Marlowe „Wiederaufleben“

Krawalle Seattle, Portland

Die Ereignisse der letzten Monate waren atemberaubend. Die globale Coronavirus-Pandemie hat zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels weltweit 16 Millionen Menschen infiziert und über 630.000 Todesfälle gefordert. Viele Regierungen haben Sperrmaßnahmen ergriffen, die direkte, nachteilige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und insbesondere auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse hatten, nicht zuletzt durch den massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit, dessen schlimmste Ausmaße noch bevorstehen. Und dann entzündete der groteske und dreiste Mord an George Floyd in Minnesota das ganze Land und führte zu außerordentlichen Konfrontationen zwischen den Demonstranten und den Repressionskräften in Stadt, Staat und Bund. So wichtig die letztgenannten Ereignisse im amerikanischen Kontext auch sind, so haben die Proteste doch in der ganzen Welt Widerhall gefunden und im Gegensatz zu vielen anderen Polizeimorden im Laufe der Jahre nicht nur zu Solidaritätsaktionen geführt, sondern auch zu ausdrücklichen Beziehen auf die Behandlung, die Kolonialisten und einheimische Ausbeuter in Vergangenheit und Gegenwart anderen ethnischen Gruppen angetan haben.

Diese jüngsten Proteste kamen nicht aus dem Nichts. Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es eine Reihe von sozialen Eruptionen, die aus den spezifischen Entwicklungen der kapitalistischen Welt der letzten Jahrzehnte hervorgegangen sind, in denen der Angriff der herrschenden Klasse gegen die Arbeiterklasse durch zunehmende Ausbeutung und begleitet von dem am weitesten verbreiteten Angriff auf die Menschheit und alle Aspekte ihrer Menschlichkeit zugenommen hat. Seit 2010 sind wir Zeugen eines Rückschlags gegen diese Angriffe. Die Protestbewegungen des Jahres 2020 haben jedoch mit noch größerer Intensität auf die sozialen Verhältnisse reagiert.

Wer hätte auch 2019 mit dem Zusammentreffen eines Polizeimordes, einer politisierten Pandemie, einer bevorstehenden amerikanischen Präsidentschaftswahl, einem aufkeimenden Handelskrieg, dem Niederreißen der Statuen von Sklavenbesitzern, Kolonialisten und Generälen der Konföderation [im amerikanischen Bürgerkrieg] und den weitverbreitetsten Bürgerunruhen seit den 1960er Jahren gerechnet? Und wer hätte vorausgesagt, daß der Preis für ein Barrel Rohöl unter den Preis einer Rolle Toilettenpapier fallen könnte? Dies sind turbulente Zeiten.

Es besteht eindeutig die Notwendigkeit für Marxisten, diese Protestbewegungen und ihre Entwicklungen im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kapitalismus zu analysieren. Wir befinden uns auf Neuland und müssen eine historische Perspektive der Ereignisse entwickeln. Wo passen sie in diese Entwicklung und was bedeuten sie für den Kampf und seine Richtung in der kommenden Periode? Im Folgenden beschreibe ich einige Aspekte der jüngsten Geschichte in groben Zügen, um einen Kontext zu schaffen. Daraus ergeben sich drei Schlüsselfragen: Wo ist die Arbeiterklasse? Wo ist der Punkt der Produktion? Wo ist das revolutionäre Subjekt?

Dieser Artikel hat nicht den Anspruch, endgültig zu sein, und Kommentare sind willkommen.

Die weltweite Integration der kapitalistischen Gesellschaft. Fesseln die binden

Die Schaffung des Weltmarkts im 19. Jahrhundert hat die Globalisierung nicht mit den Begriffen markiert, die wir heute verwenden. Unsere heutige Globalisierung ist ein integriertes System von Produktion, Finanzierung und Vermarktung. Nach der Durchführung der Reagan/Thatcher-Politik der Deregulierung und Privatisierung in den USA und im Vereinigten Königreich überschritt die Welt mit der Entfesselung des Kapitalverkehrs und der explosionsartigen Zunahme von Offshore-Finanzgebieten einen Rubikon. Diese Veränderungen erleichterten schnellere und umfassendere Investitionen in das globale Streben nach Profit, bei dem es vor allem um die Suche nach den billigsten Arbeitskosten ging.

Die Marktliberalisierung, die in vielen Teilen der Welt folgte, eröffnete Möglichkeiten für westliche Investitionen, die von Institutionen wie der Weltbank und dem IWF energisch und rücksichtslos gefördert wurden. Aber es wurde auch von Fraktionen der herrschenden Klasse vieler Länder erkannt, daß größere Veränderungen vorgenommen werden mußten, um in dieser neuen wirtschaftlichen Realität konkurrenzfähig zu sein und zu überleben. Eine nach der anderen wurden die alten Kommandowirtschaften umstrukturiert, wobei die weltweit bedeutendsten in Russland (durch Gorbatschow – Perestroika), in China (durch Deng Xiaoping – „Sozialismus mit chinesischen Merkmalen“) und in Indien (durch Narasimha Rao – Abbau des Lizenz Raj) (1) zu verzeichnen waren.

Neben den globalen Offshore-Finanzplätzen wuchsen auch die physischen Logistiknetzwerke. Der verstärkte Schiffs- und Flugzeugbau beschleunigte den internationalen Transport weiter. Die schnelle elektronische Kommunikation (zunächst per Satellit und dann per Glasfaserkabel) vollendete den Aufbau der infrastrukturellen Basis für eine echte Globalisierung: Das heißt, die geographischen Entfernungen schrumpften so weit, daß die Harmonisierung der internationalen Produktionsprozesse sogar den Anforderungen einer direkt auf die Erfordernisse der stark segmentierten internationalen Märkte abgestimmten Just-in-time-Produktion gerecht werden konnte.

Kulturell ist die Bevölkerung zusammengewachsen. Physisch hat die Bewegung der Menschen vom Land in die Stadt inzwischen einen Punkt erreicht, an dem mehr als 50% der Weltbevölkerung heute in städtischen Gebieten leben. Die Verwendung des Englischen als das lateinisch für die Neuzeit (aufbauend auf dem Britischen Empire, IBM und dem amerikanischen Militär) ermöglicht weitere Verbundenheit. Die amerikanische, indische und chinesische Fernseh-, Film- und andere Unterhaltungsindustrie, die den Großteil der Menschheit als Publikum bedient, hat eine beträchtliche Durchdringung erreicht. Die weit verbreitete Verfügbarkeit von Smartphones und die damit verbundene Nutzung sozialer Medien haben das Leben der Menschen in einer Weise miteinander verwoben, die noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt unvorstellbar war.

