Anton Pannekoek, Werttheorie (1908)

Das sozialistische Proletariat rühmt sich, eine wissenschaftliche Einsicht in das Wesen der Gesellschaft zu besitzen, die den herrschenden Klassen und ihren gelehrtesten Vertretern verborgen ist. Nun erfordert aber jede Wissenschaft ein gründliches Studium, viele Vorkenntnisse und Allgemeinbildung; sie fordert den ganzen Menschen und kann daher nur dem Fachgelehrten als wirkliches Besitztum zukommen. Der Laie, der Anderes zu tun hat, und um so mehr der Proletarier, dem die Allgemeinbildung fehlt und dessen Zeit und Kraft in dem Frondienst für das Kapital absorbiert werden kann kein Wissenschaftler sein; er kann, scheint es, höchstens nachbeten, was Andere ihm vorsagen.

Dieser Widerspruch liegt den Angriffen zu Grunde, die in der letzten Zeit gegen die Bildungsbestrebungen in der Partei und namentlich gegen die Parteischule, die einer kleinen Zahl von Vorkämpfern und Wortführern ein gründliches Verständnis der Theorie des Sozialismus geben will, gerichtet werden. Was soll die Masse mit Theorie? Theorie kann nur für Theoretiker, für Fachleute, für Intellektuelle sein, die dazu die nötigen Vorkenntnisse mitbringen! Wer kann eine Theorie allseitig verstehen, der nicht ihre Entstehung und ihren Zusammenhang mit anderen Theorien kennt? Da aber ein Proletarier, auch wenn er ein halbes Jahr auf der Parteischule verbringt, nicht zum Studium von Adam Smith und Thomas von Aquino kommt, ist es ausgeschlossen, dass er dic Werttheorie kritisch verstehen und als eine selbsterrungene wissenschaftliche Überzeugung verfechten kann.

Diese Einwände beruhen auf einer völlig verkehrten Auffassung, die den beschränkten Vorurteilen einer vom praktischen Leben abgeschlossenen Gelehrtenzunft entspricht. Die bürgerliche Gesellschaft hat Theorie und Praxis getrennt und die Pflege der Theorie, des Geistigen, zu einen besonderen Beruf von Gelehrten gemacht. Diese betrachten ihr geistiges Departement als etwas selbständiges, los von der materiellen Wirklichkeit. Das bringt einerseits mit sich, dass sie die Theorie, die Wissenschaft als Selbstzweck betreiben und ganz aus den Augen verlieren, dass die Theorie immer nur zum Verständnis der Wirklichkeit dienen soll. Mit „theoretisches Verständnis” meinen wir immer ein gründliches Verständnis der Praxis. Jede Theorie hat selbstverständlich ihre schwierigen und ungelösten Einzelfragen, die der Forschung der Wissenschaftler überlassen bleiben. Aber das Ziel des theoretischen nationalökonomischen Studiums ist nicht, über eine solche Einzelfrage eine gelehrte Abhandlung schreiben zu können, sondern das Getriebe der kapitalistischen Gesellschaft zu durchschauen, wie es zum Klassenkampf nötig ist.

Anderseits sind die Fachgelehrten, namentlich auf dem Gebiete der geistigen Wissenschaften, geneigt, die Entwicklung der Wissenschaft als eine selbständige, eigene, rein geistige Entwicklung aufzufassen. Geniale „Heroen der Wissenschaft”haben das Gebäude der Wissenschaft errichtet, jeder auf das Werk seiner Vorgänger und die Fehler der alten Theorie verbessernd, Bei dieser Auffassung muss zum Verständnis einer Theorie das Verständnis der anderen und früheren Theorien vor Allem notwendig erscheinen. Was versteht der von der Marx’schen Werttheorie, dar nur die Marx’sche Werttheorie kennt? fragt Bernstein. In Wirklichkeit beruht die Wissenschaft auf Tatsachen, und die Kenntnis der Tatsachen ist für das Verständnis einer Theorie wichtiger als dic Bekanntschaft mit anderen Theorien. Dies gilt um so mehr, als dic früheren ökonomischen Theorien Reflexe der damaligen, von den unsrigen verschiedenen wirtschaftlichen Verhältnisse waren. An seine eigene Lebenserfahrung, die ihm die Tatsachen des ökonomischen Lebens glühend in die Seele eingebrannt hat, erkennt der Proletarier die Wahrheit der ökonomischen Theorie.

