Willy Huhn: Lenin und die russische Revolution

LeninStalinIn folgendem Text untersucht der deutsche Rätekommunist Willy Huhn die autoritären und hierarchischen Wurzeln des Leninismus die den Bolschewiki dazu gebracht haben die Macht der Arbeiterräte unmittelbar nach Oktober 1917 auszuschalten. Lenin war eben der „Überzeugung, daß die russische Arbeiterklasse keine eigene Ideologie ausarbeiten und sich keine klar bewußten revolutionären Ziele stecken kann. So muß sie der bürgerlichen Ideologie verfallen, wenn sie nicht von der jakobinischen Intelligenz geführt wird. (…) Für die Führung der revolutionären Massenaktion ergibt sich daraus die praktische Konsequenz eines ‚Aufbaus der Partei von oben nach unten‘.“

Inhalt

Autoritärer Kommunismus

Die dritte Perspektive

Das Wesen des Leninismus

Intelligenz und Masse

Lenins Jakobinertum

Rolle und Bedeutung der Intelligenz nach Marx und Trotzky

Die Masse und die Räte

Autoritärer Kommunismus

„Eine sozialistische Organisation verlangt, wie jede andere Organisation, eine angemessene Basis. Russland hat diese Basis nicht. Die objektiven sozialen Bedingungen für eine sozialistische Organisation sind noch nicht gegeben. Eine revolutionäre Regierung, die das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufgehoben hat, wird sich vor folgender Alternative befinden: sie muß entweder als untätiger Zuschauer mit ansehen, wie die ökonomische Gleichheit, die sie geschaffen hat, wieder zerstört wird, oder muß selbst die nationale Produktion organisieren. Dies schwierige Problem kann sie nicht im Geiste des modernen Sozialismus lösen, da die Geschicklichkeit der russischen Arbeiter nicht groß genug und ihre Mentalität zu wenig entwickelt ist. Daher muß sie das Heil in den Idealen eines autoritären Kommunismus nach Art des Inkastaats suchen. Die einzige Veränderung die sie dazu beitragen kann, ist die, daß eine sozialistische Kaste die Produktion an Stelle der peruanischen ‚Söhne der Sonne‘ und ihrer Funktionäre lenkt!1

So sahen die ersten russischen Marxisten im Jahre der Gründung der Keimzelle der russischen Sozialdemokratie das Problem der russischen Revolution: da in Russland die modernen industriellen Produktivkräfte, die der Kapitalismus im bürgerlichen West- und Mitteleuropa entwickelt hatte, erst noch geschaffen werden mußten, fehlten die materiellen Fundamente für eine sozialistische Organisation der Gesellschaft. Wurde eine solche trotzdem versucht, dann war dies in den demokratisch-parlamentarischen Formen des Westens nicht möglich, sondern nur in denen einer von der (sich zu einer herrschenden Kaste umbildenden) sozialistischen Partei ausgeübten Diktatur.

Die geschichtliche Entwicklung hat bewiesen, daß diese marxistische Perspektive der russischen Revolution sich in der Form der Verwirklichung der autoritären Möglichkeit erfüllt hat. Diese Feststellung ist umso wesentlicher, als gerade der bedeutendste vormarxistische russische Sozialist Bakunin, die westeuropäischen Marxisten als „autoritäre Kommunisten“ bezeichnet hat, weil sie nach seiner Meinung Anhänger „der absoluten Initiative des Staates“ waren. Ein anderer bedeutender Vertreter des russischen utopistischen Sozialismus, Alexander Herzen, prophezeite, daß der russische Kommunismus nichts anderes sein werde, als „die umgekehrte russische Autokratie“2.

ln Russland hat Bakunin mit seiner Beurteilung des Marxismus Recht behalten, wie sich auch die Voraussicht Herzens erfüllte. Gerade die Geschichte der russischen Revolution im 20. Jahrhundert bestätigt die materialistische Geschichtsauffassung auch in dem Sinne, daß sich die sozialökonomische Struktur selbst gegenüber dem politischen Willen marxistischer Sozialisten durchsetzt.

Die angeführte Stelle von Plechanow ist nur auf Russland und auf eine Revolution im national-russischen Rahmen konzentriert, aber trotzdem entspricht der Standpunkt des Altmeisters des russischen Marxismus dem von Friedrich Engels, der noch kurz vor seinem Tode daran festhielt, daß ohne den Sturz des zaristischen Regimes und ohne eine proletarische Revolution im Westen „das heutige Russland weder aus der Gemeinde noch aus dem Kapitalismus heraus zu einer sozialistischen Umgestaltung kommen kann“3.

Die Entscheidung über eine sozialistische Umwälzung Russlands konnte demnach nicht in Russland selbst, sondern nur in West- und Mitteleuropa fallen. Auf sich allein gestellt konnte Russland entsprechend der Reife seiner sozialökonomischen Verhältnisse nur eine nationale, bäuerlich-bürgerliche Revolution erwarten, deren Aufgabe eben in der Zerschlagung der ökonomischen und politischen Macht des Großgrundbesitzes und in der Entfaltung der industriellen Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft bestand. Davon war auch Lenin beim Ausbruch der ersten russischen Revolution fest überzeugt, er versprach sich davon „zum erstenmal“ eine „breite und schnelle, europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus“ … In solchen Ländern wie Russland leidet die Arbeiterklasse nicht so sehr durch den Kapitalismus, als vielmehr durch die mangelhafte Entwicklung des Kapitalismus. Darum ist die Arbeiterklasse an der breitesten, freiesten und schnellsten Entwicklung des Kapitalismus unbedingt interessiert.4 Abgesehen von den Narodniki‚ die glaubten, auf dem Wege eines nationalen Bauernsozialismus die kapitalistische Periode vermeiden zu können, kam es trotz dieser gemeinsamen Einsicht in den Gang und in den Charakter der russischen Revolution unter den russischen Schülern von Marx und Engels zu tiefen und entscheidenden Differenzen über die Rolle der Arbeiterklasse und der sozialistischen Partei im Prozeß der bürgerlich-kapitalistischen Revolution Russlands. Lenin stellte ihr die Aufgabe, „die bürgerliche Revolution radikal zu Ende zuführen“, aber nicht etwa mit der liberalen Bourgeoisie‚ sondern gegen sie, mit der Hilfe der Bauern. Die für diese Auffassung geprägte Parole lautete: „Demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern5.“

Gegenüber dieser bolschewistischen Auffassung erhoben die Menschewiki warnend ihre Stimme. In seiner Broschüre „Zwei Diktaturen“ erklärte in ihrem Nahmen Martynow, es sei für die russische Sozialdemokratie unmöglich, „in der bevorstehenden Umwälzung die Rolle der Jakobinerpartei zu spielen“. Sie wollten die politische Führung der russischen Revolution dem liberalen Bürgertum überlassen, weil jene ja sozusagen seine eigenste Angelegenheit sei. Lenin und seine bolschewistische Fraktion, „die Jakobiner der modernen Sozialdemokratie“, wollten dagegen mit dem Zarismus auf eine plebejisch-radikale Weise fertig werden, indem sie auch die „inkonsequente“ Bourgeoisie machtpolitisch ausschalteten6.

