Einige notwendige Kritikpunkte zum Artikel „Soziale Ansteckung – Mikrobiologischer Klassenkampf in China“ (Chuǎng)

Ende Februar veröffentlichte das Kollektiv Chuǎng einen ausführlichen Artikel über die Corona-Virus-Pandemie in China, Social Contagion. Microbiological Class War in China, der ihre Reflexionen über seine Entstehung und gesellschaftliche Bedeutung entlang zweier Achsen entwickelt: 1. „wie die kapitalistische Produktion auf einer grundlegenderen Ebene mit der nichtmenschlichen Welt zusammenhängt – kurz gesagt, die „natürliche Welt“, einschließlich ihrer mikrobiologischen Substrate, kann nicht ohne Bezug darauf verstanden werden, wie die Gesellschaft die Produktion organisiert“; „wie die kapitalistische Akkumulation solche Plagen produziert“ und 2. über den gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft; darüber, wie die Pandemie selbst „ein widersprüchlicher Fall einer politischen Krise ist, der den Menschen die unsichtbaren Potentiale und Abhängigkeiten der Welt um sie herum sichtbar macht und gleichzeitig eine weitere Entschuldigung für die Ausweitung der Kontrollsysteme noch weiter in den Alltag hinein bietet“.

Als eine der ersten Publikationen, die ihre Leser dazu einlädt, sich tiefer in die strukturellen und gesellschaftlichen Fragen einer sich rasch ausbreitenden, überwältigenden Viruspandemie zu vertiefen, hat sie ein weit verbreitetes Interesse in bestimmten politischen Milieus gefunden, wie die Vielfalt der Sprachen zeigt, in die sie übersetzt wurde, von Spanisch ins Russische.

Die folgende Erklärung des französischen Blogs Pantopolis kritisiert die Auffassung der Gruppe über den Klassencharakter der chinesischen Gesellschaft und ihre Hauptwidersprüche, da sie eine bemerkenswerte Verbundenheit mit den staatskapitalistischen Visionen des Maoismus zeigt.  Eine, die wir auch in ihren „Conversations with Lao Xie“ (A State Adequate to the Task“ in Chuǎng Ausgabe Nr. 2, 2019) finden können. [*]

(Einleitung von A Free Retriever’s Digest, wo eine Englische Übersetzung erschienen ist)

Erklärung von Pantopolis (22. März 2020)

Unsere Kritik knüpft an die bereits von Fredo Corvo im Oktober 2016 geäußerte und in einer niederländischsprachigen Artikelsammlung veröffentlichte Kritik, übersetzt als: “When in China a Butterfly Claps its Wings …“ (1)

Der Text von Chuǎng hat trotz seiner bemerkenswerten Positionen, die Robert Wallace’s marxistische Methode der Analyse von Pandemien unter dem globalisierten Kapitalismus anwenden, politische Mängel, die hervorgehoben werden müssen, wenn wir nicht in Selbstzufriedenheit verfallen wollen.

Zunächst einmal scheint Chuǎng, über dessen politische Entwicklung wir nichts wissen, eine gewisse Nostalgie für das maoistische China zu nähren. Man kann also Folgendes lesen:

„… das sozialistische Gesundheitssystem abgebaut wurde. Die Kindersterblichkeit ging stark zurück, und trotz der mit dem »Großen Sprung nach vorn« verbundenen Hungersnot stieg die Lebenserwartung zwischen 1950 und den frühen 1980er Jahren von 45 auf 68 Jahre. Impfungen und allgemeine Hygienemaßnahmen setzten sich durch, grundlegende Informationen über Ernährung und Gesundheit sowie der Zugang zu elementaren Medikamenten waren kostenlos und für alle zugänglich. Gleichzeitig vermittelten die Barfuß-Mediziner einem großen Teil der Bevölkerung grundlegendes, wenn auch begrenztes medizinisches Wissen; sie trugen so zum Aufbau eines robusten, von unten nach oben aufgebauten Gesundheitssystems unter Bedingungen materieller Armut bei. Wir sollten nicht vergessen, dass China damals pro Kopf ärmer war als das durchschnittliche Land im subsaharischen Afrika heute.“ (Chuǎng, Soziale Ansteckung. Mikrobiologischer Klassenkampf in China) (2)

Dass bestimmte Epidemien, wie in anderen Ländern, mit Fortschritten in der Epidemiologie ausgerottet wurden, ist sicher. Dennoch müssen die schädlichen Auswirkungen des Maoismus, der von 1957 bis 1979 angeblich „kommunistisch“ war, nachdrücklich betont werden. Das Scheitern des Großen Sprung nach vorn führte zu einer großen Hungersnot, bei der 20 Millionen Menschen starben. Die Politik von Liu Shaoqi in 1961 – die die von Deng Xiaoping in 1979 ankündigte, scheint die Hungersnöte beendet zu haben. Andererseits setzte die Kulturrevolution, die 1965 von Mao und seiner Clique eingeleitet wurde, der Kontrolle der Epidemien ein Ende, was zum Wiederaufflammen von Epidemien und sogar zur Hungersnot in mehreren Regionen führte.

