GIK,“Grundprinzipien“: Back to the Future: 1935 und 1871

1935

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Back to the Future, oder
Wie die GIK in den Grundprinzipien schon im voraus ihre Kritikaster widerlegten

Mit der Veröffentlichung der Erstübersetzung in deutscher und englischer Sprache der 1935 von der GIK überarbeiteten Ausgabe der Grundprinzipien kommunistischer
Produktion und Verteilung werden einige der Einwände widerlegt, die aktuell gegen
ihre aus der Marxschen Kapitalismuskritik abgeleiteten ökonomischen Grundlagen
einer kommunistischen Gesellschaft vorgebracht werden. Wie hier gezeigt wird, sind einige dieser Kritikpunkte eine Wiederholung von Ansichten, die bereits von der GIK in 1935 widerlegt wurden. Während einige der Kritiker sich entschuldigen können mit Unwissentheit des Inhalts der Ausgabe von 1935,  stellen wir in andere Fällen fest, dass es sich handelt um Ignoranz der ersten Ausgabe von 1930 (Berlin, Verlag der AAUD, Reprint in 1970) die in mehreren Sprachen zur Verfügung stand.

Diese Übersetzungen der Grundprinzipien von 1935 bedeuten, dass die jüngsten Kritiker der GIK – Robin, Bourrinet, Victor und wer auch immer – nicht länger Kees, Corvo, Lueer antworten sollten, die alle versucht haben, vor falscher Kritik zu warnen. Falsch weil Sie die den Text der GIK nicht kannten (1). Jetzt müssen sie aber den Text der GIK selbst antworten. Und diesmal nicht, indem sie sich einige Textfragmente suchen, sie aus ihrem Kontext heraus zitieren, um zu beweisen, dass Ihre ‚Eindrücke‘ zu dieser Arbeit richtig sind. Wenn sie sich nicht total lächerlich machen wollen gegenüber die Leser dieser Neuausgabe, dann sollen sie sich erst mal bemühen zu verstehen was die GIK in den Grundprinzipien entwickelt. Da könnte man zum Beispiel sehen dass die GIK nicht die Öffnung der russischen Archive brauchte um zu verstehen, wie die Diktatur des Proletariats sich in eine Diktatur über das Proletariat verwandelt hatte, einfach auf der Grundlage der damals verfügbaren ‚offiziellen‘ Quellen, einschließlich dessen, was Lenin und Trotzki erklärt haben.

Die ökonomischen Bewegungsgesetze des Kommunismus

Zuerst wollen wir den Kern der Arbeit der GIK hervorheben, die von manchem ihrer jüngsten Kritiker überhaupt nicht gesehen wurde:

„Die Aufhebung der Lohnsklaverei kann nur geschehen, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben wird, wenn das Verfügungsrecht über das Arbeitsprodukt und darum auch über die Produktionsmittel wieder den Arbeitern zukommt. (…) Dies kann natürlich nicht mehr in der Weise geschehen, wie früher der Handwerker die Verfügung über sein Werkzeug und sein Arbeitsprodukt hatte. Die heutige Gesellschaft kennt keine „individuelle“, auf sich allein gestellte Arbeit mehr; sie ist übergegangen zur gesellschaftlichen Produktion, zum vergesellschafteten Arbeitsprozess, wo jeder nur ein Rädchen im großen Ganzen ist. Darum müssen die Arbeiter die Produktionsmittel jetzt gemeinschaftlich besitzen. Gemeinschaftlicher Besitz aber, der nicht zugleich das Verfügungsrecht darüber in sich schließt, verfehlt seinen Zweck. (…) Die freien Produzenten können aber nicht willkürlich über die Produktionsmittel verfügen, so wie es die „freien Produzenten“ im Kapitalismus (die Fabrikbesitzer oder Führer) tun. Ist die Verfügung willkürlich, dann kann von einer gemeinschaftlichen Verfügung keine Rede sein. Die erste Bedingung, um eine gemeinschaftliche Verfügung über den Produktionsapparat möglich zu machen, ist daher, dass die Produktion sich nach allgemein geltenden Regeln vollzieht; Regeln, auf denen alle gesellschaftliche Arbeit ruhen muss. Dann erst ist ein gemeinschaftliches Beschließen und Handeln möglich. Die freien Produzenten müssen darum gleiche Produktionsbedingungen für alle Produzenten schaffen. Damit werden dann die freien Produzenten zugleich zu gleichen Produzenten. Die Betriebsorganisationen verkörpern so, in ihren Verbindungen der verschiedensten Art „die Assoziation der freien und gleichen Produzenten“. (…) Diese Regeln für die ganze Produktion bindend zu machen, das ist die wesentliche Aufgabe einer proletarischen Revolution.“ (Grundprinzipien 1935, S.26/29)