Den Menschewiki schwebte also etwa ein konstitutionell eingeschränktes Zarentum, jedenfalls aber die mildere Form einer parlamentarischen Demokratie vor, die zweifellos entgegen der Leninschen Perspektive ein System der Konzessionen und nicht der „schonungslosen Vernichtung“ der alten feudal-absolutistischen Gesellschaftsform Russlands herbeigeführt haben würde.

Die dritte Perspektive

Neben diesen „zwei Taktiken“ der russischen Sozialdemokratie, der menschewistischen und der bolschewistischen, gab es aber auch noch eine dritte Perspektive, nämlich diejenige Trotzkys. Dieser forderte eine reine „Arbeiterregierung“, eine echte „Diktatur des Proletariats“, deren Ergebnis die kommunistische Weltrevolution sein müsse, weil sich eine absolute Herrschaft der russischen Arbeiter gegenüber der Überzahl der russischen Bauern „ohne direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats nicht an der Macht halten“ könnte’7.

Sowohl die bolschewistische als auch die menschewistische Perspektive der russischen Revolution hatten das eine gemeinsam, daß sie beide nur die russische Revolution sahen. Gegenüber dieser nationalen Einschränkung des Gesichtsfeldes war Trotzky mit seinen engeren Freunden die einzige marxistische Gruppe, die vom Standpunkt einer revolutionären Arbeiter-Internationale an die Probleme der russischen Revolution herangegangen war. Ihnen ging es nicht wie den Bolschewiki um eine „nationale Volksrevolution“, sondern um die internationale proletarische Revolution; nicht um eine nationale Teilerhebung, sondern um eine weltumfassende Erhebung der Arbeiterklasse. Wenn die russische Revolution ausbricht‚ muss sie also permanent bleiben, bis zunächst die europäische Arbeiterrevolution ihr zu Hilfe kommt8.

Blieb aber die europäische Arbeiterrevolution aus, dann war die „Diktatur des Proletariats zum Untergang verurteilt, da sie ja die Bauern von der politischen Macht ausschloß und mit Hilfe der europäischen Arbeiter zu unterdrücken trachtete. Eine Leninsche Diktatur der russischen Arbeiter und Bauern unter Führung der radikaldemokratischen (jakobinischen) und sozialistischen Intellektuellen mit der Aufgabe der Entwicklung der industriellen Produktivkräfte Russlands würde zwar im Kampfe um die ökonomische Unabhängigkeit des Landes einen schweren Stand haben, sich aber durchaus als eine „Volksdemokratie“ behaupten können. —

Diese drei möglichen Perspektiven der russischen Revolution haben sowohl die theoretischen Prinzipien ihrer Vertreter als auch die organisatorischen Grundsätze ihrer Organisationen bzw. der entsprechenden Fraktionen bestimmt. Ein Verständnis der sozialistischen bzw. marxistischen Richtungen Russlands ist in erster Linie aus ihren Auffassungen von der Aufgabe und dem Charakter der russischen Revolution zu gewinnen. Z. B. um die Koalition der Arbeiter mit den Mittelschichten im Rahmen der bürgerlich-demokratischen Revolution zu sichern und die verwickelten Manöver einer solchen Revolution durchführen zu können, bedurfte es einer geschulten autokratischen Führerzentrale und keiner unkontrollierten Massen-Spontaneität‚ womit wir vor wichtigen Kriterien des „Leninismus“ stehen9.

In einem Artikel, der in einer polnischen Zeitschrift „wahrscheinlich im Jahre 1909“ erschien, warf Trotzky Lenin vor, er stütze sich nur deswegen auf die Bauern, weil er sie „als Garantie gebrauche“, daß die russische demokratische Revolution nicht sofort durch die Arbeiter zur Ein- und Durchführung des Sozialismus ausgenutzt werde! Während die Menschewiki unter dem Hinweis auf den bürgerlichen Charakter der russischen Revolution sich der liberalen, auf den Parlamentarismus zusteuernden Bourgeoisie anschlössen und sie unterstützten, bis sie die Staatsmacht in den Händen hielte, um sich dann auf die Rolle einer parlamentarischen Oppositionspartei zu beschränken, führte Trotzky weiter aus, verträten die Bolschewiki den „Gedanken der bürgerlich-demokratischen Selbstbeschränkung des Proletariats, in dessen Händen sich die Staatsmacht befindet“, weil auch nach ihrer Meinung die Revolution sich nur bürgerliche und kapitalistische Aufgaben stellen könne. „Das ganze Unglück liegt darin, daß die Bolschewiki den Klassenkampf des Proletariats nur bis zum Augenblick des Sieges der Revolution führen, hierauf löst er sich zeitweilig in eine ‚demokratische‘ Arbeitsgemeinschaft (mit den Bauern und Kleinbürgern) auf.“ Der Unterschied zwischen Menschewismus und Bolschewismus, folgert Trotzky schließlich, bestehe im wesentlichen nur darin, daß sich beim ersteren die „antirevolutionären Züge“ bereits vor der Revolution zeigten, beim letzteren aber sich erst „im Falle eines revolutionären Sieges“ zeigen würden10!

Das Wesen des Leninismus

Nach diesem Überblick über die Grundauffassungen der verschiedenen marxistischen Gruppen innerhalb der russischen Sozialdemokratie scheint es doch wohl mit dem proletarisch-revolutionären Charakter der ursprünglichen Leninschen Konzeption mißlich zu stehen, und man müßte erwarten, daß eine erneute Beschäftigung mit dem Problem des Leninismus zumindest eine kritische Analyse der leninistisch-stalinistischen Legende liefert. Das neue Buch von Dr. Werner Ziegenfuß ist aber von einer solchen weit entfernt. Er nimmt zwar für sich nicht in Anspruch, „eine im Sinne Lenins und seiner Partei verbindliche politische Darstellung und Auslegung seiner Soziologie zu finden“. Aber er ist davon überzeugt, daß Lenin die marxistische Theorie „fortgeführt“, also „über Marx hinaus“ weiterentwickelt und die marxistische Gedankenwelt bis zum vollkommenen Sieg „verwirklicht“ hat. Damit nicht genug wird auch „der Führer des Sowjetstaates Josef Stalin“ als „Nachfolger und Fortsetzer im Werk Lenins“ bezeichnet, das wieder als „unmittelbare Nachfolge des Marxismus“ angesehen wird11. Schließlich wird die offizielle „Geschichte der KPdSU“ (Berlin 1946) als ernste geschichtswissenschaftliche Quelle benutzt!