Diese Integration beruht natürlich auf kapitalistischen sozialen Beziehungen und schreitet mit dem voran, was Marx als die reelle Subsumption des Kapitals bezeichnete. Diese Subsumption dringt in jeden Aspekt des menschlichen Lebens in seinem räuberischen Streben nach Profit ein; sie zielt darauf ab, alles und jedes in dem grotesken Weltsystem, das wir heute haben, zu kommerzialisieren und zu monetarisieren. Jeder Aspekt unserer Umwelt wird geplündert, soziale Beziehungen deformiert und das geistige Leben pathologisiert. (2)

Ausbeutung aktualisiert

Die Globalisierung hat nicht nur weltweite Produktionsprozesse ermöglicht, sondern auch eine beschleunigte Fähigkeit, Kapital und industrielle Kapazitäten rund um die Welt zu bewegen. Manchmal geschieht dies, um niedrigere Arbeitskosten anzustreben, manchmal, um ein feindliches (politisches oder militärisches) Umfeld zu vermeiden oder um sie in ein günstiges steuerliches oder rechtliches Umfeld einzubetten. Eine soziale Folge dieser schnellen Bewegungen ist die Zunahme der Prekarität der Arbeit und damit des sozialen Lebens.

Die Welt ist übersät mit Städten, Ortschaften, Dörfern, Landwirtschaftsgebieten, die über Jahrtausende hinweg verlassen wurden – ihre Verödung wird durch Veränderungen in der Landwirtschaft, im Bergbau oder anderen Umweltbedingungen verursacht. Aber im Kapitalismus werden Veränderungen in erstaunlichem Tempo am Diktat der Vorstandsetagen vorgenommen. In der Gegenwart ist die Verlagerung der industriellen Produktion (Stahl, Autos, Schiffbau, Haushaltsgeräte, Elektronik) aus dem Westen nach Ost-, Süd- und Südostasien ein Beispiel für die Zeugnisse, die im US Rust Belt [dem sog. “Rostgürtel” ehemaliger Industriezentren], in den heruntergekommenen Städten Nordenglands und an vielen anderen Orten zurückgelassen wurden. Ganze Gesellschaften können gestrandet sein und nicht in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt auf der Grundlage von Lohnarbeit zu verdienen, wo es nur wenige Löhne gibt. Armut und Hoffnungslosigkeit gedeihen in solchen Umgebungen, während diejenigen, die anderswo Lösungen finden können, weggehen.

Die heutigen Arbeitsbedingungen können neuartige Merkmale aufweisen: Die Arbeiter in den Lagerhäusern Amazoniens werden unter der strengsten Überwachung gehalten, die die heutige Technologie bietet, indem sie alle ihre Körperbewegungen nicht nur zu Aufsichtszwecken überwacht, sondern auch, um die Algorithmen zu verfeinern, die zur effizienteren Steuerung ihrer Arbeit und zur Steigerung der Produktivität eingesetzt werden. Unterdessen nimmt der Einsatz von Robotern als Teil der ständigen Suche nach Technologien zum Ersatz von Arbeitskräften zu; dies sind die Arbeiter ohne Ausweis. Mit der Fähigkeit, Arbeitsplätze schnell zu verlagern, können frühere Stelleninhaber leicht im Stich gelassen werden. Es werden weitere Vorrichtungen geschaffen, um das Gleichgewicht noch mehr zu Gunsten der Bosse zu kippen – wie etwa Null-Stunden-Verträge, bei denen das Unternehmen nicht verpflichtet ist, seinen Arbeitnehmern Arbeit zu geben, der Arbeitnehmer jedoch verpflichtet ist, jederzeit für die Arbeit verfügbar zu sein. Die Arbeitsplatzsicherheit wird immer schwächer, wobei die Prekarität als normales Merkmal des heutigen Arbeitslebens zunimmt.

Die Schattenwirtschaft

Bei traditionellen Untersuchungen des weltweiten BIP wird ein bedeutender Anteil der wirtschaftlichen Aktivität ignoriert. Dabei handelt es sich, ohne allzu sehr auf Definitionen einzugehen, um die Schattenwirtschaft – jenen Teil der Wirtschaftstätigkeit, der den Schmuggel von Waffen und anderen verbotenen Materialien wie Betäubungsmitteln, Konfliktrohstoffe und Menschenhandel umfaßt. (Verwirrenderweise wird manchmal derselbe Begriff verwendet um die nicht in der Buchhaltung eingetragene Tätigkeit von Arbeitern und Kleinunternehmen zu erfassen, die einen wesentlichen Teil der Wirtschaft ärmerer Länder ausmachen kann und im Wesentlichen ein Mittel ist, um der Besteuerung zu entgehen). Auch wenn es schwierig ist ihren Umfang einzuschätzen, gehen einige Kommentatoren (darunter The Economist) davon aus, daß die Schattenwirtschaft inzwischen bis zu 20% der offiziellen Wirtschaft ausmacht; andere sprechen von 15-20% des weltweiten Umsatzes; offensichtlich ist dies eine bedeutende – und nicht marginale – Auslassung, die ausdrücklich anerkannt werden muß.

Die offensichtlichsten Wachstumsbranchen in der Schattenwirtschaft sind der Drogen- und Menschenhandel, letzterer für Sex, Sklaverei oder beide. Der Menschenhandel wurde durch wirtschaftliche Not und Verelendung von Teilen der Gesellschaft, die durch wirtschaftliche Not und Vertreibungen aufgrund politischer und militärischer Gegensätze entstanden sind, angeregt und trägt weiter dazu bei.

Darüber hinaus ist eine explosionsartige Zunahme von Industrien zu verzeichnen, die auf der Gewinnung von hochwertigen Mineralien wie Diamanten und verschiedenen Materialien basieren, die in der Hightech-Industrie verwendet werden. Viele von ihnen sind in Gebieten angesiedelt, in denen konkurrierende Kräfte um die kommerzielle und politische Kontrolle kämpfen, darunter vor allem Afrika und Westasien. Die riesigen Gelder, um die es hier geht, stimulieren den Markt für Waffen, die die Rivalitäten tödlich machen; wo sie mit Drogen kombiniert werden, wird der Handel umso giftiger.

