Klopotek: Einführung zu sein Buch ‚Rätekommunismus‘

Klopotek Felix:
Rätekommunismus
Geschichte und Theorie Geschichte
1. Auflage 2021
240 Seiten, kartoniert
ISBN 3-89657-674-7
12,00 Euro

Verlag theorie.org

1 Vorerinnerung

Dieses Buch ist lange überfällig. Der Verlag kündigt es seit Herbst 2016 an. Es taucht bereits in Bibliographien auf, der Autor wurde zu einigen Lesungen eingeladen. Weil er dort ohne Buch erschien, entstand hier und da sogar das Gerücht, die erste Auflage wäre vergriffen, die zweite gerade im Druck.

So ist es nicht. Das Buch ist tatsächlich erst 2021 fertig geworden.

Neben dem üblichen privaten Schlamassel gibt es dafür auch inhaltliche Gründe. Es liegt, wie es so schön heißt, an der Sache selbst. Denn der Rätekommunismus scheint ein abgeschlossenes Forschungsgebiet zu sein, die Theorie- und Organisationsgeschichte umfasst weniger Jahre als die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit den älteren Studien von Hans Manfred Bock und den neueren von Philippe Bourrinet liegen sehr ausführliche, gründlich gearbeitete Monographien vor. Als Nachschlagewerke und als Chronologie für die eigene Lektüre sind sie unentbehrlich. Auch kürzere Einführungen, wie die des Freiburger Aktivisten Jens Benicke von 2019 erfüllen ihren Zweck. Aber vor allem ist die von Marcel van der Linden, Amsterdamer Historiker der weltweiten Arbeiterbewegungen, zu erwähnen («On Council Communism», 2005), die knapp und präzise und dabei sehr ergiebig ist. Mittlerweile sind fast alle Schlüsseltexte des Rätekommunismus online zu finden und dort von weiteren Kommentaren, biographischen Hinweise und Leseanleitungen begleitet. Wie sich durch dieses so überreiche wie vorbildlich strukturierte Material bewegen, ohne schwache Wiederholungen oder Redundanzen zu produzieren?

Den Schlüssel für dieses Problem fand der Autor schließlich in einer spezifischen Enttäuschung: Der Rätekommunismus fasziniert bis heute und zieht immer wieder junge Linke an, die von ihren Gruppen und Grüppchen und den dort vorherrschenden Intrigen, Hierarchien und Verknöcherungen loskommen und das Prinzip der Emanzipation in der Selbsttätigkeit der arbeitenden Massen selbst entdecken wollen. Er zieht Linke mit ausgeprägtem theoretischen Interesse an, die ein tiefes Misstrauen gegen die so zählebige leninistisch-sozialdemokratische Staats- und Polizeiphilosophie haben und denen die Melancholie der Kritischen Theorie zu wenig bietet.

Die Faszination des Rätekommunismus und seiner Protagonisten stellt sich meist spontan ein. In Anlehnung an den Schriftsteller Franz Jung (1888–1963) – eine Zeitlang selbst als rätekommunistischer Abenteurer unterwegs, aber immer zu ungebunden und zu unruhig, um sich dauerhaft einer Sache zu verpflichten – könnte man sie auch «Anarchomarxisten» nennen. Das war sympathisierend ironisch gemeint, trifft aber ziemlich genau die Sehnsüchte, die bis heute auf den Rätekommunismus projiziert werden: die Verbindung des Antiautoritarismus und der notorisch herrschaftsfeindlichen Spottlust der Anarchisten mit dem wissenschaftlichen Grundzug des Marxismus – Rätekommunismus ist Marxismus ohne Partei und ohne ZK.

Aber diese Projektionen führen zu Enttäuschungen: Denn viele Texte des Rätekommunismus präsentieren sich auf den ersten Blick als hölzern, flach, mechanistisch. Man vermisst viele Themen, die uns heute umtreiben und die vor fünfzig Jahren auch schon virulent waren – man findet nichts über Feminismus und Rassismus, wenig über Antisemitismus. Stattdessen fällt die Fixierung auf die europäischen und nordamerikanischen Industriearbeiter auf. Schließlich: Verknöcherungen, Spaltungsirrsinn und rabulistische Diskussionen um Außenstehenden kaum noch zu vermittelnde theoretische Probleme hat es auch in rätekommunistischen Zirkeln gegeben. In heutigen linksradikalen, «autonomistischen», operaistischen oder linkskommunistischen Kreisen gilt der Rätekommunismus als Übergangs- oder Durchgangsphänomen – historisch verdienstvoll, nicht mehr, nicht weniger.

Dieses Buch vertritt eine andere These, genauer gesagt zwei: Der Rätekommunismus ist als Lehre von den Widerständen zu verstehen, die sich den Arbeiterinnen und Arbeitern bei ihrer Selbstbefreiung in den Weg stellen und gegen die sie sich auflehnen müssen, um ihre Bedürfnisse, ihr soziales Miteinander durchsetzen zu können. Weil angesichts eines totalitären Kapitalismus alle Organisationsformen gerade auch der Arbeiterbewegung sich als kapital-konform erwiesen haben, bleibt nur die Selbstorganisierung in Räten. Es ist schiere Notwehr. Damit, und das wäre die zweite These, ist der Rätekommunismus nicht länger als eine weitere linksradikale Strömung in der Arbeiterbewegung zu verstehen, sondern als grundsätzliche Kritik auch an diesen – aus Sicht der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst. Die Räte sind die positive Aufhebung des Linksradikalismus. Darin liegt die Aktualität des Rätekommunismus, die über alle historischen Brüche hinweg sich erhalten hat.

Diesen Thesen folgen die einzelnen Kapitel. Sie machen den Vorschlag, nüchterner und mit dem Bewusstsein der großen historischen – und lebensweltlichen – Distanz in die rätekommunistische Theorie einzusteigen, um so aber bessere, brauchbarere Schlüsse für die eigene politische, oder besser: soziale, Praxis zu gewinnen. (…)

Inhalt

1 Vorerinnerung
2 Selbstbefreiung und Autonomie: Zur Aktualität der rätekommunistischen Erfahrung
3 Zur Übersicht: Daten, Gruppen, zentrale Thesen
4 Die Jahre der Massenstreiks: Wurzeln des Rätekommunismus
5 Republik, das ist nicht viel … Die deutsche Rätebewegung nach 1918
6 Keine Hoffnung aus dem Osten: Kritik des Bolschewismus
7 Die Gesetze des Kommunismus: Ökonomie des Proletariats
8 Befreiung in der ‹Todeskrise›: Krisentheorie und proletarische Revolution
9 Das verdiente Ende der Sozialdemokratie: Durchbruch zum Faschismus
10 «Oproer» und Neustart: Die Radikalisierung der Theorie
11 Die geistige Aktion: Materialismus als Tätigkeit
12 Die Umkehrung des Schemas: Revolution und Konterrevolution
13 Der Triumph des Status quo: Ende und Wiederkehr der Spontaneität
14 «Arbeiterräte»: Rückblick auf eine Epoche
15 Gegen die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung: Erinnerung an den Rätekommunismus
16 Bibliographie
Zusatzmaterial auf der Homepage des Verlages theorie.org

Klopotek: Einführung zu sein Buch ‚Rätekommunismus‘

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