Für Ziegenfuß wie für Nötzel „trifft“ in der Tat „die russische Auffassung des Marxismus nicht nur dessen tatsächliches Wesen in bisher unerreichter Weise“, sondern „klärt vielmehr auch dazu noch in nie dagewesener Tiefe über es auf“12!

Das ist zweifellos ein Ergebnis, das nicht nur ganz im Sinne Lenins und seiner Partei, sondern auch im Sinne Stalins und seiner bolschewistischen Kaste liegt. Ein Blick auf die Quellen verstärkt den Eindruck einer Darstellung, die sich kritiklos gegenüber der leninistisch-stalinistischen Legende über die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 verhält. Keine für die SED oder die KPdSU dubiose oder „konterrevolutionäre“ Schrift wird erwähnt oder benutzt: die Geschichte der russischen Sozialdemokratie von Martow und Dan fehlt ebenso wie die hervorragende Arbeit von Arthur Rosenberg über die Geschichte des Bolschewismus; Rosa Luxemburgs Kritik an Lenin von 1903/04 und am Bolschewismus von 1918 scheint dem Verfasser ebenso unbekannt geblieben zu sein wie die Geschichte der russischen Revolutionen von Trotzky. Konnte der Verfasser solche Quellen „fortlassen“? Wenn er es tat, welche „Akzente“ war er dann gezwungen zu setzen? Was bestimmte dann seine „Auswahl“ und was erschien ihm dann als „wesentlich“? Was gehörte für ihn dann zu dem „für die Geschichte Bedeutsameren aus der Gedankenwelt Lenins“, das unbeachtet blieb oder nicht ausdrücklich betont wurde, und worin bestand jenes „andere“, das „hervorgehoben und der Deutung zugrunde gelegt wird“, obwohl es „historisch weniger wesentlich ist“? Und wo erblickte der Verfasser die Möglichkeit für den Ausgleich solcher Mängel, die Quelle für die Ausfüllung seiner Lücken? Hören wir ihn selbst: „Angesichts dieser von vornherein zu klärenden methodischen Besonderheit unserer Darstellung verweisen wir den Leser zum weiteren Studium auf die umfassende Darstellung der ‚Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)‘ (Berlin 1946), die gerade das historisch Wesentliche aus Werk und Wirken Lenins in seiner unmittelbaren geschichtlichen Gebundenheit und Deutung zusammenhängend darstellt. Dieses Werk wird der Leser in jedem Fall heranzuziehen haben, um die Einseitigkeiten in Hinsicht der geschichtlichen Entwicklung Lenins zu korrigieren, die in unserem Versuch unvermeidlich sind13.“ Wenn diese Sätze einen Sinn haben, so kann er hier nur bedeuten: Sollte meine Darstellung Lenins vom Standpunkt des Stalinismus aus Fehler und Mängel aufweisen, so ist für ihre Kritik und Korrektur von vornherein die parteioffizielle Geschichte der Bolschewiki maßgebend!

Intelligenz und Masse

Die vom Verfasser getroffene Auswahl und sozusagen das Leitmotiv seiner Darstellung ist allerdings tatsächlich auf die wesentlichen Probleme des Leninismus gerichtet: „Lenins Ansicht über das Verhältnis von Intelligenz, Masse und Revolution legt über ihren erkenntnismäßigen Gehalt hinaus die politische Struktur der bolschewistischen Gesellschaft fest14.“ Tatsächlich kennzeichnen den Leninismus ganz bestimmte Auffassungen über diese drei Kategorien, wenn sie auch keineswegs marxistisch sind! —

Betrachten wir zunächst die Auffassung Lenins über die Rolle der Intelligenz in Russland. In den bürgerlichen Revolutionen stellt das Bauern- und Kleinbürgertum die große Masse des Klassenkampfes, während der verhältnismäßig kleinere Teil der Großbourgeoisie mit Hilfe der entstehenden Bürokratie sich ökonomisch durchsetzt. Dagegen liegt die politische Führung des Kampfes in den Köpfen einer wichtigen Kategorie der Bourgeoisie, der bürgerlichen Intelligenz, angestachelt durch den Umstand, daß die höheren und einträglicheren Pfründen der absolutistischen Bürokratie, dem Adel und dem Klerus vorbehalten bleiben. Im Verkehrs- wie im Kriegswesen, in der Medizin wie in der Jurisprudenz sowie in den verschiedenen und immer zahlreicher werdenden Schulen bedurfte es einer ausgedehnten Klasse von „Kopfarbeitern“. Sie befreite sich in zunehmendem Maße von der Abhängigkeit vom Hofadel und geriet in jene von der Groß- und Kleinbourgeoisie, die über den Bücher- und Zeitschriftenmarkt letzten Endes die Abnehmer ihrer Arbeiten waren, oder einen gewissen Einfluß auf ihre Unterbringung in den unteren und mittleren Beamtenstellen hatte. Selbst die sogenannten „freien Berufe“, vor allem Rechtsanwälte und Ärzte, waren an der Entfaltung einer „freien Marktwirtschaft“ interessiert, da ihre Tätigkeit eine solche voraussetzte. Ihr Beruf aber brachte es durch ihre logische Schulung und ihren rationalen Überblick mit sich, dass sie eine umfassende Kenntnis der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ihrer Zeit gewann; „so ist es die Intelligenz gewesen, die die dauernden Klasseninteressen der Bourgeoisie erkannte“, oft im Gegensatz, nicht nur zum Adel, Hof und Klerus, sondern auch gegenüber den unteren Klassen, ja sogar unter Umständen gegenüber bornierten Cliquen der Kapitalisten selbst. So erschienen ihre Vertreter nicht als Vertreter bestimmter materieller und Standesinteressen, sondern als Repräsentanten von Prinzipien und Ideen. Als die große französische Revolution den Hofadel und die mit ihm Verbündete hohe Finanz gestürzt hatte, „gab es in Frankreich nur eine Klasse, die regierungsfähig gewesen wäre, die bürgerliche Intelligenz“. Im Besitz der Staatsgewalt führten sie die wirklichen Tendenzen der bürgerlichen Revolution durch und verhalfen den Bedürfnissen des modernen Kapitalismus zum Durchbruch. Die entschiedenste Fraktion der radikaldemokratischen Intelligenz fand sich im Jakobinerklub als ihrer Parteiorganisation zusammen. Unter Ihnen waren die Rechtsanwälte so stark vertreten (z. B. Danton und Robespierre, während Marat ursprünglich Arzt war), daß Kautsky mit Recht die Sogenannte Schreckensherrschaft als ein „Advokatenregiment“ charakterisierte15.

