A. Pannekoek, “Gegen die Reaktion” (1921)

Wir schreiben 2021. Wie in 1921 wird den Arbeitern eingehammert der Faschismus (damals die ‚Reaktion‘) stelle die grösste Gefahr dar, uns daher soll die bürgerliche Demokratie verteidigt werden. Vor 100 Jahren waren es aber die sozialdemokratischen Regierungen die sich der ‚Reaktion‘ von Junker und Freikorpse bedienten um mehrere Arbeiteraufständen niederzuschlagen. Als die Sozialdemokratie die Arbeiterklasse mit Hilfe der demokratischen Illusion total betäubt hatte, schob das Kapital in 1933 die Demokratie zur Seite und übergab die Staatsmacht den faschistischen Banden die aus die Freikorpse entstanden waren.
Anton Pannekoek analysiert im folgenden Artikel – wahrscheinlich der letzte biss 1927 – wie die KPD diese Politik nich irrtümmlicherweise stützte, aber dass die Bolschewisten dahinter standen um ihre Staatsmacht zu festigen.

Die Menschen vergessen schnell. Eine neue Generation von kämpfenden Arbeitern ist herangewachsen, die, von der alten Tradition unbelastet, frisch und neu den Verhältnissen gegenübersteht; aber dadurch auch von den wichtigen Lehren, die die Erfahrung früherer Zeiten bietet, nichts weiß. So sieht man die deutschen Kommunisten ahnungslos den gleichen Weg des Reformismus einherziehen, der die alte Sozialdemokratie zum Verderben führte. Eine geschichtliche Erinnerung mag daher am Platze sein. 

Vor anderthalb Jahrzehnten widerhallte die deutsche Sozialdemokratie auch von dem Ruf: gegen die Reaktion! Die damaligen Reformisten der SPD versuchten mit diesem Rufe, die SD zum Hilfstrupp der bürgerlichen Demokratie zu machen — zum Schwanz der Lämmerschwänzchen, wie damals gesagt wurde —, um mit ihr zusammen, an Stelle der Junker, für das Kapital zu regieren. Der radikale Teil der SD bekämpfte dies durch den Hinweis, daß der Kampf gegen das ganze Kapital geführt werden sollte, daß die Reaktion nur eine besondere Gruppe (Junker, Eisenindustrielle) und eine besondere politische Methode des Kapitals bedeute und das Proletariat von allem Kapital gleich gründlich ausgebeutet und niedergehalten werde, so daß die reformistische Losung auf eine Irreführung, eine Ablenkung der Blicke der Arbeiter vom wahren Feinde hinauskäme. Entscheidend für den äußeren Sieg des Radikalismus war, daß es nun einmal nicht ging. Das deutsche Kapital brauchte in seinem gewaltigen Emporstreben für seine Weltziele die Junker, das Militär, die Gewaltmethode; die bürgerliche Demokratie blieb unbedeutend und machtlos. 

Jetzt haben die Herren ihr Ziel erreicht; sie regieren für das Kapital. Das deutsche Kapital muß seine friedliche Seite hervorkehren, kann gegenüber den Siegerstaaten die Junker nicht brauchen. Die bürgerlich-demokratischen und sozialdemokratischen Politiker suchen ihre Ehre darin zu zeigen, daß das Kapital gegen eine Revolution der Proletarier viel gesicherter ist hinter der trügerischen Maske einer Volksrepublik, als hinter den Säbeln der Junker. Man hat sich oft gewundert, daß die demokratische Regierung ihre Macht nicht dazu benutzt, die Konkurrenz, den entlassenen Landsknecht, der doch immer auf der Lauer liegt, unschädlich zu machen, daß sich sogar selbst durch ihre Taten und Unterlassungen die Junkerfrechheit aufpäppelt. Aber dabei ist zu bedenken, daß sie ihre Reaktion nicht entbehren kann, die dann und wann durch Lärm und Konspiration den sonst rebellischen Proletariern einzupauken hat, daß sie treu zur Regierung halten müssen — sonst kommt der Wolf, die böse Reaktion. Und die Schafe demonstrieren brav gegen die Reaktion, für die demokratische Republik. 