Nun ist diese Wahrheit, dass das Proletariat durch seine Klassenlage zum Verständnis der Mehrwert- und der Kapitalslehre besonders veranlagt ist, jedem Sozialdemokraten bekannt. Deshalb berufen sich die Angriffe vor Allem auf die engere Werttheorie. Denn die Werttheorie bildet einerseits die Grundlage der ganzen Marx’schen Ökonomie, erscheint anderseits als schwierige abstrakte Theorie eher für akademische Dissertationen als für proletarische Gehirne geeignet. Wer die viel diskutierten Fragen, welche Arbeit eigentlich wertbildend ist und was unter gesellschaftlich notwendige Arbeit zu verstehen ist, nicht einwandfrei lösen kann, bleibt doch eigentlich ein Banause, dem das Fundament zum gründlichen Wissen fehlt!

Was an solchen Bemerkungen auffällt, ist die bürgerliche Auffassung der Werttheorie. Die Antwort auf die die Frage, wozu die Werttheorie dienen soll, later bei der Bourgeoisie und beim Proletariat ganz verscheiden. Der Bourgeoisie interessiert die Frage weshalb die Waren so und soviel kosten, das Proletariat will wissen, woher seine Ausbeutung kommt. Die Bourgeoisie fragt nach den Waren- preisen, dıs Proletariat nach der Einrichtung der Gesellschaft. Weil das Ziel der Wertlehre für die bürgerliche Ökonomie immer die Erforschung der Warenpreise ist, fasste sie auch die Marx’sche Theorie von Anfang an als den Satz auf, die “Warenpreise seien unmittelbar durch die Arbeitszeit bestimmt. Alle ihre Anfechtungen drehen sich um diesen Grundfehler, und als ihr schliesslich klar- gemacht wurde, dass die Preise bei Marx nur das Endresultat vieler komplizierten Wirkungen seien, von denen nur die Hauptsache in den drei Bänden behandelt wird, fragte sie ärgerlich, wozu eine solche Theorie dann diene.

Die Marx’sche Ökonomie will den Bau der Gesellschaft, das Wesen der Ausbeutung und des Mehrwerts aufklären und muss dazu allererst das Wesen des Wertes untersuchen Die Frage ist dabei nicht, weshalb zwei Waren gerade in jener bestimmten Proportion ausgetauscht werden, sondern weshalb sie sich überhaupt gegen einander austauschen lassen, woher also ihre qualitative Gleichheit. Im Tausche sind die Waren einander gleich, Mengen derselben Stoff, der Wertstoff. Das Wesen dieses Wertes wird nun aufgedeckt als gesellschaftliche Arbeit. Dabei fällt die Betonung nicht auf Arbeit – auch andere Ökonomen hatten die Arbeit schon als das Maass der Werte bezeichnet – sondern auf gesellschaftlich.

Die Bedeutung der Marx’schen Werttheorie liegt nicht darin, dass sie Regeln für die genaue Bestimmung des in verschiedenen Waren enthaltenen Wertes gibt, sondern in der Aufdeckung des Wertes selbst als ein gesellschaftliches Verhältnis. In einer Waren produzierenden Gesellschaft arbeiten die Menschen für einander; was einer konsumiert, wird von einem anderen produziert. Die Arbeit ist gesellschaftlich, aber nicht offen sondern versteckt, denn jeder Produzent arbeitet isoliert für sich selbst. Im Austausch tritt dann dieses Verhältnis der Menschen als eine Beziehung ihrer Arbeitsprodukte hervor; sie sind als Werte einander gleich, und dieser Wert ist der Ausdruck der gesellschaftlichen Natur der Arbeit der isolierten Menschen.

Dieses Thema wird in dem ersten Kapitel von „Das Kapital“ behandelt. Nur ein Missverständnis über seinen Inhalt kann diese Werttheorie für eine abstrakte Gelehrtentheorie ansehen, die für Proletariergehirne nicht taugt. Gerade umgekehrt; erfahrungsgemäss gelingt es den bürgerlichen Ökonomen noch immer nicht, ihren Kern zu fassen, während sie dem sozialdemokratischen Arbeiter die natürliche Grundlage für sein Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft ist.

(ap)

Quelle: Werttheorie / A[nton]. P[annekoek]. In: Zeitungskorrespondenz, Nr. 40, 31. Oktober 1908. Transkription: F.C. Übersetzungen: Portugiesisch , Spanisch, Niederländisch.

Anton Pannekoek, Werttheorie (1908)

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