In der Darstellung von Ziegenfuß erscheint Lenin, hervorgehend aus altem Beamtenadel, Sohn eines Schulinspektors, Student der Jurisprudenz und der Staats-Wissenschaften an der Universität Kasan, Rechtsanwalt in Petersburg nach dem Staatsexamen im Jahre 1889, als ein typischer Repräsentant der radikaldemokratischen (jakobinischen) Intelligenz Russlands, das seine große bürgerliche Revolution noch vor sich hatte: „Lenins literarisches Werk repräsentiert die konsequente Erfüllung der Forderungen, die er an die Intelligenz richtet und der Richtlinien, die er für das Verhältnis von Intelligenz und Proletariat, von Theorie und praktischer Aktion aufstellt.“ Während der Zar das Wort „Intelligenz“ aus dem Wörterbuch der Akademie der Wissenschaften streichen wollte, habe Lenin ihm „einen besonders wesentlichen Gehalt“ gegeben. „Die materialistisch denkende Intelligenz“ werde bei Lenin, „zur Führerin der Weltrevolution“. „Diese Intelligenz beendet in dem Maß, in dem sie sich, in der Leitung des Proletariats durchsetzt und ihr Ziel verwirklicht, das sie sich von der Entwicklung der Gesellschaft vorgeschrieben weiß, die zaristische und die sie vorübergehend ablösende bürgerliche Epoche der russischen Gesellschaft, und sie leitet damit den revolutionären Prozeß in der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt ein.“ Wie aber in der großen französischen Revolution die Intellektuellen als Vertreter „reiner“ Vernunftsprinzipien jenseits der Geschichte erschienen, und deshalb später von dem einstigen Jakobiner und späteren Realpolitiker Napoleon als „Ideologen“ verächtlich abgetan wurden, wie man in Italien dementsprechend die Intelligenz anschaulich als „Luftmenschen“ charakterisierte, so ist auch die jakobinische Intelligenz Russlands durch ihre „Wurzellosigkeit“ gekennzeichnet. Abgelöst von der alten feudal-absolutistischen Gesellschaft, mit ihrem Denken in einer noch nicht vorhandenen Gesellschaftsordnung lebend, „existiert“ sie gewissermaßen zwischen den Zeiten. „Lenin nimmt seine Position grundsätzlich außerhalb aller Bindungen des Bewusstseins an geistige und soziale Voraussetzungen, die noch in den herrschenden Zuständen wurzeln.“ Infolgedessen kann auch die „von der Intelligenz auf ein bestimmtes Ziel hin planmäßig zu führende revolutionäre Aktion“ nicht eigentlich aus den gesellschaftlichen Wurzeln der russischen Sozialstruktur entwickelt und abgeleitet werden, sondern sie muß gewissermaßen von einer außerhalb ihr liegenden Position aus propagiert und kommandiert werden. Bekanntlich gilt das nicht nur in territorialem Sinne — die erste marxistische Gruppe organisierte sich in der Schweiz aus Emigranten, und die eingangs zitierte Broschüre von G. W. Plechanow wurde über die russischen Grenzen eingeschmuggelt —, sondern auch im soziologischen: zwar fordert Lenin die Intellektuellen auf, „die revolutionäre Arbeit mit der Arbeiterbewegung zu einem Ganzen zu verbinden“16, aber eben in der Überzeugung, daß die russische Arbeiterklasse keine eigene Ideologie ausarbeiten und sich keine klar bewußten revolutionären Ziele stecken kann. So muß sie der bürgerlichen Ideologie verfallen, wenn sie nicht von der jakobinischen Intelligenz geführt wird. Im völligen Widerspruch zur Auffassung von Marx und Engels selbst behauptet Lenin: „Die Lehre des Sozialismus ist … aus philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgewachsen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden … Ebenso entstand auch in Russland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der Ideenentwicklung der revolutionär-sozialistischen Intelligenz17.“ Die Arbeiter konnten ein sozialdemokratisches Bewusstsein aus eigenen Kräften nicht erwerben, also auch nicht haben, „dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden“. Infolgedessen besteht für Lenin „die Rolle der Sozialdemokratie … darin, der ‚Geist‘ zu sein, der nicht nur über der spontanen Bewegung schwebt, sondern diese Bewegung auch auf die Höhe seines Programms emporhebt18.“

Lenins Jakobinertum

Für die Führung der revolutionären Massenaktion ergibt sich daraus die praktische Konsequenz eines „Aufbaus der Partei von oben nach unten19!“

Diese derart straff organisierte Partei kann nur eine militante Organisation von Berufsrevolutionären sein und muß „eine stabile und die Kontinuität währende Führerorganisation … haben“. Lenin selbst faßte seine jakobinischen Vorstellungen von der Organisation der russischen Sozialdemokratie bündig und schlagend in dem Satz zusammen: „Wir aber brauchen eine militärische Organisation von Agenten20.“

Die bolschewistische Führerorganisation ist damit ihrem Wesen nach als eine militärische Organisation der radikal-demokratischen Intelligenz Russlands ähnlich dem einstigen Jakobinerklub charakterisiert21”.

Nach Carlyle war diese radikal-demokratische, über ganz Frankreich verzweigte Gesellschaft die eigentlich regierende Partei: die Jakobiner waren „Herren des Gesetzes“ und bestimmten nicht nur über Krieg und Frieden, sondern auch „im voraus, was die gesetzgebende Versammlung tun soll“; im Laufe der Zeit hatten sie alle anderen ‚Klubs‘ oder Parteien unterdrückt und den Terrorismus zur Regierungsmethode ausgebildet22„.

Es entspricht also völlig der bolschewistischen Perspektive über die russische Revolution und dem radikal-demokratischen Wesen der Politik Lenins, wenn er die russische Sozialdemokratie im Sinne eines modernen Jakobinerclubs organisieren möchte. „Es steckt nichts als Opportunismus in diesen ‚furchtbaren‘ Wörtchen Jakobinertum usw. Der Jakobiner, der untrennbar verbunden ist mit der Organisation des Proletariats, das sich seiner Klasseninteressen bewußt geworden ist — das ist eben der revolutionäre Sozialdemokrat23“ Hier ist allerdings gewissermaßen an die Stelle des radikalisierten Kleinbürgertums und des Vorstadt-Frühproletariats von 1789 in Frankreich das moderne industrielle Proletariat Russlands getreten. —

Die Darstellung der Leninschen Auffassung von der Rolle der russischen Intelligenz ist also von Ziegenfuß klar herausgearbeitet worden — wir fürchten sogar: viel zu klar für die SED! —‚ aber indiskutabel ist seine Meinung, daß der Leninismus gerade in diesem Punkte der legitime Erbe des Marxismus sei. Ich möchte mich nun gerade an dieser Stelle nicht allzusehr wiederholen24, aber einige Bemerkungen über den marxistischen Standpunkt zur Intelligenz und zur Partei erscheinen hier im Hinblick auf Russland als dringend notwendig.