Auch die deutschen Kommunisten gehen in die Falle. So groß ist ihre Sehnsucht nach Einigung, nach der Einheitsfront, daß sie mitdemonstrieren für die demokratische Republik, d. h. für den Arbeiterbetrug, gegen den Kommunismus. Der Unterschied gegen die früheren Reformisten der SPD ist nur dieser: während damals die Reaktion die Burg des Kapitals war, also der Kampf gegen die Reaktion, ernsthaft aufgegriffen, immerhin zu einem scharfen Kampf gegen die herrschende Kapitalmacht führen konnte, ist jetzt Kampf gegen die Reaktion gleichbedeutend mit Unterstützung der herrschenden Kapitalmacht. 

Zur Präzisierung der Ausdrücke müssen wir hervorheben, daß wir hier unter Reaktion, was buchstäblich Rückwärtserei, Streben nach Wiederherstellung früherer Zustände, bedeutet, nicht die vielen Maßnahmen zur Wiederherstellung regelmäßiger kapitalistischer Ausbeutung verstehen, die man nach dem Wortsinn so nennen könnte. Wir halten uns an die noch immer bedeutsame Unterscheidung der beiden Regierungsmethoden des Kapitals: die demokratische durch Volksbetrug, die reaktionäre durch Gewaltmethoden. Während der oberflächliche Blick nur die äußere Gewalt sieht, und glaubt dagegen ankämpfen zu müssen, muß der Kommunist die Aufmerksamkeit auf die tieferen Verhältnisse lenken, die Ausbeutung, das Kapital selbst in allen seinen Farben, das gerade durch den entwickelten raffinierten Betrug die Arbeiter am besten niederhält, sein Klassenbewusstsein trübt, seine Kampfeinigkeit stört. 

Man könnte glauben, diese Entstellung des Klassenkampfes sei den elenden deutschen Verhältnissen, dem Gehalt der deutschen Kommunistenführer der KPD zuzuschreiben. Dann könnte man den Spitzen der III. Internationale in Moskau darauf zeigen und sagen: seht da, ihr Werten! Das ist die böse Frucht der Parlaments- und Gewerkschaftspolitik, die ihr glaubtet, im Interesse der Weltrevolution dem westeuropäischen Proletariat durch eure Autorität aufzuerlegen! 

Aber dem ist nicht so. Wir wollen zeigen, daß diese Politik gegen die Reaktion dem Wesen der Politik Moskaus entspricht. Weil es notwendig ist, daß über unser Verhältnis zu Moskau volle Klarheit herrscht, muß immer wieder nachgewiesen werden, daß die westeuropäische Politik Moskaus nicht eine aus abstrakten kommunistischen Grundsätzen weitblickender Marxisten fließende und daher ehrfurchtsvoll zu befolgende Taktik ist; auch nicht der Versuch schlauer Politiker, die für ihre bürgerlichen Ziele in Russland das westeuropäische Proletariat, unter falscher Larve der Freundschaft, mißbrauchen wollen, sondern eine notwendige Konsequenz der ehernen Entwicklung, die sie mit ihren kommunistischen Überzeugungen nötigt, Maßnahmen zu treffen, die die bürgerliche Ordnung festigen und den Kapitalismus in Russland eindringen lassen. 

In der kapitalistischen Welt herrscht nicht überall der gleiche Standpunkt Sowjetrussland gegenüber; zwei verschiedene Hauptcharaktere sind da sichtbar. Da sind einerseits die reaktionären Politiker und Finanzgruppen, die in Verbindung und Geistesgemeinschaft mit der russischen Emigration, den weißen Garden, die Sowjetregierung unversöhnlich hassen, die alle demokratischen Formen und Freiheiten vernichten wollen, und von der alten Regierungsform und den alten Privilegien, von Adel, Militär und Fürsten möglichst viel wiederherstellen möchten. Ihre Methoden sind Mord und Konspiration, sie suchen Russland mit Krieg der Grenzstaaten zu überziehen. Daneben hat man jedoch in Europa andere Politiker und Finanzleute, weitblickender, schlauer, die demokratisch Denkenden, die den Kapitalismus durch friedliches Eindringen in Russland einpflanzen wollen, und dazu mit der Sowjetregierung als gleichem verhandeln und Verträge abschließen, kluge Geschäftsleute, die nur ans Geschäft denken, sympathische Ideologen und Philantropen, die den Russen freundlich gesinnt sind und ihnen aufs beste helfen wollen. Es ist klar, daß alles, was diese zweite Gruppe macht, jetzt, nach der großen inneren Schwächung Russlands und der Umkehrung seiner ökonomischen Bauernpolitik, dahin führt, die bürgerlich-kapitalistischen Tendenzen zu stärken, die kommunistischen Kräfte zu schwachen, den Kommunismus zu untergraben. 