Die Schattenaktivitäten gehen quer durch alle Bereiche: Diebstahl von Waren, gefälschten Modeartikeln und elektronischen Geräten, Handel mit gefährdeten Tierarten für Trophäen und Medikamente, Abholzung, … Die Liste ist endlos, und diese Sektoren wurden durch die Liberalisierung des Kapitalverkehrs, Offshore-Finanzplätzen und die sofortige Versorgung mit Waffen und sozialen Konflikten umso mehr stimuliert. Zusammen erzeugen die wirtschaftliche und militärische Kriegsführung des Kapitalismus massive Ströme von Vertriebenen und verzweifelten Menschen.

Auch hier können wir sagen, daß, obwohl die meisten dieser Aktivitäten nicht neu sind, ihr Umfang und ihre Vernetzung einen noch nie dagewesenen Grad an Integration erreicht haben, wobei die Universalität des amerikanischen Dollars eine Schlüsselrolle spielt.

Die Gewalt des Kapitalismus geopolitisch

Es überrascht nicht, daß die geopolitischen Kräfte und ihre Streitkräfte den größten offenkundigen physischen Schaden in Gesellschaften auf der ganzen Welt anrichten. Bei bewaffneten Konflikten ging es nie nur darum, eine bewaffnete Kraft gegen eine bewaffnete Kraft auszuspielen; die Bevölkerung hat immer zumindest als Kollateralschaden gelitten. Aber seit dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Industrialisierung der Kriegsführung ist der Begriff des „totalen Krieges“ in das bürgerliche Vokabular eingegangen. Während des restlichen 19. und während des gesamten 20. Jahrhunderts wurden immer breitere Schichten der Menschheit in die Konflikte hineingezogen, da die Gegensätze globaler wurden. Die Flächenbombardierung deutscher Städte und die Feuerstürme von Tokio hatten noch vor den Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki die Massenvernichtung der Zivilbevölkerung in eine moralisch legitimierte Militärplanung gebracht. Die MAD-Philosophie (‘Mutual Assured Destruction’) des Kalten Krieges beruhte zum Teil auf dieser moralischen Legitimation.

Die strategischen Neuausrichtungen des 21. Jahrhunderts sind immer noch in einem gewissen Wandel begriffen. Vorbei sind die beiden Blöcke des Kalten Krieges; an ihre Stelle treten Allianzen, die sich aus den Rückständen des Kalten Krieges herausbilden und durch wirtschaftliche und politische Veränderungen verstärkt werden. Die Hybris dessen, was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer “sozialistischen Verbündeten” als unipolare Welt angekündigt wurde, führte zu verstärkter amerikanischer und westlicher Aggression, die in den Invasionen in Afghanistan und im Irak nach dem 11. September 2001 gipfelte; die sozialen und politischen Reaktionen waren weit verbreitet und umfaßten auch lokal verankerte staatliche Kräfte und jihadistische Gruppierungen, darunter die Taliban, al-Qaida und Daesh. Die Unruhen boten auch Russland einen fruchtbaren Boden, auf dem es einen neuen internationalen Einfluß entwickeln konnte; und neben seiner enormen wirtschaftlichen Expansion ist China auch bestrebt, eine globale militärische Reichweite zu schaffen – was die Spannungen insbesondere im Westpazifik erhöht.

Das Ausmaß des „Krieges gegen den Terror“ wird selten bekannt gemacht. Die USA haben seit 9/11 über 7 Billionen Dollar für diesen „Krieg“ ausgegeben. Neben über einer Million Toten im Zusammenhang mit den Kämpfen wurden seitdem über 21 Millionen Menschen vertrieben. Die Abschaffung der bürgerlichen Freiheiten bei der Verfolgung von Terroristen hat zu einem unvorstellbaren Maß an Unterdrückung geführt. Die USA beteiligen sich derzeit in über 80 Ländern militärisch an Aktivitäten zur Terrorismusbekämpfung. Nicht jeder Krieg, der heute geführt wird, hat seinen Ursprung in dieser Quelle, es gibt immer viele lokale Gegensätze, die die Spannungen oder das Gemetzel aufrecht erhalten: wie z.B. in Kaschmir, der DR Kongo, im Sudan, in den mexikanischen Drogenkriegen.

Transnational organisierte Kriminalität: Banden, Franchiseunternehmen und Staaten

Gangstertum gibt es seit Menschengedenken, aber es blüht in der heutigen Welt auf vielen Ebenen. Und heute nimmt er aufgrund der Art und Weise, wie verschiedene Entitäten durch materielle und finanzielle Netzwerke miteinander verbunden sind, eine gewichtigere Rolle ein als je zuvor.

Einige Organisationen haben seit vielen Jahren eine starke Präsenz: wie die Mafia, Camorra, ‚Ndrangheta, Tongs, Yakuza. In jüngerer Zeit sind Erpresser-, Drogenhändler- und Menschenhändlerringe und -Kartelle auf dem Balkan, in der Türkei, in Israel, Süd- und Mittelamerika, auf den Philippinen, in Indonesien und anderswo wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Erfahrungen Russlands und des ehemaligen Ostblocks haben vielen anderen Ländern, in denen die staatlichen Institutionen zersplittert oder zerfallen sind, als Vorbild gedient: Die alten Institutionen der Unterdrückung und der Staatssicherheit nutzen die Gelegenheit, sich ihre eigenen kommerziellen Nischen zu erobern und in die erweiterte globale Kohorte der Erpresser einzutreten. All diese Unternehmen – und Herrscher, Gangster und andere Reichen – brauchen das (überwiegend) westliche internationale Bankensystem. Sie nutzen dessen Rechtsprechung zur finanziellen Sicherheit, um sich mit den offiziellen Finanzsystemen zu verbinden, um ihr Geld “weiß zu waschen”, um an der „legitimen“ Welt teilzuhaben und um ihre Vermögenswerte zu schützen, die sonst in ihren eigenen Ländern gestohlen oder beschlagnahmt werden könnten.

Um ihre Geschäfte zu erleichtern, brauchen diese Organisationen die Zusammenarbeit mit Teilen des Staatsapparates, so wie der Staat sie (umgekehrt) braucht; sei es aus Profitgründen oder zur Schmierung der Verwaltung von Gesellschaft und Wirtschaft, sei es auf der Ebene der einzelnen kleinlichen Korruption oder der massiven kriminellen Syndikate oder der großen Kleptokratien. Die Grenzen zwischen rechtmäßig und unrechtmäßig, legal und illegal, ehrlich und korrupt sind alle Gegenstand von Definitionen bürgerlicher Interessengruppen. Durch den FSB, die auf den KGB folgende Dienst für innere Sicherheit, hat Putin den russischen Oligarchen effektiv Leibrenten gezahlt (d.h. tut, was ich sage, oder ihr sterbt), ein Maß an Erpressung, das vielleicht nur vom Chef des Hauses Saud erreicht wird. Integraler Bestandteil der Fraktionskämpfe, die ununterbrochen in Banden und Staaten ausgetragen werden, sind Streitigkeiten über die Verteilung des Reichtums, und diese können auf wichtige Machtspiele hinweisen, wie bei den “Antikorruptionskampagnen” von Xi in China, Kim in Nordkorea und Mohammed bin Salman in Saudi-Arabien.

