und dazu jene Heiterkeit, die sämtliche Konspiration von Schafsköpfen uns doch nicht nehmen werden.“

Diese längeren Ausführungen von Engels sind die von Marx ausdrücklich erbetene Antwort auf die folgenden Zeilen von ihm vom 11. Februar 1851:

Mir gefällt sehr die öffentliche authentische Isolation, worin wir zwei, Du und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz unserer Stellung und unseren Prinzipien. Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln zu nehmen, das hat jetzt aufgehört.“ (Marx-Engels, „Briefwechsel“, Band I, 1844 bis 1853, Ostberlin 1949, S. 180 bis 181 und 176 bis 177.)

Die beiden Begründer des Marxismus waren also längst vor den ersten Verhaftungen von Mitgliedern der „Marx-Partei“ im Frühjahr 1851 innerlich nicht nur mit der Fraktion Willich-Schapper, sondern mit „ihrer“ Partei überhaupt fertig. Nach der Verurteilung der Angeklagten im Kölner Kommunistenprozeß (4. Oktober bis 12. November 1852) schrieb Marx am 19. November an Engels:

Der Bund hat sich vergangenen Mittwoch auf meinen Antrag hin aufgelöst und die Fortdauer des Bundes auch auf dem Kontinent für nicht mehr zeitgemäß erklärt.“ (A.a.O., S. 527).

Damit endete die Geschichte der ersten „marxistischen“ Partei, und es hat auch nie mehr eine Partei gegeben, deren Mitglieder Marx und Engels gewesen sind. (Ihre Beteiligung an der Gründung der I. Internationale steht auf einem anderen Blatte). Es genügt, dazu Marx selbst zum Abschluß das Wort zu erteilen:

Ich bemerke … daß … ich nie mehr einer geheimen oder öffentlichen Gesellschaft angehört habe oder angehöre, daß also die Partei in diesem ganzen ephemeren (eintägigen, kurzlebigen, W.H.) Sinne für mich seit acht Jahren zu existieren aufgehört hat … Also von ‚Partei‘ … weiß ich nichts seit 1852 … Ich bin Kritiker und hatte wahrhaftig genug an den 1849-1852 gemachten Erfahrungen. Der ,Bund‘ … war nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die aus dem Boden der modernen Gesellschaft naturwüchsig sich bildet … Ich habe … das Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter Partei einen seit acht Jahren verstorbenen ,Bund‘ oder eine seit zwölf Jahren aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich die Partei im großen historischen Sinne.“ (Karl Marx am 29. Februar 1860 an den Dichter Ferdinand Freiligrath. In: Franz Mehring, „Freiligrath und Marx in ihrem Briefwechsel“, Ergänzungshefte zur „Neuen Zeit“, Nr. 12 vom 12. April 1912, S. 42 und 46).

Inwiefern hat also Lenin „in der Frage der Partei unmittelbar an die Lehre von Marx und Engels angeknüpft?“

Quelle

Huhn_Umschlag_VorderweiteManuskript 1962. Nachlass Huhn. Erschien zuerst in WISO, Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Heft 15, September 1961, 6. Jahrgang in Antwort zu einem gleichnahmigen Beitrag von Heinz-Otto Dracker in Heft 13, Juli 1961, 6. Jahrgang, Beide Artikel erschienen dann im Karin Kramer Verlag als Teil der Textesammlung Partei und Revolution, Berlin 1970. Diese Version ist entnommen von der CD zu Jochen Gester Auf der Suche nach Rosas Erbe. Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970), Berlin, Die Buchmacherei, 2017 (Buchbesprechung).
Ergänzungen and erklärende Noten des Herausgebers sind innerhalb Klammern widergegeben.

Nur-Text Version als PDF

Anmerkungen

i )Es werden zitiert auf:

S. 604 Lenin 1, Stalin 4,
S. 605 Lenin 1, Stalin 3,
S. 606 Lenin 2, Stalin 1,
S. 607 Lenin 7, Stalin 4,
S. 608 Lenin 2, Stalin 0,
S. 609 Lenin 1, Stalin 1,
S. 610 Lenin 2, Stalin 1,
S. 611 Lenin 4, Stalin 0,
S. 612 Lenin 5, Stalin 0,
S. 613 Lenin 0, Stalin 2,
S. 614 Lenin 2, Stalin 2,
S. 615 Lenin 2, Stalin 3,
S. 616 Lenin 0, Stalin 4,
S. 617 Lenin 1, Stalin 2,