Rolle und Bedeutung der Intelligenz nach Marx und Trotzky

Den entscheidenden marxistischen Einwand gegen den Bolschewismus brachte Trotzky 1910 klar zum Ausdruck: den wissenschaftlichen Marxismus haben Marx und Engels aus der materiellen und geistigen Entwicklung der fortgeschrittenen europäischen Länder abgeleitet. In Westeuropa tauchte der Marxismus also erst nach den großen bürgerlichen Revolutionen des Westens auf, nach ihrer kritischen Analyse und theoretischen Bewältigung, zugleich aber auch als Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung der ersten gewaltigen proletarischen Klassenbewegungen Frankreichs und Englands. Nur so konnte das Lebenswerk von Marx und Engels eine ‚Waffe der unmittelbaren politischen Selbstbestimmung des Proletariats“ werden. Ganz anders aber war die Situation beim Eindringen des Marxismus in Russland.

Aus den unentwickelten und rückständigen Verhältnissen dieses Landes konnte der Marxismus nicht abgeleitet werden, sondern er kam als Importware in literarischer Gestalt, und das hieß eben, „als fertige Doktrin, als Formel, die es galt, in die Praxis umzusetzen“, während er in Europa aus der sozialen Praxis durch ihre methodische Bewältigung gewonnen worden war. In Europa stammte die revolutionäre marxistische Theorie aus der revolutionären Praxis, für Russland dagegen stellte Lenin das Prinzip auf, dass es ohne revolutionäre Theorie auch keine revolutionäre Praxis geben könne! „Jedes Land mußte und muß für sich (aber, H.) aufs neue den Marxismus erwerben, um ihn zu besitzen.“ Denn „die Theorie kann die Erfahrung“, d. h. die entwickelteren europäischen Produktions- und Klassenverhältnisse „nicht ersetzen“. In Russland erschien der Marxismus nach dem Scheitern der Narodniki und ihrer Ideologien als „die Waffe für die vorbereitende gesellschaftliche Orientierung der sozialistischen Intelligenz in einem politisch unentwickelten Milieu, dem jede Tradition eines bewußten Massenkampfes fehlte.“ Indem nun diese Intelligenz in die Arbeiterbewegung und in die sozialdemokratische Partei eintrat, trug sie auch „ihre sämtlichen sozialen Eigenschaften: sektiererischen Geist, Intelligenzlerindividualismus‚ ideologischen Fetischismus in die Partei hinein; diesen ihren Besonderheiten paßte sie den Marxismus an, den sie verzerrte.“ Der Marxismus hatte einst die älteren Formen des Utopismus in Westeuropa gemeinsam mit der Arbeiterklasse überwunden; diese „inneren Widersprüche in den Konstruktionen des Sozialismus“ kehrten nun in rückständigen Ländern bei der Einfuhr und praktischen Anwendung des Marxismus „In Form national-politischer Widersprüche zurück“. Der Kampf um den Utopismus und um die Überwindung der Verdinglichung im wissenschaftlichen Denken wiederholte sich hier, nur daß nun auch die Utopisten und Fetischisten als „Marxisten“ gelten wollten.

So ergaben sich nach Trotzky die „zwei Taktiken“ und die beiden Fraktionen der russischen Sozialdemokratie: „Die Bolschewiki erhoben die ursprüngliche primitive Organisation der Partei zum Prinzip und sahen in der politischen Unreife des Proletariats, verbunden mit seiner revolutionären Stimmung, die Ursache, warum die Arbeiterschaft am zweckmäßigsten durch die marxistische Intelligenz geleitet werde. Die Menschewiki dagegen kritisierten aufs schärfste den zweistöckigen Aufbau der Partei, enthüllten die bürgerlich-jakobinische Natur der Intelligenz, die sich hinter dem Scheine des Marxismus versteckte und erklärten, daß sich hinter der Fahne der Diktatur des Proletariats, die Diktatur über das Proletariat verberge.“ Aus der weiteren Darstellung Trotzkys geht dann klar hervor, wie die spontane Arbeiterbewegung Russlands über beide fetischistischen Extreme hinaus zur proletarischen Tagesordnung übergeht, und daß daher seit der ersten russischen Revolution „keine Fraktion mehr gegen den Willen der zum Bewusstsein gelangten Schicht der Arbeiter die Massen hinter sich bekommen“ kann, womit der Prozeß der „Emanzipation der sozialistischen Avantgarde des Proletariats von der Hegemonie der Intelligenz“ zu einem gewissen Abschluss gekommen war25.

Trotzky hat die hier von ihm angeführte menschewistische Kritik am Leninismus übrigens nach der Spaltung der russischen Sozialdemokratie in Bolschewiki und Menschewiki selbst geteilt: 1904 hat er in seiner Broschüre „Unsere politischen Aufgaben“ Lenin den Vorwurf gemacht, er wolle im Grunde nur „eine Diktatur über das Proletariats“ errichten26! Auch seine Gesinnungsfreundin Rosa Luxemburg meinte zur gleichen Zeit, daß Lenin mit seinem Bekenntnis zum Jakobinertum „seinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet“ habe, „als es irgendeiner seiner Opponenten tun könnte“; außerdem, meinte sie, sei Lenins Gedankengang „auf die Einengung und nicht auf die Entfaltung, auf die Schurigelung und nicht auf die Zusammenziehung der Bewegung zugeschnitten“27.

Lenins Lehrer, Plechanow, der Begründer des russischen Marxismus, prophezeite schon damals, daß der Bolschewismus sich einmal zum „Bonapartismus entwickeln werde, den er bereits in Lenins Haltung angedeutet fand28, wahrend ein anderer Mitbegründer der „Gruppe zur Befreiung der Arbeit“, Paul Axelrod, darauf hinwies, daß im Leninismus auch das Bestreben der jakobinischen Intelligenz zum Ausdruck gelange, „die gesamte proletarische Bewegung in der allgemeinen revolutionären Bewegung des Volkes aufzulösen, die ihrem Wesen nach kleinbürgerlich sei, die aber die Ideologen des Bolschewismus, gestützt auf die persönliche Autorität der Führer und auf die eiserne Faust einer Verschwörerorganisation in die Bahn sozialistischer Bestrebungen zu drängen hofften“29. Nach diesen Proben aus der von Ziegenfuß nicht berücksichtigten Literatur wird man meinen Vorwurf seiner Abhängigkeit von der leninistisch-stalinistischen Legende ebenso begreiflich finden wie meinen Zweifel an seiner Kenntnis des Marxismus überhaupt. —