Es sei darauf hingewiesen, dass Chuǎng in diesem Text, wie auch in den vorangegangenen, niemals die Dinge beim Namen nennt: Der Begriff Staatskapitalismus, der auf Maos China angewandt wird, erscheint Chuǎng als Blasphemie. Chuǎng bleibt bestehen, und das ist symptomatisch [für seine Position]: Maos Regime, obwohl fragwürdig, war „sozialistisch“ mit seinem „sozialistischen Gesundheitssystem“ und seinen „Barfußärzten“ … Dass die chinesischen Arbeiter unter Mao und Xi Jinping ausgebeutet und von Millionen in die Lager verurteilt wurden, sowohl unter Mao als auch unter Xi Jinping, kommt für Chuǎng nicht in Frage.

Aber wenn der Artikel von Chuǎng von Robert Wallace’s unschätzbarer Analyse der Zerstörung der Welt durch das Kapital profitiert, macht dies Chuǎng nicht marxistisch. Chuǎng, wie neo-stalinistische oder linke Gruppen (einige trotzkistische Gruppen usw.) es auch heute noch tun, erhebt sich vor allem gegen Milliardäre, wie Ma Yun (Jack Ma), den CEO von Alibaba, eine Schelte und schreit:

„In den letzten drei Jahrzehnten hat sich China von einer isolierten staatlichen Planwirtschaft in ein integriertes Zentrum der kapitalistischen Produktion verwandelt. Wellen neuer Investitionen formen und vertiefen Chinas Widersprüche und schaffen Milliardäre wie Ma Yun, während die Millionen unter ihm – diejenigen, die Landwirtschaft betreiben, kochen, putzen und seine elektronische Infrastruktur aufbauen – darum kämpfen, dem Schicksal endloser zermürbender Arbeit zu entkommen. Doch während Chinas Reichen immer verschwenderischer feiern, haben die Armen begonnen, die Tore zum Bankettsaal zu zertrümmern. Chuǎng ist die plötzliche Bewegung, wenn das Tor aufgebrochen wird und die Möglichkeiten für eine neue Welt dahinter entstehen“. (3)

Für Chuǎng ist der Klassenkampf eine Fantasie, die am besten durch einen „Kampf der Reichen gegen die Armen“ und umgekehrt ersetzt wird. Obwohl Chuǎng von der “Verwertung des Kapitals“ spricht (ein Begriff, den es von Robert Wallace entlehnt hat), scheint es die „Revolte“ oder die „Revolution“ (seine semantische Präferenz ist wahrscheinlich: Revolte…) auf einen „Kampf“ zur Aufteilung der Reste des Banketts der Reichen zu reduzieren, ohne auch nur im Geringsten an den Aufbau einer neuen Gesellschaft ohne Klassen, ohne Profite, ohne Kapital, ohne das Gesetz des Wertes auf Weltebene zu denken. Kurz gesagt, die Entstehung eines wahren Kommunismus, der das Gegenteil von Maos Kommunismus darstellt. Ein Kommunismus, der sich auf Arbeiterräte stützt, nicht auf eine totalitäre Staatspartei.

In einer sehr seltsamen, aber symptomatischen Weise vergleicht Chuǎng die Maßnahmen des chinesischen kapitalistischen Staates mit Maßnahmen zur „Aufstandsbekämpfung“, die sie mit kolonialistischen Aktionen gegen die „unterdrückten Massen“ vergleicht, wie zur Zeit des Algerienkrieges und auf dem Teritorium von Israel/Palästina:

„Diese aggressiven, verzweifelten Maßnahmen spiegeln extreme Fälle von Aufstandsbekämpfung und erinnern an die militärisch-koloniale Besetzung etwa von Algerien und dem Ort von Israël – Palästina.“ (ebd.)

Das Sahnehäubchen auf dem Gipfel dieser „radikalen“ Analyse ist der Verweis auf die Massenstreiks der Vergangenheit, die von Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek analysiert wurden. Für Chuǎng ist der Massenstreik eine Art Mythos, der vor allem in der totalen Gefangenschaft, in voller Quarantäne erlebt wird, eine Virtualität des „tiefen Schocks“ auf der subjektiven Ebene des elementaren sozialen Atoms:

„Auf ungewohnte Weise entspricht die Einzelerfahrung der eines Massenstreiks – aber eines solchen, der in seiner nicht-spontanen, von oben verordneten und insbesondere unfreiwilligen Total-Atomisierung die Grundrätsel unserer strangulierten politischen Gegenwart ebenso klar hervortreten lässt, wie die Massenstreiks des letzten Jahrhunderts die Widersprüche ihrer Ära erhellten. Die »Quarantäne« erscheint somit wie ein Streik, der seiner gemeinschaftsbezogenen Charakteristika beraubt aber gleichwohl geeignet ist, sowohl der Psyche als auch der Volkswirtschaft einen tiefgreifenden Schock zu versetzen“. (ebd.)