Zusammengenommen bilden diese Kräfte ein internationales Franchise der über das globale Finanzsystem operierenden Weltbourgeoisie.

Inland

Die Angst des chinesischen Staates vor inneren Unruhen ist bekannt (und erklärt, warum er 50% seines Militärbudgets für die innere Sicherheit ausgibt). Die Politik des Staates gegenüber den Uiguren in der Provinz Xinjiang hat dazu geführt, daß etwa eine Million Uiguren unter dem Deckmantel der „beruflichen Qualifizierung und Ausbildung“ in Konzentrationslagern interniert wurden. Als Zwangsarbeiter werden sie in andere Provinzen ausgeliehen; Frauen werden Sterilisierungsprogrammen unterworfen; Kinder werden von ihren Familien getrennt und für eine „zentralisierte Betreuung“ beurteilt. (Hier Schatten der amerikanischen Südgrenze.) Die Armee Myanmars startete eine Kampagne zur Vertreibung der Rohingya aus dem Staat Rakhine, der an der strategisch wichtigen Küstenregion am Golf von Bengalen grenzt; die Regierung hat die Unterstützung sowohl Chinas als auch Indiens (die beide um die Unterstützung Myanmars für ihre wirtschaftlichen und politischen Projekte buhlen).

Der Staatsapparat ist nicht die einzige Quelle der Gewalt. Bandengewalt ist weltweit für eine erstaunlich hohe Zahl von Morden verantwortlich: 2016 entsprachen die Morde in Brasilien den zivilen Opfern in Syrien; einige mexikanische Provinzen liegen damit beinahe gleich. In ganz Mittel- und Südamerika gibt es viele ähnliche Ereignisse.

Die Gewalt des Kapitalismus ist nicht nur physischer Natur. Sie kann sehr erfolgreich sein, wenn es darum geht, Probleme für die Menschen gewinnbringend zu schaffen und dann Lösungen zu finden, bei denen mehr Profit generiert wird. Die gegenwärtige Opioiden-Krise in den Vereinigten Staaten bringt erhebliche Gewinne für die große Pharmaindustrie, die die Ärzte dazu drängten, diese Medikamente zu verschreiben und die daraus resultierenden Abhängigkeiten durch höhere Dosierungen zu bewältigen – und damit den Umsatz der ‘Big Pharma’ zu steigern; die einzigen Probleme für Patienten und Familien sind Elend und Tod – über 63.000 im Jahr 2016. Es gibt parallele Beispiele in der Psychiatrie, wo z.B. die DSM-5 (3) – über die ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben habe – die Verschreibung von Psychopharmaka fördert, die (wieder) von ‘Big Pharma’ entwickelt und zur Verhaltenssteuerung eingesetzt werden; eine Art geistige Gummiknüppel. Die Verflechtung zwischen Ärzten, Akademikern und ‘Big Pharma’ generiert massive, globale Einnahmen im Verkehr mit ihren Patienten, von denen viele dem Wahnsinn des Lebens im Kapitalismus zum Opfer gefallen sind.

In den letzten Jahren hat die Entwicklung von Überwachungsmethoden viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens beeinflußt. Die umfangreiche Datenerhebung über die Aktivitäten von Milliarden von Menschen – über ihre Nutzung von Smartphones, sozialen Medien, ihr Internet-Surfverhalten und ihre Kaufgewohnheiten – hat durch die Entwicklung von Analysetechniken (einschließlich Künstlicher Intelligenz), die Daten aus verschiedenen Quellen mit ihren Metadaten kombinieren, neue Erkenntnisse über menschliche Verhaltensweisen gebracht. Diese Technologie ermöglicht eine genaue Überwachung der Leute, die die Daten (wissentlich und unwissentlich) bereitstellen, und fließt in neuartige Anwendungen ein, die wiederum eine präzise Ausrichtung und Beeinflussung durch alle Arten von kommerziellen und politischen Agenturen ermöglichen. Teile der Bourgeoisie werden in die Lage versetzt, ihre verschiedenen Wahrheiten nach Belieben zu übermitteln, zu kommerziellem und politischem Vorteil. Ein Beispiel dazu wird genügen. Trump hat bekanntlich das Konzept der “fake News“ in den politischen Diskurs der Bourgeoisie eingeführt, indem er seinen Gebrauch von sozialen Medien mit unterstützenden Rundfunk- und Fernsehnetzwerken koppelt. Dies hat die traditionellen Medien des Establishments in den Hintergrund gedrängt, und sie brauchten Jahre, um auf die unaufhörlichen Tiraden gegen sie zu reagieren. Auf globaler Ebene verändert dies die ideologische Führung der Bevölkerung durch die verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie.

Und die ganze Zeit: Sparmaßnahmen

Beispiele aus aller Welt sind Legio. Es ist jedoch heilsam, sich anzusehen, was amerikanische Arbeiter – die im reichsten Land der Welt leben – in den letzten Jahrzehnten erlitten haben. Ein Beispiel aus dem Redaktionsausschuß der New York Times, 24. Juni 2020: inflationsbereinigt verdiente der durchschnittliche Fleischverpacker 1982 24 Dollar pro Stunde und heute (trotz einer erheblichen Produktivitätssteigerung) nur noch 14 Dollar pro Stunde. In diesem Zeitraum ist die US-Wirtschaft um fast 80% gestiegen (bereinigt für Inflation und Bevölkerungszuwachs). Doch das Nach-Steuer-Einkommen der unteren Hälfte der Lohnempfänger ist nur um 20% gestiegen, die mittleren 40% der Verdiener um 50% und die oberen 20% um 420%. Alles in allem bedeutet dies eine Verschiebung von jährlich 1 Billion Dollar von den Arbeitnehmern zu den Eigentümern der Produktionsmittel. Es gibt viele Maße der Wohlstandsbewegungen über die Klassen hinweg in diesem Zeitraum, doch kurz gesagt haben die amerikanischen Arbeiter jahrzehntelang unter Austerität gelebt.