Die Masse und die Räte

Ziegenfuß, um Lenins Haltung zur Masse, im besonderen zum Proletariat, zu charakterisieren, zitiert aus den Erinnerungen der Frau Lenins Sätze, die für seinen tiefen Glauben an den Klasseninstinkt des Proletariats, an dessen schöpferische Kraft und geschichtliche Mission zeugen sollen. Besonders habe Lenins Tätigkeit unter den Petersburger Arbeitern seinen „Glauben an die Macht der Arbeiterklasse zu lebendigen Gestalten werden lassen“. Dieser Glaube ging jedenfalls nach der Meinung der Arbeiter selbst nicht weit genug: 1897 empörten sich die proletarischen Mitglieder des von Lenin und Martow geführten „Petersburger Kampfbundes“ dagegen, daß seine Leitung nur in den Händen von zwei Dutzend Intellektuellen liege; sie forderten demgegenüber Anteilnahme an der Führung und Demokratie innerhalb der Organisation. Lenin hat dieses Verlangen abgelehnt, u.a. auch mit der Begründung, daß man keine besondere Arbeiterpolitik zu machen brauche! „Lenin war gegen jede selbständige Arbeiterorganisation als solche, er war dagegen, daß man den Arbeitern irgendein besonderes Kontrollrecht einräume usw.‘, berichtete ein Teilnehmer an jener Debatte30. Wenn man eventuell noch zugeben könnte, daß nach Lenin und Ziegenfuß in Russland um 1900 „die Massen wesensmäßig“ für die Einführung von Freiheit und Spontanität in das Organisationswesen möglicherweise „überhaupt nicht kapabel“ gewesen seien, so ist es jedenfalls unmöglich, die entsprechenden leninistischen Organisationsprinzipien auf die internationale, speziell europäische und us-amerikanische Arbeiterbewegung auszudehnen. Genau das aber ist die Tendenz des leninistisch-stalinistischen Dogmas; Ziegenfuß selbst führt die Meinung Wl. Sorins an, daß der Leninismus die Erfahrungen nicht nur der russischen, sondern der gesamten internationalen Arbeiterbewegung verallgemeinere und daher eine internationale proletarische Theorie sei und Bedeutung für alle Länder habe. Der Verfasser selbst gibt ganz unmißverständlich seiner eigenen Ansicht den folgenden Ausdruck: „Wo immer die moderne Revolution konsequent gewollt wird, kann sie daher nur im Sinne von Lenins Theorie und Praxis vollzogen werden!“ Nun, wir sahen, daß selbst in Russland, als die Arbeiter die moderne Revolution konsequent wollten (1905-1906), die Proletarier einfach über Theorie und Praxis Lenins hinweggingen und ihre Bewegung sich von seiner Partei ebensowenig wie den Termin der Revolution auch einen Aufstandsplan geben ließ, und ihre eigenen spontanen Organisationsformen (Räte) entwickelte31.

Selbst Lenin lernte damals — Ziegenfuß zitiert diese Stelle wörtlich — „aus der Massenpraxis“ und begriff, daß der Marxismus nicht den Anspruch darauf erheben darf, „die Massenkampfformen zu lehren“, womit er zweifellos den marxistischen Standpunkt richtig wiedergegeben hat. Ebenso richtig betont Ziegenfuß, daß der Marxismus aus dem Handeln der Massen lerne: Nun, als die Massen handelten, taten sie das durch Räte. Diese Massenkampfform brauchte Lenin die Arbeiterklasse nicht zu lehren, sie sind ein Produkt proletarischer Spontanität. Hat Lenin aber wirklich in dieser Hinsicht auf die Dauer etwas aus der Massenpraxis gelernt? Das ist am besten eben aus seiner Haltung zu der Forderung: „Alle Macht den Räten“ zu ersehen. Es handelt sich für Lenin hierbei nicht um ein theoretisches Prinzip des revolutionären Handelns der Arbeiterklasse, das wie alle marxistischen Kategorien aus dem Gang des gesellschaftlichen Prozesses selbst analytisch abgeleitet wird, sondern nur um eine taktische Parole, die mal richtig und mal falsch ist. In der zweiten russischen Revolution z. B. „war diese Losung … vom 27. Februar bis zum 4. Juli 1917 richtig“. Danach hat sie „aufgehört richtig zu sein“. Lenin kommt überraschenderweise zu diesem Ergebnis, trotzdem er klar in den Sowjets „ihrer Klassenzusammensetzung nach Organe der Arbeiter- und Bauernbewegung“ erkennt, sie waren eine fertige Form ihrer Diktatur“. Nach dem 4. Juli aber sei die Losung „Alle Macht den Räten“ eine „Donquichotterie“ oder ein Hohn, und warum? Weil in den Sowjets nun mehr reaktionäre und konterrevolutionäre Parteien die Oberhand haben! (Er meint damit die Vorherrschaft der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki.) Lenin erklärt ausdrücklich, daß es ihm in der Rätefrage nicht um ein Prinzip geht: „Das Ganze ist nicht eine Frage der Sowjets überhaupt, sondern eine Frage des Kampfes gegen die gegebene Konterrevolution und den Verrat der gegebenen Sowjets.“ Im September 1917 erklärte Lenin dann sogar die erneut aufgegriffene Parole „Alle Macht den Räten“ als einen Kompromissvorschlag, um jetzt wieder eine gemeinsame Regierung mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki bilden zu können, die den Sowjets Verantwortlich ist. Jetzt kehrte er „zu der Forderung aus der Vorjulizeit“ zurück, um mit den kleinbürgerlich-demokratischen, also reaktionären und konterrevolutionären Parteien Zusammengehen zu können! Aber dieser Kompromiss gilt nur „ausnahmsweise“ und wird nur „die allerkürzeste Zeit anhalten“, denn letzten Endes geht es ja nicht um die Herrschaft der Sowjets und damit um die Diktatur des Proletariats, sondern um die Diktatur der bolschewistischen Partei: „Unsere Partei erstrebt wie jede andere politische Partei die politische Herrschaft für sich.“32

Lenins Haltung zur Masse ist eben durch den von Plechanow prophezeiten Umstand bestimmt, daß er zu den „autoritären Kommunisten“ gehört und Anhänger der „absoluten Initiative des Staates“ ist. Es ist dem Verfasser, der sich ausführlich mit der Auffassung Lenins über die Pariser Kommune (1871) beschäftigt, entgangen, daß diese Bejahung der Initiative des Staates selbst in diesem Zusammenhang bei Lenin in bezeichnender Weise zutage tritt: in einem langen Zitat aus der von Marx verfaßten „Adresse des Generalrats der I. A. A.“ über den „Bürgerkrieg in Frankreich“ läßt Lenin einen so wichtigen Satz wie den fort, daß „nicht nur die städtische Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den Staat ausgeübte Initiative in die Hände der Kommune gelegt wurde33. Nun, wir dürfen auch auf Grund der Ankündigung Lenins am Vorabend der russischen Revolution, man werde die ganze Volkswirtschaft nach dem Muster der Post organisieren34, annehmen dürfen, daß er doch Lassalle nähergestanden hat als Marx. (Auf eine nähere Ausführung über diesen Zusammenhang muß ich hier verzichten, wie ich auch die Äußerungen von Ziegenfuß über Lenins philosophisches Werk in einem anderen Zusammenhang kritisch beleuchten werde.)