Die Schlussfolgerung von Chuǎng, „der Reflexion würdig“, besagt, dass die zukünftige „Revolution“ chaotisch sein wird oder nicht, eine soziale Epidemie und nicht ein Prozess des Bewusstseins und der organisierten Aktion der proletarischen Massen sein wird:

„Während die Öfen in allen Gießereien zu leise knisternder Glut und dann zu schneekalter Asche abkühlen, können die vielen kleinen Verzweiflungen nicht anders, als aus dieser Quarantäne auszusickern, um sanft in ein größeres Chaos zu kaskadieren, das sich eines Tages, wie diese soziale Ansteckung, als schwierig einzudämmen erweisen könnte.“  (übersetzt aus dem Englischen Original, Die Version in Wildcat.de ist nicht vollständig).

Man kann das ABC des revolutionären Marxismus nur immer und unermüdlich wiederholen:

Ohne Klassenbewusstsein des Proletariats, ohne Organisation in Klassenparteien und in von der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum unabhängigen Arbeiterräten, ohne ein präzises Programm der neuen Gesellschaft, die aus der Revolution hervorgehen wird, kann es nur CHAOS geben, in klaren Worten: das NICHTS.

Pantopolis, 22. März 2020.

Quelle: http://pantopolis.over-blog.com/2020/03/quelques-critiques-necessaires-au-texte-de-chuang.html

Anmerkungen

1) Die Präsentation dieser Artikelsammlung von Chuǎng kann in englischer Sprache auf der Website von Controversen gelesen werden. Die vollständige Version des Postskriptes des Herausgebers, das dessen Kritik aus rätekommunistischer Sicht formuliert, kann auch dort abgerufen werden (pdf, 15 Seiten A4).

2) Chuǎng, 26. Februar 2020: Soziale Ansteckung – Mikrobiologischer Klassenkampf in China.

3) Aus der Präsentation About Chuǎng.

________

[*] Aus dem Interview von Chuǎng mit dem chinesischen „Marxisten“ Lao Xie, „A State Adequate to the Task„:

„Der von uns gewählte Titel bezieht sich speziell auf die Theorie von Lao Xie, dass das Xi Jinping-Regime grundsätzlich durch das Projekt des Aufbaus eines bürgerlichen Staates charakterisiert ist, der der Aufgabe, die kapitalistische Gesellschaft für viele Jahre in die Zukunft zu regieren, gerecht wird – im Gegensatz zu früheren Regimen”. (…)

Chuǎng: Wie würden Sie Chinas soziale Formation in den 1960er Jahren charakterisieren? Hatte es eine herrschende Klasse?

Lao Xie: Ich stimme im Grunde mit bestimmten trotzkistischen Darstellungen dieser Geschichte überein. Bis Ende der 1950er Jahre waren die früheren herrschenden Klassen im Grunde genommen ausgerottet worden – sozial und in vielen Fällen physisch. Die parteistaatliche Bürokratie bildete nie eine herrschende Klasse im engeren Sinne, aber sie war eine Gruppe mit besonderen Privilegien. Sie kontrollierte effektiv die Produktionsmittel. Und mit der Zeit wurden sich diese Bürokraten zunehmend ihrer kollektiven Interessen bewusst. Man könnte sagen, es war keine „Klasse für sich” sondern eine „Gruppe für sich“. In den 1970er Jahren, nach den Wirren der Kulturrevolution, wollte diese Gruppe zunehmend ihre Macht konsolidieren und eine herrschende Klasse werden. Im Kontext des globalen Kapitalismus konnte das nur bedeuten, dass sie eine Bourgeoisie werden musste.

Chuǎng: Wie sieht es mit der sozialen Formation aus? Gab es eine bestimmte Produktionsweise? War es eine Form des Kapitalismus?

LX: Ich stimme nicht mit den Theoretikern überein, die sagen, es war eine Form des Kapitalismus. Er funktionierte anders. Zum Beispiel wurde die Entwicklung durch staatliche Planung und nicht durch private Interessen oder das Profitmotiv getrieben. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob es eine kohärente Produktionsweise gab, die funktionierte. Sie war immer sehr instabil“.

(Auswahl: F.C.)

Einige notwendige Kritikpunkte zum Artikel „Soziale Ansteckung – Mikrobiologischer Klassenkampf in China“ (Chuǎng)

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