Im Vereinigten Königreich, dem derzeit sechst-reichsten Land, stimmen die Einschätzungen im Allgemeinen darin überein, daß etwa 22% der Bevölkerung (darunter 34% der Kinder) in Armut leben. In Russland und mehreren Ländern Südamerikas wird der gleiche allgemeine Weg der Sparmaßnahmen eingeschlagen. “Es ist überall auf der Welt das Gleiche”, könnte man sagen.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Regierungen zur Begleichung der enormen Schulden, die sie zur Bewältigung der Covid-19-Krise aufgebaut haben, erneut Sparprogramme auferlegen werden – als ob nicht ohnehin schon so viele Arbeiter unter permanenter Sparpolitik leben würden. Unter bürgerlichen Ökonomen wird die Wirksamkeit von Sparprogrammen ernsthaft in Frage gestellt – seit Keynes’ Zeiten, um genau zu sein – als kontraproduktiv. Aber ob nun diejenigen, die den Argumenten von Keynes und Krugman folgen, oder diejenigen, die Reinhart und Rogoff folgen, sich durchsetzen, die „natürliche“ Klassenreaktion der Bourgeoisie besteht darin, als Antwort auf solche Krisen eine weitere Auspressung von Mehrwert aus der Arbeiterklasse zu suchen. Auf welche Reaktionen auch immer die Bourgeoisie auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise reagieren mag, ihr könnt sicher sein, daß sie das Proletariat fertigmachen wird.

Rückschlag

Im Westen brachten die 1980er Jahre mehrere Stränge bürgerlicher politischer und wirtschaftlicher Ideen, Veränderungen in den Stärken verschiedener politischer Kräfte (in ihrem innenpolitischen Kontext) und globaler Investitionskräfte zusammen – immer noch innerhalb des Rahmens, der durch die Antagonismen des Kalten Krieges zwischen den beiden Blöcken vorgegeben war. Zu den auffälligsten gehörte die Verschmelzung der Wirtschaftspolitik des Monetarismus (und der Liberalisierung der Kapitalmärkte) mit der politischen Politik von Reagan und Thatcher gegenüber der Arbeiterklasse. Die daraus resultierende Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse wurde im Laufe der Jahre in Internationalist Perspective diskutiert. (4)

In dem Maße, wie sich die Konzentrationen der Industrieproduktion vom Westen in andere Gebiete der Welt verlagerten, verlagerte sich auch die Zunahme von Streiks und Arbeiterkämpfen. Dies ist nicht überraschend – man konnte erwarten, daß ähnliche Bedingungen zu ähnlichen Verhaltensweisen unter den Arbeitern führen würden. So zeigten China und Indien mit der Verlagerung eines hohen Anteils der Schwerindustriellen Produktion aus dem Westen ein klassisches Kampfprofil. Ihm folgten Streikwellen in anderen Ländern, da sie die Rolle als Zentren der großindustriellen Produktion übernahmen – ein bemerkenswertes Beispiel ist das in Vietnam von 2006 bis 2011. Die Reaktion auf die immer stärker werdenden Einschränkungen des menschliche Leben durch den Kapitalismus beschränkt sich jedoch nicht auf die Fabrik. In den letzten zehn Jahren haben wir erhebliche soziale Bewegungen gesehen, die sich der Politik des Kapitalismus widersetzt haben.

Der Arabische Frühling. Der Vorhang wurde durch Mohamed Bouazizi aufgezogen, der sich am 17. Dezember 2010 in Ben Arous, Tunesien, selbst verbrannte; verzweifelt durch Armut und Mißbrauch durch die Polizei, unfähig Bestechungsgelder an sie zu zahlen, beging dieser Straßenhändler auf schmerzlichste und öffentlichste Weise Selbstmord und brachte damit die Not der gesamten Bevölkerung zum Ausdruck. Es folgte eine Welle von Protesten, die im folgenden Monat zum Sturz der tunesischen Regierung führte.

Da die Bevölkerung in anderen arabischen Ländern ähnlich leidet wie in Tunesien, auch unter den repressivsten Regimes, brachen im Januar dieses Jahres Proteste in Oman, Jemen, Ägypten, Syrien und Marokko, Palästina und anderswo aus. Die Intensität der Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo und anderswo führte zum Sturz des Mubarak-Regimes. Danach kam es zu weiteren Protesten in Benghasi, die den libyschen Bürgerkrieg auslösten, in dem das Regime Gaddafis schließlich im August 2010 gestürzt wurde.

In Bahrein fanden Demonstrationen statt, zunächst aus Solidarität mit der ägyptischen Bevölkerung und dann für sich selbst. In Saudi-Arabien begann eine Welle von Protesten gegen die Regierung mit einer weiteren Selbstverbrennung in Samtah. Auch im Iran kam es nach der Niederschlagung der Proteste (der Grünen Bewegung) bei den Präsidentschaftswahlen 2009 nach 2011 zu einem Wiederaufleben regierungsfeindlicher Proteste in Großstädten. In Gaza konnten palästinensische Jugendliche mit “Fuck Hamas, Fuck Israel, Fuck Fatah, Fuck UNO, … Fuck USA …” protestieren.

In Tunesien und in Ägypten wurde die herrschende Klasse durch die Proteste zutiefst erschüttert; auf „Ratschläge“ westlicher Herrscher hin, die sie ermutigten, nicht einfach – wie es ihre Gewohnheit war – zu brutaler Repression zu greifen, wurden „weichere“ Vorgehensweisen gewählt und die unbeliebten Regierungschefs (Ben Ali und Mubarak) traten zurück; dies förderte jedoch die Ausbreitung von Aufständen weiter. Andererseits begannen die Machthaber in anderen Ländern zu glauben, daß diese ersten beiden zu bereitwillig kapituliert hatten und entschlossen waren, sich den Volksbewegungen zu widersetzen; daher der Widerstand von Gaddafi (der gestürzt wurde) und Assad (der noch immer überlebt). Schnell wurden diese einzelnen Episoden durch die Einmischung ausländischer Imperialismen, die durch direkte Intervention und durch die finanzielle und militärische Unterstützung von Bevollmächtigten einen Vorteil suchten, weiter durchdrungen: Syrien und Libyen haben in aller Deutlichkeit gezeigt, welch immenses Gemetzel dies zur Folge hat. Überall wird verstärkte Repression eingesetzt. Dennoch haben selbst in den letzten Monaten soziale Demonstrationen in Syrien, im Irak und im Libanon stattgefunden.