Lenin = 28 mal, Stalin = 27 mal. 
(Willy Huhn hat sich verrechnet: Lenin = 30 mal! – J.G.)

ii[Siehe dazu weiter Willy Huhn „Lenin und die russische Revolution“ (1948) und „Lenin als Utopist“ (1948).]

iv) „Der revolutionäre Marxismus von 1848 fand seine Fortsetzung im Rußland des Zaren.[“]Lenin ging den Weg „einer Neubelebung des Urmarxismus von 1848“. So „schuf er den Bolschewismus mit seinem scharfen Gegensatz zur westeuropäischen Sozialdemokratie und seinem gar nicht unberechtigten Anspruch, den echten revolutionären Urmarxismus wieder zum Leben zu erwecken.“ (Arthur Rosenberg, „Geschichte des Bolschewismus“, Rowohlt. Berlin 1932, S. 26 und 31).

v) Für Lenin ist „die Revolution … ein Krieg“, (in „Wperjod“ am 31./18. Januar 1905, „Sämtliche Werke“, Bd. VII, S. 122). „Nehmen wir die moderne Armee. Sie ist eines von den guten Vorbildern der Organisation. Und gut ist diese Organisation nur deshalb, weil sie elastisch ist und zugleich Millionen von Menschen einen einheitlichen Willen zu verleihen versteht. (Fett schon bei Lenin, kursive Hervorhebungen stets von mir. W.H.)
 Heute noch sitzen diese Millionen bei sich zu Hause, an verschiedenen Ecken und Enden des Landes. Morgen kommt der Mobilmachungsbefehl – und schon haben sie sich an den ihnen bezeichneten Punkten gesammelt. Heute liegen sie in den Schützengräben, liegen da mitunter monatelang. Morgen gehen sie in anderer Formation zum Sturm vor. Heute verrichten sie ein Wunder, vor Kugel und Schrapnell sich deckend. Morgen verrichten sie Wunder im offenen Kampf. Heute legen ihre Vortrupps Minen unter der Erde, morgen stoßen sie nach den Weisungen der Flieger kilometerweit über die Erde vor. Ja, dies heißt Organisation, wenn im Namen eines bestimmten Zieles, beseelt von einem bestimmten Willen, Millionen von Menschen die Form ihres Verkehrs und ihres Tun ändern, entsprechend den veränderten Umständen und Erfordernissen des Kampfes. Dasselbe gilt auch für den Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie.“ (In „Kommunist“, Nr. 1/2, Sommer 1915; S. 59). Wie man sieht, besteht für Lenin die „Güte“ bzw. der Wert einer Organisation in der Dispositionsmöglichkeit über Menschenmassen.

vi) Im Worte „Seminar“ – eigentlich Samen-, dann Pflanzenschule – steckt auch schon die „Propaganda“-Verbreitung über das Land. Das Christentum entstand in den Städten des römischen Reiches, und seine „propaganda fide“ mußte über das „heidnische Land“ verbreitet werden; der „Heide“ war also der „Bauer“ (paganus) in der Heide (frz. paysan). Sofern ein Seminar im engeren Sinne eine „Vorbereitungsschule und Übungsstätte für angehende Lehrer und Geistliche“ ist, gehen ja auch diese später auf das Land und in das Volk, um das Erlernte weiterzuverbreiten.

vii) Engels spricht in diesem Zusammenhang von einer „Verfallzeit der europäischen Revolutionen“ des 19. Jahrhunderts von „fünfzehn bis achtzehn Jahren.“ (Nach der Revolution von 1830 kam jene von 1848 nach achtzehn Jahren; die nächste Krise war also etwa 1863 bis 1866 fällig gewesen; sie brach dann auch aus, wurde aber als Krieg abgefangen und von Marx/Engels als „Revolution von oben“ charakterisiert, wie auch der Krieg 1870/71, der den ersten nach einer Pause von fünf Jahren nur fortsetzte. Infolgedessen wurde die nächste Revolution 1885/86 bis 1888/89 fällig, und Engels erwartete sie also 1885 „bald“.) Wenn man auch darüber lächeln mag: aber von 1918 an dauerte es nur wieder fünfzehn Jahre bis zur nächsten „Revolution von oben“ im Jahre 1933!

Willy Huhn: Zur Lehre von der revolutionären Partei

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