Pannekoek, Klassenkampf und Nation (1912)

Ein Klassiker des Rätekommunismus der vor kurzem nur in Frakturschrift zu lesen war.

Sehr aktuell wegen der Rolle des ukrainischen und russischen Nationalismus im heutigen Krieg in der Ukraine. Beide Nationalismen werden von manche leninistischen Linken gebraucht um sich an der einen oder der anderen Seite der Frontlinie zu beteiligen.

Herausgeber: ‎ Red & Black Books

Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 111 Seiten

ISBN-10 ‏ : ‎ 3982379784

ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3982379784

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Der Nationalismus ist die wesentliche Ideologie der Bourgeoisie. Die Gemeinschaft, die die Bourgeoisie als Nation, Volk, Vaterland oder Staat bezeichnet, ist die einzige, die sie anerkennt und über die Persönlichkeit des Einzelmenschen stellt.
Die Bourgeoisie wusste, dass die zahlreichen winzigen Zwergstaaten die Blüte der Wirtschaft verhinderten und dass sie sich in der Weltpolitik, im Kampf um Märkte und Kolonien nur mit einem mächtigen Staat im Rücken Geltung verschaffen konnte.
Nationalität ist geronnene Geschichte. Diese aus der Geschichte entstandenen Gleichheiten und Verschiedenheiten in Wesen und Gesinnung sind es, die die Nationen und die innere Kraft der nationalen Staaten bilden. Das ist es, was die Bourgeoisie braucht und was sie als Patriotismus preist.
Solange die Arbeiter nur gehorsame Knechte des Kapitals sein wollen, liegt es auch in ihrem Interesse, dass die Geschäfte ihrer Herren blühen.
Sobald die Arbeiterklasse revolutionär auftritt und ihre Aufgabe wahrnimmt, die wirtschaftliche Neuorganisation der Gesellschaft durchzuführen, fällt der Nationalismus völlig von ihr ab. Was sie aufbaut, ist Produktion für den Gebrauch, nicht für den Profit und beruht auf freiwilliger Zusammenarbeit, nicht auf Herrschaft.
Dieser neue nationenlose Charakter der Arbeiterklasse ist mehr als Internationalismus; denn dieser Name könnte auch ein friedliches Zusammenarbeiten verschiedener Nationen beschreiben, wie wir sie von der Illusion des bürgerlichen »Völkerbundes« kennen.
Für die sich befreienden Arbeiter sind die Nationen verschwunden; für sie besteht nur die große Arbeitsgemeinschaft der Menschheit. In dieser Weltgemeinschaft der Arbeit werden die verschiedenen Sprachen – ob sie bleiben oder verschwinden – kein Hindernis für die kulturelle Einheit sein. Einheit wird nicht als Gleichförmigkeit, sondern als Verbundenheit gebildet. So verschwindet der Nationalismus von der Erde, zusammen mit der Klasse, die ihn trug.

(Text der Rückseite)

„Klassenkamp und Nation“ in Zitaten

„Die modernen Nationen sind völlig das Produkt der bürgerlichen Gesellschaft; sie sind aufgekommen mit der Warenproduktion, namentlich mit dem Kapitalismus, und ihre Träger sind die bürgerlichen Klassen“. (S.20)

Aber verschieden von diese Einvölkerstaaten wie England, Frankreich oder Deutschland, ist die Situation in den Vielvölkerstaaten wie Österreich (und Russland):

„Anders, wo die Staaten unter dem Absolutismus als dynastische Einheiten entstanden, ohne direkte Mitwirkung der bürgerlichen Klassen, und daher durch Eroberung Stämme der verschiedensten Mundart umfassten. Dringt dort der Kapitalismus immer weiter ein, so entstehen mehrere Nationen innerhalb des einen Staates, und er wird zum Nationalitätenstaat, wie Österreich. Die Ursache der Entstehung neuer Nationen neben den alten liegt wieder darin, dass die Konkurrenz die Grundlage der Existenz der bürgerlichen Klassen ist. Wenn aus einer zuvor rein bäuerlichen Volksgruppe moderne Klassen entstehen, wenn größere Massen als Industriearbeiter in die Stadt ziehen, bald von Kleinhändlern, Intelligenz und Unternehmern gefolgt, so müssen diese letzteren von selbst versuchen, sich durch die Betonung ihrer Nationalität die Kundschaft der gleichsprachigen Massen zu sichern. Die Nation als solidarische Gemeinschaft bildet für ihre Angehörigen einen Kundenkreis, einen Absatzmarkt, ein Ausbeutungsgebiet, wo sie vor den Konkurrenten anderer Nationen einen Vorsprung haben.“ (S. 23/24)

„Der Kampf der Nationalitäten in einem solchen Staate ist nicht eine Folge irgendwelcher Unterdrückung oder rückständiger Gesetzgebung, sondern eine natürliche Äußerung der Konkurrenz als Grundbedingung der bürgerlichen Wirtschaft; der gegenseitige Kampf ist Sinn und Ziel der schroffen Absonderung der verschiedenen Nationen gegeneinander.“ (S.25)