Die Indignados. Die Indignados-Bewegung in Spanien war eine Fortsetzung der Demonstrationen und Streiks gegen die Sparmaßnahmen, die im Mai 2010 in Griechenland begonnen hatten. Eine der größten Quellen der Unzufriedenheit war die erstaunlich hohe Arbeitslosigkeit und insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit (die im März 2011 bei 43,5% lag). Das Ausmaß der Aktionen in Spanien hat das Wiederaufflammen der Proteste rund um das Mittelmeer weiter begünstigt und insbesondere auf die Proteste in Griechenland zurückgewirkt. Im Gegenzug zu einem massiven IWF/EU-Kredit verhängte die griechische Regierung im Mai 2010 strenge Sparmaßnahmen gegen die Bevölkerung, die massive Demonstrationen in den Großstädten auslösten.

Die Occupy Bewegung. Sie begann in New York mit der Besetzung des Zuccotti-Parks neben der Wall Street. Obwohl sie sich von den weltweiten Anti-Austeritäts-Proteste inspirieren ließ, lag der Schwerpunkt auf den exponentiell zunehmenden Ungleichheiten in der Gesellschaft, wobei innerhalb der „99%“ gemeinsame Sache identifiziert wurde. Sie sah auch den Schlüssel zum Fortschritt durch „echte Demokratie“. Es wird geschätzt, daß bis Ende 2011 in fast 1000 Städten in über 80 Ländern auf allen Kontinenten Proteste stattgefunden haben. (5)

Die Gilets Jaunes (“Gelbwesten”). Die Demonstrationen begannen im Oktober 2018 und dauerten bis zum Ausbruch der Coronavirus-Pandemie gegen die Steuerreformen der Regierung von Macron an, die die Arbeiter- und Mittelschicht unverhältnismäßig stark in Mitleidenschaft zogen; der Auslöser war eine Erhöhung der Mineralölsteuer. (6)

Hongkong. Die Konflikte zwischen der Bevölkerung Hongkongs und dem chinesischen Staat begannen Anfang Mai 2019 und verschärften sich dann viele Monate lang jede Woche. Auslöser der Demonstrationen war die Absicht der Regierung Hongkongs (ein Lakai Pekings), ein Gesetz zu erlassen, das die Abschiebung von Hongkong-Bürgern auf das Festland ermöglicht, damit sie vor Gericht gestellt werden können. Die Gegenangriffe der Polizei verstärkten den Zorn der Bevölkerung, und mit dem Anstieg des einen stieg auch der Zorn der anderen. Die Demonstrationen wurden durch die vielen Klagen der Bevölkerung – darunter die erschreckende Wohnsituation und die niedrigen Löhne – weiter angeheizt. Woche für Woche fanden Demonstrationen statt, an denen fast alle Teile der Gesellschaft teilnahmen, und unter ihnen war eine beträchtliche Anzahl junger Menschen, die sich einer zunehmend gewalttätigen Polizei entgegenstellten, die von Peking forciert und durch Straßenkampf-Wasserwerfer, Tong-Banden und eine Mobilisierung der Volksbefreiungsarmee jenseits der Grenze ergänzt wurde.

Im Laufe der Monate weiteten die Demonstranten ihre Anprangerung der herrschenden Autorität und ihrer Peking-Unterstützer auf Forderungen nach mehr Demokratie aus. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels hat die massiv gestiegene Bedrohung durch Peking die Proteste jedoch zum Schweigen gebracht.

Und anderswo … Kaum ein Teil der Welt ist vom Kampf gegen die Regierungen unberührt geblieben – sei es durch die Lehrerstreiks 2019 in den USA, sei es durch Demonstrationen in Argentinien, Venezuela, der Türkei, Simbabwe oder Südafrika wegen Korruption und der damit verbundenen Armut und Not. Keines dieser Elemente ist neu; sie alle bestehen schon seit langem. Die gegenwärtige Periode scheint jedoch eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit gebracht zu haben.

Ebenso gibt es seit langem populistische Politiker, die sich von den Emotionen vieler Entrechteter gegen wenige Eliten leiten lassen. Peron in Argentinien und Chávez in Venezuela waren Vorbilder. Zu ihrer/seinen Zeit(en) handelten sie jedoch in lokalen oder regionalen Zusammenhängen. Heute ist der Populismus viel weiter verbreitet und zeigt seine Macht gleichzeitig in den rechtsgerichteten Regierungsparteien besonders starker Volkswirtschaften: Modi in Indien, Trump in den USA, Johnson im Vereinigten Königreich, Erdogan in der Türkei, Orban in Ungarn, Duterte auf den Philippinen, um nur einige zu nennen. Und anderswo zeigt sie sich als ein stärkendes Merkmal in der nationalistischen Politik, wie in Frankreich und Deutschland. Mit dem Populismus verbunden ist eine Stärkung des Autoritarismus auf Kosten des Liberalismus und die ideologische Verwendung von Anti-Elitismus (ohne Sinn für Ironie) und Antikorruption (wiederum ohne Sinn für Ironie).

Jeglicher Populismus fördert die Materialisierung des Anderen als ideologisches Konstrukt, in der Regel Immigranten oder eine Minderheitsgruppe irgendeiner Art, die gegen Uns gesehen wird, wobei diese Dynamik in der Regel auf einem mythologischen Nationalismus beruht. Der eine gemeinsame Faktor ist der ideologische Versuch, Gemeinschaft in einer Welt zu definieren, die sie ständig untergräbt. Aber jemandes Bruder ist auch ein Anderer.

Welche Entwicklungen im Kampf können identifiziert werden?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeiterklasse im Westen langsam demobilisiert, innerhalb eines kapitalistischen politischen Rahmens, der auf den Wiederaufbau und die antizipierende Untergrabung solcher sozialer Unruhen abzielte, wie sie in der revolutionären Welle nach dem Ersten Weltkrieg zu beobachten waren. Der Marshallplan bildete den internationalen Rahmen dafür. Im entstehenden Ostblock war die Arbeiterklasse unter der übergreifenden russischen Herrschaft einer verstärkten Ausbeutung ausgesetzt; ihr Widerstand führte zur Konfrontation nicht nur mit ihrem Nationalstaat, sondern auch mit dem russischen Staat. Das Kräftegleichgewicht war gewaltig zum Nachteil der Arbeiterklasse. In der übrigen Welt war der Hauptrahmen der kolonialen Ausbeutung, die in eine post-koloniale Welt überging. Die Arbeiterklasse war dabei, sich an Bedingungen anzupassen, die sich von den 1930er Jahren stark unterschieden.

