Die G.I.K. zur Gründung der 4. Internationale und ein neues 1914

Randbemerkungen zu dem am 27/28 Aug. 1933 in Paris abgehaltenen Kongress zur Gründung einer 4. Internationale

“Russland kämpft an der Seite von kapitalistischen Bundesgenossen.
Darum kann die Verteidigung Sowjet-Russlands jetzt nicht mehr auf das Programm einer proletarischen Internationale stehen. Es würde nichts anderes bedeuten, als sich einsetzen für den Sieg der mit Russland verbundenen Staaten. Und doch stellen die Befürworter der 4. Internationale sich noch auf diesen Standpunkt.”

I.

In Zusammenhang mit vorstehenden Artikel über Bolschewismus und Kommunismus [5 Seiten, niemals wiederveröffentlicht?] einige Bemerkungen über den oben erwähnten Kongress. Mit dem völligen Fiasko der “leninistischen Taktik” in Mittel-Europa vor Augen, beginnt man damit den Leninismus in neuer Auflage fortzusetzen. Es handelt sich dabei nicht um eine falsche Interpretation des Leninismus durch die Stalinknechte. Es handelt sich darum dass wir klipp und klar aussprechen müssen, dass der Leninismus sowohl in der Fassung von Lenin selbst, als in der von Stalin oder selbst der von Trotzki keine Klassebasis abgeben kann für die Überwindung des hoch-industriellen Kapitalismus. Lenin hat die entscheidenden Grundfragen des Kampfes um die Macht und von der Durchführung des Kommunismus auf dem Kopf gestellt.

“Ergreifung der macht durch das Proletariat” verwandelt der Leninismus in “Ergreifung der macht durch die Partei”. (“Die proletarische Partei, die unter den heutigen geschichtlichen Bedingungen der Ergreifung der macht ausweicht, begeht schlimmsten Verrat”. Aus der Resolution auf dem Pariser Kongress ’33).

Die Diktatur des Proletariats erscheint als Diktatur der Partei. Und dieser Leninismus wird von den Geburtshelfern der 4. Internationale als höchste Weisheit erklärt.

Die Gründung einer neuen Internationale auf dieser Grundlage bedeutet keinen Schritt vorwärts, sondern wirft die Arbeiterbewegung ein gutes Stück zurück. Denn, wie die Dinge jetzt liegen, hat der Leninismus sich im Besonderen in Deutschland schon praktisch überlebt. Es sind dort die Bedingungen geschaffen, dass die Arbeiterklasse auf der Grundlage der Arbeiterräte ihre Klassenmacht entfalten lernt. Die Reste der alten Arbeiterbewegung in Deutschland, wie diese noch in der S.A.P. und den Bolschewiki-Leninisten verkörpert sind, geraten in Widerspruch mit den Entwicklungsbedingungen in Deutschland. Und in dieser Lage suchen diese Reste nun Hilfe bei der Arbeiterbewegung in anderen Ländern, wo die Entwicklungen noch lange nicht se weit fortgeschritten ist (im Besonderen in die Unabhängigen in Holland) und die Trotzkisten in allen anderen Ländern.

Die alten Auffassungen suchen noch eine Rückendeckung im Auslande zu finden. Darum ist die Gründung einer 4. Internationale auf dem Boden des “Leninismus” ein Schritt zurück; es ist das zurechtflicken einer alten Auffassung, die ins Wanken geraten ist.

Wit stellen fest, dass die theoretischen und strategischen Auffassungen von Lenin in unüberbrückbarem Gegensatz zum “Marxismus”, zu den Bedingungen des Kampfes um die Macht in den hoch-industrialisierten Ländern stehen. Und wenn die Geburtshelfern der neuen Internationale sagen

“Die Unterzeichneten (der Resolution) verpflichten sich, mit all ihrer Kraft dazu beizutragen, dass sich diese neue Internationale in möglichst kurzer Zeit heraus bilde auf dem unerschütterlichen Fundament der von Marx und Lenin aufgestellten theoretischen und strategischen Prinzipien”, dann heisst das nur, dass man dem Marxismus preis gibt. In Wirklichkeit steht man auf dem Boden des Leninismus und wird man die marxistischen Auffassungen in den Grundfragen des Klassenkampfes aufgeben.