„Für Österreich sind Staat und Nation verschiedene Gebilde. Die Nation ist eine natürlich gewachsene Interessengemeinschaft der bürgerlichen Klassen. Aber die eigentliche feste Organisation der Bourgeoisie zum Schutze ihrer Interessen ist der Staat. Der Staat schützt das Eigentum, sorgt für die Verwaltung, richtet Armee und Flotte ein, erhebt Steuern und hält die Volksmassen nieder. Die »Nationen«, oder besser noch: die aktiven Organisationen, die in ihrem Namen auftreten, die nationalen bürgerlichen Parteien, dienen nur dazu, sich einen entsprechenden Einfluss auf den Staat, einen Anteil an die Staatsgewalt zu erkämpfen. Für die Großbourgeoisie, deren wirtschaftliches Interessengebiet den ganzen Staat umfasst, und noch darüber hinaus geht, die direkte Begünstigungen, Zölle, Lieferungsaufträge und Schutz im Auslande braucht, ist von vornherein nicht die Nation, sondern der größere Staat die natürliche Interessengemeinschaft. Die scheinbare Unabhängigkeit, die die Staatsgewalt sich durch den Streit der Nationen lange zu wahren wusste, kann doch die Tatsache nicht verdecken, dass sie auch hier ein Instrument im Dienste des Großkapitals ist.

Daher verschiebt sich auch das Schwergewicht des politischen Kampfes der Arbeiterklasse immer mehr zum Staate hin. Solange der Kampf um die politische Macht noch im Hintergrunde steht und die Aufklärung, die Belehrung, der Ideenkampf, die natürlich in jeder Sprache für sich stattfinden müssen, an erster Stelle stehen, sind die politisch kämpfenden Proletarierarmeen noch national getrennt. In diesem ersten Stadium der sozialistischen Bewegung gilt es, die Proletarier aus der Macht der kleinbürgerlichen Ideologie zu befreien, sie von den bürgerlichen Parteien loszureißen und mit Klassenbewusstsein zu erfüllen.“ (S. 55/56)

„Die Staatsgewalt mit all ihren gewaltigen Machtmitteln ist die Hochburg der besitzenden Klasse; das Proletariat kann sich nur befreien, kann den Kapitalismus nur beseitigen, wenn es zuerst diese mächtige Organisation besiegt. Die Eroberung der politischen Herrschaft ist nicht einfach ein Kampf um die Staatsgewalt, sondern ein Kampf gegen die Staatsgewalt Die soziale Revolution, die den Sozialismus bringen wird, besteht im Wesentlichen in der Überwindung der Staatsgewalt durch die Macht der proletarischen Organisation. Sie muss daher von dem Proletariat des ganzen Staates zusammen gemacht werden.“ (S. 58)

Nur die nationale Forderungen auf dem Gebiet der Sprache sind im Interesse des Proletariats, aber anders wie die Nationalisten fordern:

„Die Arbeiter fordern die weitherzigste Vielheit der Sprachen im Amt, die Nationalen wollen die fremde Sprache beseitigen. Nur dem Scheine nach stimmen also die sprachlichen und kulturellen Forderungen der Arbeiter mit den nationalen Forderungen überein; sie sind proletarische Forderungen, die vom gesamten Proletariat aller Nationen gemeinsam erhoben werden. (S. 81)

„Die marxistische Taktik der Sozialdemokratie beruht auf der Erkenntnis der wirklichen Klasseninteressen der Arbeiter. Sie lässt sich nicht durch Ideologien betören, wenn diese auch noch so fest in den Köpfen der Menschen zu haften scheinen. Sie weiß durch ihre marxistische Anschauungsweise, dass Ideen und Ideologien, die scheinbar keinen materiellen Boden haben, doch nichts Übernatürliches sind, mit einer vom Körperlichen völlig losgelösten geistigen Existenz, sondern der festgeronnene überlieferte Ausdruck früherer Klasseninteressen. Daher sind wir sicher, dass gegen die Allgewalt der heutigen realen Klasseninteressen und Notwendigkeiten, wenn sie einmal erkannt sind, auf die Dauer keine noch so mächtige in der Vergangenheit wurzelnde Ideologie standhält. Diese Grundanschauung bestimmt auch die Art und Weise, wie wir ihre Macht bekämpfen.“ (S. 81)

Unsere Taktik besteht darin, die Arbeiter immer über ihre wahren Klasseninteressen aufzuklären, ihnen die Wirklichkeit der Gesellschaft und ihres Lebens vor Augen zu führen, damit sich ihr Geist immer mehr auf die Realitäten der heutigen Welt richtet. Dann schlafen die alten Ideen, die in der Wirklichkeit des proletarischen Lebens keine Nahrung mehr finden, von selbst ein.“ (S. 84)

„…die nationalen Gegensätze [bilden] ein vorzügliches Mittel, das Proletariat zu spalten, durch ideologische Schlagwörter seine Aufmerksamkeit vom Klassenkampf abzulenken und seine Klasseneinheit zu verhindern. (S. 103)

Nicht durch unseren Vorschlag der nationalen Autonomie, dessen Verwirklichung nicht in unserer Hand liegt, sondern nur durch die Stärkung des Klassenbewusstseins wird die verhängnisvolle Macht des Nationalismus in Wirklichkeit gebrochen werden.“ (S. 106)

Pannekoek, Klassenkampf und Nation (1912)

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