In den späten 60er Jahren waren die vorherrschenden sozialen Unruhen durch Kämpfe am Punkt der industriellen Produktion in den wirtschaftlich stärksten Ländern gekennzeichnet, die der Welt zeigten, daß die kapitalistische Entwicklung der Nachkriegszeit die Probleme der Arbeiter nicht löste. Im Westen folgte ein ideologischer Konflikt zwischen gegensätzlichen staatlichen Strukturen, der zu Reaganomics und Thatcherismus führte und den aufkommenden Monetarismus in den Vordergrund rückte. Die Durchsetzung brachte einen verstärkten Klassenkampf mit sich, gegen den die überwältigende Macht der Bourgeoisie über Jahre hinweg eine Verstummung in der Arbeiterklasse herbeiführte. (Während dieser Zeit griffen mehrere Regierungen ihre Gewerkschaftsapparate an, zum Teil als Stellvertreter für ihr eigentliches Ziel – das Proletariat – und zum Teil als fortwährender Konflikt zwischen verschiedenen Teilen des Staatsapparates). Im Osten wurde der Kampf in erheblichem Maße durch die Vorherrschaft des russischen Staates, insbesondere seines Militärs, erstickt, wodurch Klassenangelegenheiten mit Nationalismus verwechselt wurden. In wirtschaftlicher Hinsicht wuchs die zunehmende Macht des Westens, und der Sowjetblock wurde bis an den Punkt des Beinahe-Zusammenbruchs gebracht, obwohl dies erst Ende der 80er Jahre geschah.

Die anschließende Globalisierung der Produktion hat zweischneidige Waffen in den Klassenkampf gebracht. Die Fähigkeit, Kapital und Produktion weltweit zu bewegen, stärkt die Hand der Bourgeoisie; sie hat jedoch auch den Effekt der Homogenisierung der sozialen und Arbeitsbedingungen, die zur potentiellen Vereinigung der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital beitragen. Dies ist ein wichtiges Element für die Zukunft.

Der Krieg gegen den Terror, der vom Westen und vor allem von den Vereinigten Staaten verfolgt wird, hat den Kampf in vielen Teilen der Welt untergehen lassen – vor allem dort, wo der Charakter des Kampfes eher sozial als eng auf den Punkt der Produktion ausgerichtet war.

Seit der Finanzkrise von 2008 haben Kämpfe auf der ganzen Welt einen mehr ausgesprochenen sozialen Charakter. Es ist, als ob es eine wachsende Anerkennung der Zusammenhänge zwischen allen Aspekten des sozialen Lebens im Kapitalismus gibt, Zwei Punkte:

  • Erstens kann der Klassenkampf aus den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen in einer mehr integrierten Weise entstehen als wie beispielsweise vor fünfzig Jahren. Revolutionäre Marxisten müssen eine Klassenperspektive zu den Themen suchen, ohne in die Protestbewegungen in ihrer Konstitution hineingezogen zu werden.
  • Zweitens ist es angesichts der Komplexität und der Neuheiten in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich vorherzusagen, wie klare Ausdrucke der proletarischen Klasse entstehen werden; aber wir wissen, daß sie und ihre Tätigkeit im Kontext der sich entwickelnden internationalen sozialen Bedingungen bestimmt werden.

Drei Fragen

1. Wo ist die Arbeiterklasse?

Marx betrachtete das Proletariat als jene Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft, die keine Produktionsmittel besitzt und überlebt, indem sie ihre Arbeitskraft verkauft. Meistens schenkt ihr die bürgerliche Gesellschaft wenig Aufmerksamkeit, obwohl die Arbeiterklasse überall ist. Sobald sich die Covid-19-Pandemie zeigte, zeigte sich auch die Realität dessen, wer einen Großteil der wesentlichen Arbeit in der Gesellschaft verrichtet: Lastwagenfahrer, Lieferarbeiter, Regalstapler im Supermarkt; Arbeiter in Pflegeheimen; Krankenschwestern, Krankenhausreiniger, Ärzte, Sanitäter, Laboranten.

Die Zahl ist riesig – und zwar zusätzlich zu denjenigen, die in der Industrie und Dienstleistung arbeiten: die Erbauer von Schiffen, Flugzeugen, Zügen, Autos, Lastwagen, elektronischen Geräten und diejenigen, die diese bedienen und warten; Angestellte bei Kraftwerken, Serverfarmen, der Internetverwaltung. Wenn dies – obwohl offensichtlich – betont werden muß, dann wegen der Betonung des Postfordismus, des kognitiven Kapitalismus in einigen Bereichen des akademischen Marxismus, als ob dies eine historische Phase des Kapitalismus wäre, die alles bisher Dagewesene verdrängt hat. Während die technologischen Entwicklungen alle Aspekte des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens beeinflußt haben, koexistieren die Arbeiter, die die Technologien nutzen, mit den Arbeitern, die unter der Herrschaft von kapitalistischen Arbeitsverhältnissen leben. Hier einige Beispiele:

  • Die kognitiven Arbeiter, die ihre „immateriellen“ Produkte auf Hi-Tech-Computern entwickeln, benutzen Geräte, die von den Arbeitern am Fließband unter anspruchsvollen, langlebigen Bedingungen gebaut werden, unter Verwendung von Komponenten, die aus Metallen wie Kobalt und Kupfer hergestellt werden, die für einen Hungerlohn durch Kinderarbeit im Kongo abgebaut werden.
  • Wenn die Abwasserkanäle in Delhi blockiert werden, stellen die Unternehmen in den glänzenden Bürogebäuden Arbeiter ein, die nackt in die Scheiße tauchen, um sie freizugeben.
  • Auf der Welt leben heute mehr Menschen in Sklaverei als je zuvor in der Geschichte. Diese Sklaven arbeiten in vielen Berufen und sind das Rohmaterial für die globalen Menschenhandelsnetzwerke.

Die Arbeiterklasse ist überall um uns herum und handelt kollektiv in jeder von der Gesellschaft benötigten Funktion.

2. Wo ist der Punkt der Produktion?

Der Begriff „Produktionspunkt“ wird oft verwendet, um den Punkt der industriellen Produktion zu bezeichnen – ein Bergwerk oder ein Fließband. Der heutige Kapitalismus hat jedoch einen Produktionsprozeß, der ein hochkomplexes, globales System von vernetzten, sich überlappenden Institutionen nutzt.