Denn:

“Soll die neue Internationale ihren Aufgaben gerecht werden, so darf sie keinerlei Abweichungen von den revolutionären Grundsätzen in den Fragen des Aufstandes, der proletarischen Diktatur, der Sowjetform des Staates usw. zulassen.”

damit ist dann gesagt, dass in dieser Internationale für die “linken” Marxisten kein Platz ist. Natürlich abgesehen davon, ob sie einem derartigen Gebilde angehören wollen. Es ist für die “Linken” kein Platz, weil die Leninistische Auffassung der Diktatur in Widerspruch steht zu der “Sowjetform des Staates”. In der Leninistischen Auffassung müssen die Räte der Partei untergeordnet sein, weil die Partei das “Organ der Diktatur” ist. Daher werden die Räte entmannt, gerade wie in Rusland, denn die Räte dürfen die Politik der Partei nicht durchkreuzen. Das aber führt zu Niederlangen für das Proletariat und darum stellen die “Linken” die Losung: “Alle Macht den Räten!”

II.

Die Frage des Verhältnisses der Partei zu der Diktatur ist auch von entscheidender Bedeutung für den Aufbau des Kommunismus. Und auch hier zeigen die Befürworter der 4. Internationale, dass sie nicht auf den Boden des Marxismus, sondern auf den Boden des Leninismus, d.h. des Staatskapitalismus stehen. Das ist zu ersehen aus der Beurteilung der heutigen soziologischen Verhältnissen in Rusland. Es heisst:

“Ihre Klassenbasis, ihrer sozialen Grundlagen, den unbedingt herrschenden Eigentumsverhältnissen nach, bleibt die USSR auch heute ein proletarischer Staat, d.h. ein Werkzeug zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft”.

Wir verneinen das aufs Entscheidendste. Das Wesentliche eines proletarischen Staates ist doch gerade, dass der alte bürokratische, über den Massen stehenden Apparat gebrochen, zerschlagen ist, und die Leitung der politischen und ökonomischen Prozesse auf das Proletariat übergeht. Darum ist die Losung: “Alle Macht den Räten!” der wesentliche Grundplatz [Grundsatz] der neuen Arbeiterbewegung. Aber der Werdegang der Russischen Revolution zeigt ein fortwährendes zurückdrängen der Massen, grade in diesem entscheidenden Punkt. Die Räten müssen immer weitere Funktionen, die sie am Anfang der Revolution hatten, an die staatliche Parteiorganisation abgeben. Die Beherrschung des gesellschaftlichen Stoffwechslungsprozess durch das Proletariat verliert in der russischen Gesellschaft damit bald jede Bedeutung. Von der Leninistischen Zielsetzung: Staatskapitalismus unter Kontrolle der arbeitenden Massen blieb schliesslich nur der Staatskapitalismus übrig. Die Bolschewiki haben nicht den bürokratischen Apparat zerschlagen, sondern die Ansätze der kommunistischen Selbsbefreiung.

III.

Schliesslich müssen wir darauf hinweisen, das der russische Staatskapitalismus wahrscheinlich doch noch die neue 4. Internationale ins Schlepptau nehmen wird, und zwar in Hinblick auf den kommenden neuen Weltkrieg. Wie die Dinge jetzt liegen, ist ohne weiteres zu sehen, dass es sich bei einem neuen Weltkrieg nicht um einen Generalangriff der kapitalistischen Mächte auf Russland handelt. Bei dem kommenden Krieg kämpfen die verschiedenen Staatenblocks um um eine neue Aufteilung der Welt und Russland wird sich in einem dieser Blocks befinden. 

Russland kämpft an der Seite von kapitalistischen Bundesgenossen.

Darum kann die „Verteidigung Sowjet-Russlands” jetzt nicht mehr auf das Programm einer proletarischen Internationale stehen. Es würde nichts anderes bedeuten, als sich einsetzen für den Sieg der mit Russland verbundenen Staaten. Und doch stellen die Befürworter der 4. Internationale sich noch auf diesen Standpunkt. Es heisst:

“Die Verteidigung der Sowjetunion vor dem Imperialismus und der inneren Konterrevolution wird die neue Internationale als eine ihrer Hauptaufgaben auf ihre Fahne schreiben”.

Damit wird sich dann beim Ausbruch des neuen Krieges das Spiel von 1914 wiederholen!

Quelle: P.I.K. Pressedienst der Internationalen Kommunisten-Holland. Deutsche Auflage. Lesen und weitergeben. September 1933, No. 5. Nach: aaap.be.
Transkription und Bemerkungen zwischen viereckigen Klammens: F.C. Januar 2021

Die G.I.K. zur Gründung der 4. Internationale und ein neues 1914

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