Von unserem Standpunkte ist das Emporkommen des Kapitalismus in dieser zweiten Weise gleich verhängnisvoll für das Weltproletariat, als ein Erfolg der ersten Gruppe. Die Hilfsaktion könnte — darauf wurde hier bei der Betrachtung des jetzt aufgelösten Altrussischen Hilfskomitees hingewiesen —, dazu führen, daß die revolutionären Gruppen in Russland soviel Macht bekämen, daß sie die Sowjetregierung Lenins und Trotzkis stürzten. Aber die wesentliche Gefahr, die wir immer hervorheben, ist der Kapitalismus selbst, als Meister der Wirtschaft Russlands; die Personen, deren er sich bedient, sind Nebensache. Ob Lenin und Trotzki genötigt sind, mit eigener Hand dem Kapital den Weg zu bereiten, oder ob sie gestürzt werden durch die Reaktion, die dann diese Aufgabe übernimmt, macht für den ganzen Gang der Weltgeschichte, für das Proletariat der Welt und Russlands, für den Kommunismus, keinen wesentlichen Unterschied. 

Aber für sie selbst, für die Sowjetregierung, macht es einen sehr wesentlichen Unterschied. Und auch für die russische Bauernklasse, die von der Reaktion, von dem adligen Emigrantentum, von der damit verbündeten französischen Finanz, die die Zinsen der alten Schulden beansprucht, vieles zu fürchten hat. Und daher ist es verständlich, daß alle Kraft und Schärfe ihres Kampfes gegen die erste Gruppe, gegen die Reaktion, gerichtet wird: die ganze Presse der III. Internationale widerhallt vom Lärm über die Reaktion, die konterrevolutionären Drohungen und die Rüstungen gegen Russland. Dagegen wird über die zweite Gruppe geschwiegen, oder nur in Tönen der Freundschaft geredet, oder die Verhandlungen mit ihnen als Erfolge Russlands gerühmt. Darin liegt eine völlige Verschiebung des Standpunktes des Klassenkampfes und des Kommunismus, die die ganze Propaganda der III. Internationale fälscht. So entspringt aus Russland als Quelle eine Propaganda, gestützt auf die glänzende Vergangenheit der russischen Revolution, getragen von den größten und besten Aspirationen des westeuropäischen Proletariats, die jetzt dieses Proletariat in den Sumpf führt durch die alte reformistische Losung: nicht gegen den Kapitalismus als Gesamtheit, sondern gegen seine brutalste Form, gegen die Reaktion, zusammen mit der bürgerlichen Demokratie. 

Sieben Jahre liegen hinter uns, in denen das europäische Proletariat Anschauungsunterricht in Kapitalismus und Klassenkampf bekam, so tief, so hart, so grausam, so opferreich, wie nie zuvor — man sollte glauben, es sei jetzt imstande, seine Feinde und seine Ziele klarer zu sehen. Und jetzt dieses Resultat — durch Moskau. Es zeigt, wie sehr gründliche Propaganda nötig ist von der einzigen Partei, die klar und fest geblieben ist.

Quelle: Proletarier : Zeitschrift für Kommunismus, Jahrgang 1 (1920-1921), Heft 9-10 (Oktober-November 1921) S. 19/20.

Siehe weiter den von der G.I.K. veröffentlichen Artikel Anton Pannekoeks über das Ende der Weimarer Republik und dessen Ursachen: „DIE UMWÄLZUNG IN DEUTSCHLAND“ (1933)

A. Pannekoek, “Gegen die Reaktion” (1921)

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