Das Herzstück des Kapitalismus ist nach wie vor die Produktion von Waren, aber der Kapitalismus ist viel mehr als nur ein einfacher Produktionsprozeß geworden. Bildung zum Beispiel, die gewöhnlich vom Staat gelenkt wird, ist – neben vielen anderen Dingen – unerläßlich, um sicherzustellen, daß die nächste Generation von Arbeitern in der Lage ist, die materiellen und intellektuellen Prozesse aufzubauen und zu betreiben, durch die sich der Kapitalismus reproduziert und ausbreitet. Abgesehen von der Teilnahme an den eigentlichen Herstellungsprozessen extrahieren, liefern, verschiffen, überarbeiten, planen, verteilen, auf den Markt bringen, Zahlungen abwickeln, Rechnungen stellen und so weiter. Sie bilden Kinder aus und begraben die Toten. Im Gesundheitssystem diagnostizieren, testen, scannen, transportieren, reinigen und pflegen sie. Je nach Land und Gesundheitssystem geben sie einen Teil des Soziallohns ab oder arbeiten in einer großen Industrie, die ihren Eigentümern riesige Gewinne liefert. Es gibt keinen Produktionspunkt, sondern ein Netz von Produktions- und Supportprozessen die mit unzähligen sozialen Institutionen verwoben sind.

3. Wo ist das revolutionäre Subjekt?

Die kurze Antwort lautet: es ist im Entstehen begriffen. Die obigen Ausführungen heben die globale Integration des kapitalistischen Systems, den globalen Angriff der Bourgeoisie auf die Menschheit und den Widerstand der Bevölkerung im Allgemeinen hervor, insbesondere in den letzten zehn Jahren, als sich – manchmal langsam, manchmal spektakulär – umfangreiche Protestbewegungen entwickelten. Die Proteste umfaßten eine Vielzahl von Themen: Löhne, Arbeitslosigkeit, Rassismus, Umweltfragen, Klimawandel, Krieg und Massenmord, Repression, außergerichtliche Staatsmorde, manipulierte Wahlen… Mit anderen Worten, alles und jedes im heutigen gesellschaftlichen Leben. Sie haben mehr Menschen aufgenommen, in größerem Umfang und für längere Zeit, als viele Jahrzehnte zuvor. Das ist also der Hintergrund für die diesjährigen Ereignisse, bei denen die sozialen Bedingungen und die internationale Reaktion darauf einen echten Unterschied zur Vergangenheit darstellen. Und heute setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, daß sich die sozialen Bedingungen unserer Zeit zu einer existenziellen Krise der Menschheit summieren. Wie kommt man also vom „Volksprotest“ zur Klassenaktion?

Offensichtlich ist eine wichtige Frage, mit der das Proletariat heute weltweit konfrontiert ist, die des Rassismus, dessen wichtigste Funktion für die Bourgeoisie darin besteht, die Arbeiterklasse zu spalten. Dies war besonders in den USA mächtig, wo der Mord an George Floyd der Funke für Wellen der Wut über die Aktionen der repressiven Kräfte des Staates und die schrecklichen Auswirkungen der Pandemie war, die unverhältnismäßig stark auf die Gemeinschaften der Arbeiterklasse und die gefühllose Gleichgültigkeit eines Großteils der herrschenden Klasse gegenüber dieser Pandemie gefallen sind. Positiv zu vermerken ist, daß die Demonstrationen und Proteste wirklich multi-ethnisch waren – überall auf der Welt und nicht nur in den USA. In der Arbeiterklasse gibt es ein tiefes Gemurmel, da viele Arbeiter zwischen dem unbezahlten Zuhausebleiben oder dem Weg zur Arbeit gefangen sind und eine Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus riskieren. In der Tat hat die amerikanische herrschende Klasse dies konkretisiert, indem Trump das Defense Procurement Act dazu benutzt hat, die Fleischverpackungsbetriebe, in denen das Virus wütet (siehe oben), zur Fortsetzung der Produktion zu zwingen. Gewerkschaften und Bosse sind jedoch bestrebt, den Schwerpunkt auf die Rasse zu legen. Die Gewerkschaften starteten eine Kampagne – Strike for Black Lives – die von den Teamstern, der Service Employees International und anderen sowie von verschiedenen Politikern unterstützt wird. Sie versuchen, die Klasse hinter der Rasse zu verstecken. In verschiedenen Streiks und Proto-streiks in den USA und anderswo haben sich die Beschäftigten dagegen für einen besseren Schutz vor Infektionen, Lohnerhöhungen für Risiken und bezahlten Krankenstand eingesetzt. Der Kampf der Arbeiterklasse ermöglicht eine Einheit der Rassen.

Im Verlauf dieser Kämpfe und Proteste können im Kontext eines Kapitalismus, der darauf drängt, den größtmöglichen Mehrwert herauszuholen, die Zusammenhänge zwischen den Besonderheiten der Proteste und dem Zustand der Protestierenden als Mitglieder der Arbeiterklasse deutlich werden.

Die Betonung der Klasse, obwohl sie von einer bestimmten wirtschaftlichen Beziehung in der Gesellschaft ausgeht, hebt das gemeinsame Interesse der Mitglieder der Arbeiterklasse hervor – die nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch moralischer Natur sind und daher danach streben, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen. Dies stimmt mit den Worten von Marx und Engels in der Deutschen Ideologie überein: „sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“. (7)

Die Aktionen dieses Jahres scheinen selbst im Vergleich zu den Ereignissen des letzten Jahrzehnts einen wesentlichen Fortschritt darzustellen, und es besteht eindeutig das Potential für eine weitere Entwicklung in der Zukunft. Es gibt keine Baupläne für den weiteren Weg. Es wird eine Entwicklung aus der Vergangenheit zusammen mit Spontaneität geben – ein Merkmal der Arbeiterklasse, das uns immer wieder überraschen kann.

Marlowe, 31. Juli 2020

Quelle: Internationalist Perspective, Resurgence.

Übersetzung: F.C., August 2020

Probelesen: H.C., Sonntag, 6. September 2020

Noten

1 Siehe de.wikipedia.org/wiki/Licence_Raj.

2 Siehe z.B. DSM-5: Recipes for Madness, in Internationalist Perspective Nr. 58/59.

3 DSM-5, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/DSM-5.

4 Siehe z.B. Internationalist Perspective Nr. 15, 3. Quartal 1989.

5 Siehe Internationalist Perspective Nr. 56, Frühjahr 2012.

6 Siehe den Artikel von RV auf der Internationalist Perspective Website vom 10. Dezember 2012.

7 Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, I Feuerbach.

Marlowe „Wiederaufleben“

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