Wenn man sich jedenfalls gründlicher mit dem Leninismus beschäftigt hat, tritt einem der Januskopf des Leninismus deutlich entgegen: auch im Kopfe Lenins hat der aus Europa stammende Marxismus nie ganz seinen Importcharakter verloren, während auf der anderen Seite aus der russischen Erde und aus der einheimischen Tradition des russischen Utopismus ihm zahlreiche Elemente zuströmten und im Gesamtwerke ausfindbar sind, die gerade der bolschewistische Historiker M. Pokrowski immer wieder hervorhob35.

Aus diesen „nationalpolitischen Widersprüchen“, die einst geschichtlich von Marx und Engels im Kampf gegen ältere utopistische und nichtmarxistische Systeme kritisch-dialektisch „aufgehoben“ worden sind, die aber im rückständigen Russland wieder innerhalb des Marxismus erneut auftreten und unter Berufung auf Marx von den Gegnern ausgefochten werden, erklärt sich vieles im Bolschewismus, der sozialökonomisch wie theoretisch wie Russland selbst zwischen Europa und Asien steht. War es doch in Russland sogar möglich, daß sich Ideologen der liberalen Bourgeoisie der marxistischen Theorie bedienten, um gegenüber dem Bauernsozialismus der „Narodnaja Wolja“ die Unvermeidlichkeit der kapitalistischen Entwicklung für Russland zu beweisen. Nach Ziegenfuß erblickte Lenin in diesem „legalen“ Marxismus wie auch im Menschewismus — übrigens mit Recht — „nichts anderes als den Versuch, das Proletariat dem bürgerlichen Liberalismus politisch unterzuordnen“. Was aber sagten die Menschewiki vom „orthodoxen“ Marxismus? Paul Axelrod wies in einer gründlichen Untersuchung des Leninismus darauf hin, daß sich in der Bevormundung der Arbeiterklasse durch „orthodoxe Marxisten“ der Kampf der jakobinischen Intelligenz gegen die selbständige Arbeiterbewegung ausdrücke. In Anspielung auf Lenin schrieb er wörtlich: „Hat doch auch der legale oder halbe Marxismus unseren Liberalen einen literarischen Führer gegeben. (Peter Struve, H.) Warum soll nicht auch der Schabernack der Geschichte der bürgerlichen revolutionären Demokratie einen Führer aus der Schule des orthodoxen revolutionären Marxismus geben?“36 Demnach wäre der Bolschewismus seinem Kern nach ein moderner russischer Jakobinismus, nur seine Schale also „marxistisch“. –

Die Parallele zur Geschichte der großen französischen Revolution ist bereits von Trotzky gesehen worden, wenn er von „Thermidor“ und „Bonapartismus“ in Russland spricht; demnach kann man auch mit Karl Kautsky den Stalinismus mit dem „Bauernkaisertum“ vergleichen. Nach dem Bündnis Trotzkys mit Lenin gegen die alten Bolschewiki im Jahre 1917 und nach seiner Ausschaltung durch Stalin erlebt nun die Welt das seltsame Schauspiel einer anscheinend geglückten Synthese der sich einst bekämpfenden Richtungen des Trotzkismus und des Leninismus. Wurde Trotzky Bolschewik oder Lenin Trotzkist? Ziegenfuß zitiert eine Stelle von Lenin aus der hervorgeht, daß er nach dem Scheitern der ersten Revolution die Losung von der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern aufgab, und dafür eintrat, nach einer demokratischen Revolution „sofort den Übergang zur sozialistischen Revolution in Angriff zu nehmen. Wir sind für die permanente Revolution.“37 Nun, Lenin spricht in beiden Fällen von „Losungen“, die spätere soll die frühere ersetzen, sie werden „vertauscht“38 Tatsächlich geht es aber Lenin nur um die Herrschaft seiner Partei, nicht um die der Klasse.

Trotzky dagegen verließ sich auf die Arbeiterbewegung und die internationale proletarische Revolution, er war davon überzeugt, daß sie im Falle ihres Sieges dem Bolschewismus ihren Charakter aufprägen und seine politischen Entscheidungen bestimmen werde, worin er sich für die erste Phase der zweiten russischen Revolution nicht getäuscht hat. Jedenfalls hätten die Trotzkisten wenig Anlass, den „Leninismus“ auf Grund jenes politischen und letzten Endes durch das Proletariat erzwungenen Bündnisses zwischen Trotzky und Lenin zu dogmatisieren und zu propagieren. Damit möchten wir die kritische Betrachtung der wesentlichen Thesen des Buches von Ziegenfuß beenden39. —

Wir stehen vor dem merkwürdigen Resultat, daß ein Buch, das faktisch eine theoretische Rechtfertigung des Stalinismus als einer konsequent marxistischen und leninistischen Methode und Lehre liefert, in einem Westberliner Verlage mit us-amerikanischer Lizenz erscheint! Vielleicht eben deswegen? Weil nicht nur Lenin als der legitime Erbe von Marx sondern Stalin auch als der echte Erbe von Lenin dargestellt wird? Es sind starke Kräfte in der modernen Gesellschaft an einer solchen Identifizierung interessiert. Alexander Schifrin hat schon 1927 den Umstand, daß die Legende, der „Sowjetmarxismus“ verkörpere die Tradition der marxistischen „Orthodoxie“ in sich und führe sie weiter, mit besonderer Beharrlichkeit gerade von Nicht- und Anti-Marxisten verbreitet wird, damit erklärt, daß diese Leute im Bolschewismus gerade das finden, was sie bei Marx selbst nicht entdecken können, im Marxismus aber nur zu gerne finden möchten! Leider muß man vorn Buche unseres Verfassers sagen, dass es solchen Tendenzen nur Vorschub leisten kann. —

-.-

Anmerkungen

G. W. Plechanow, „Der Sozialismus und der politische Kampf“, Zürich 1883.

Alexander Herzen, „Rußlands soziale Zustände“, Hamburg 1854.

3 Friedrich Engels, „Internationales aus dem ,Volksstaat‘“, Nachwort von 1891 S. 72.
Nach MEW 1894 „Nachwort zu „Soziales aus Russland“ in Bd. 22, S. 435.

4 W. I. Lenin, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“, Berlin 1916. S. 37-39. LW Bd. 9, S. 37.

5 W. I. Lenin, „Die Revolution von 1905“, (Kleine Lenin-Bibliothek Bd. III) Wien-Berlin 1931. S. 15-16, 51 und 70-71. „Ausgewahlte Werke“, Wien 1925, III und IV, vor allem S. 143 ff. „Ausgewahlte Werke“, Moskau 1946. Bd. I, S. 405-541.

6 Zit. in: Lenin, „Revolution von 1905“, 1931. S. 21. „Zwei Taktiken“ 1946. S. 47. LW Bd. 9, S. 47.

N. Trotzky, „Unsere Revolution“, russ.; zit. in der „Einleitung“ von Lenins „1905“. 1931, S. 5.
Leon Trotsky „1905“ Ch. 25 Our differences, VII.

8 Vgl. hierzu die ausgezeichnete Darstellung von Arthur Rosenberg, „Geschichte des Bolschewismus“, Berlin 1932, S. 64 ff.

9 Vgl. A. Rosenberg, a.a.O., S. 67.

10 N. Trotzky, „Die Revolution 1905/1906“, 2. Auflage 1923, S. 222.
Leon Trotsky „1905“ Ch. 25 Our differences, VII.

11 Werner Ziegenfuß, a.a.O., S. 8-9, 13, 111 u. 112, Fußnote.

12 Karl Nötzel, „Die soziale Bewegung in Rußland“, Berlin und Leipzig 1923. S. 222, zit. bei Ziegenfuß, ebd.‚ S. 86.

13 Ziegenfuß, ebd.‚ S. 11.

14 Ziegenfuß, ebd.‚ S. 21.

15 Karl Kautsky, „Die Klassengegensätze im Zeitalter der Französischen Revolution“. Berlin 1923, S. 41-48 u. 68.

16 W. I. Lenin, „Was tun?“, Berlin 1945, S. 101. LW Bd. 5, S. 532.

17 W. I. Lenin, ebd.‚ S. 59. LW Bd. 5, S. 386.

18 W. I. Lenin, ebd.‚ S. 79. LW Bd. 5, S. 408.

19 W. I. Lenin, „Ausgewählte Werke“, Bd. I, Moskau 1946, S. 315.
Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ LW Bd. 7, S. 201.

20 W. I. Lenin, ‚Was tun?“, S. 146 u. S. 194, Fußnote. LW Bd. 5, S. 536.

21 Vgl. Ziegenfuß, S. 41-42, 56-57 und bis 118, 120-122.

22 Thomas Carlyle, „Die große Revolution“, Übersetzung und Ausgabe von Adalbert Lustowsky, Berlin 1911, S. 231-232.

23 W. I. Lenin, „Ausgewählte Werke“, Bd. 1, Moskau 1946. S. 374.
Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ LW Bd. 7, S. 386.

24 Vgl. „pro und contra“‚ Nr. 4 vom 1. Februar 1950. S. 5-11.

25 Trotzky, „Die Entwicklungstendenzen der russischen Sozialdemokratie”, „Neue Zeit”, XXVII. Jhg., Bd. II (9. September 1910). S. 860-863, 867 ff. u. 871.

26 Zit. in Lenin „Samtliche Werke“‚ Bd. VI, „Menschewismus und Bolschewismus“. Wien/Berlin 1930, S. 625-626.

27 Rosa Luxemburg, „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie“, „Neue Zeit“, XXII. Jhg. Bd. II, 1903/04, S. 489 und 492. Bei marxists.org.

28 Zit. in: Lenin „Samtliche Werke“, Bd. IV, 1930. S. 572, Anmerkung Nr. 114.

29 Martow-Dan, „Geschichte der russischen Sozialdemokratie“, 1926, S. 90.

30 H.G. Gorew, „Aus der Vergangenheit der Partei“, Russischer Staatsverlag, 1921. Zit. In: Lenin, „Samtliche Werke , Bd. IV, 2. Halbband, S. 402.

31 Vgl. auch: Arthur Rosenberg, a.a.O., S. 37 f.

32 W.I. Lenin: „Zu den Losungen“ (Juli 1917); LW Bd. 25, S. 188/189.
„Uber Kompromisse“ (September 1917), LW Bd. 25, S. 314.
in: „Ausgewahlte Werke“, Wien 1925. S. 410-412, 416-417 und 419.

33 Vgl. Lenin, „Uber die Pariser Kommune“, Berlin 1946, S. 54, mit: Karl Marx, „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, Berlin 1949, S. 69. MEW Bd. 17, S. 339.

34 W.I. Lenin, „Staat und Revolution“, Berlin 1929, S. 50. „Ausgewählte Werke“ Bd II Moskau 1947. S. 195.
LW, Bd. 25, S. 439/440.

35 M. Pokrowski, „Russische Geschichte“, deutsche Übersetzung von A. Maslow. Berlin 1930. S. 198 ff. Vgl. dazu auch: Willy Huhn, „Lenin als Utopist“, in: „Das Sozialistische ]ahrhundert“, 2. Jahrg., Heft 20 (15. September 1948), S. 307-308.

36 Zit. in: Lenin, „Sämtliche Werke“, Bd. VI, S. 399-400.
Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ LW Bd. 7, S. 383.

37 Wahrscheinlich zitiert Huhn hier Lenin aus Ziegenfuß. Franz Schandl „Dilemma der russischen Revolution“ in krisis – Kritik der warengesellschaft, 31-12-1997, referiert an folgende Quellen zur Akzeptierung Lenins von Trotzkys Theorie der ‚permanenten Revolution‘: Lenin, Die Niederlage Rußlands und die revolutionäre Krise (1915), Werke, Bd. 21, S. 385, Lenin, Über die zwei Linien der Revolution (1915), Werke, Bd. 21, S. 426-427, Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution (1917), Werke, Bd. 24, S. 1-8, v.a. S. 45, Lenin, Briefe über die Taktik (1917), Werke, Bd. 24, S. 28. Anmerkung F.C.

38 W. I. Lenin, „Zwei Taktiken“, a.a.O., S. 108.
LW Bd. 9, S. 103/104.

39 Vgl. Ziegenfuß, S. 20, I03, 69-70, 114, 101, 60-62.

Quelle des Orginals: „Pro und Contra“, 1. Jg. Nr. 7, Berlin 1950, S. 5 ff.:

Willy Huhn Lenin und die russische Revolution. Kritische Betrachtungen zu dem Buche von Werner Ziegenfuß, Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik zu Berlin, „Lenin. Soziologie und revolutionäre Aktion im politischen Geschehen.“ (Walter de Gruyter & Co.‚ Berlin 1948.)

Als Textbeilage erschienen in Jochen Gester “Auf der Suche nach Rosas Erbe. Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909-1970)”, Berlin, Die Buchmacherei, 2017.

Transkription, kleinere sprachliche Korrekturen und Ergänzung der Quellen von F.C., Februar 2018.

 

Willy Huhn: Lenin und die russische Revolution

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