Die GIK zeigt, dass sowohl die Sozialdemokratie, wie die Bolschewisten, (und sogar die Anarchosyndikalisten (1935, S. 91 ff), nicht die Assoziation, sondern den Staat in der Form des Hilferdingschen Generalkartell  (siehe 1935, S. 78 ff) als höchste Instanz einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft dargestellt haben. Die GIK stellt dazu fest:

„Die Sozialdemokratie verwechselt die spezifisch kapitalistischen Organisationsformen der Beherrschung der gesellschaftlichen Arbeit mit der gesellschaftlichen Arbeit selbst!“ (1935, S. 31)

Die GIK beschäftigt sich in den Grundprinzipien nicht mit Organisationsformen die weiter gehen als die historische Realität, also den Betriebsorganisationen, den Räten und den Konsumgenossenschaften. Die weitere Ausarbeitung einer Organisation ist den ökonomischen Bewegungsgesetzen des Kommunismus untergeordnet. Daher überlässt die GIK die weiteren organisatorischen Details, ebenso wie z.B. sozialpolitische Entscheidungen, einer Zukunft überlässt worin dann auch die zu berücksichtigen praktischen Umstände bekannt sein werden.

Einige Kritiker, z.B. Robin der IGKL, glauben, dass die GIK durch die Betonung der ökonomischen Bewegungsgesetze der Assoziation freier und gleicher Menschen das Primat der politischen Macht der Arbeiterklasse – die Diktatur des Proletariats – vernachlässigen. In dem in 1935 zugefügten Kapitel 16 bestätigt die GIK was an vielen Stellen des Werkes zu finden ist, und auch klar hervorgeht aus den Vorstudien zu den Grundprinzipien (siehe meine Einführung):

„Diese Diktatur ist für uns eine Selbstverständlichkeit, die eigentlich nicht besonders behandelt werden muss, denn die Einführung des kommunistischen Betriebslebens ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats.“ (1935, S. 300)

Wer den Text kennt, selbst den in mehreren Sprachen übersetzen ersten Druck von 1930, dem müsste vollkommen klar sein, dass die GIK davon ausging, dass:

„in einem industriellen Lande die Herrschaft der Arbeiterklasse zur Tatsache geworden“ ist (Max Hempel, Pseudonym von Jan Appel, Marx-Engels und Lenin; Über die Rolle des Staates in der proletarischen Revolution, in Proletarier (Berlin), no. 4-6, Mai 1927).

Die politischen Hintergründe dieser sich ‚politisch‘ nennenden Kritik sind verschieden, aber es lohnt sich zu fragen:

  • Was diese Kritiker verstehen unter Diktatur des Proletariats, etwa eine Diktatur einer Partei nur im Namen des Proletariats, wie in der Sowjet-Union?
  • Oder wie sie sich vorstellen, dass die Arbeiterräte über alle Macht verfügen, und diese politische Macht behaupten, ohne auch über die Betriebe und das ganze Betriebsleben zu herrschen?
  • Oder wie eine (Mangel-) Ökonomie von den Arbeitermassen verwaltet und angesteuert werden kann ohne Recheneinheit (die nur die Arbeit sein kann)?

Weiterhin gibt es unter den Freunden der Diktatur natürlich noch die bordigistischen Fans des Roten Terrors, der proletarischen Gewalt, des KGB. Die sollen zuerst sagen wann die Arbeiter unter Lenin bewaffnet waren. Die GIK befürwortete dagegen:

„eine Diktatur, die nicht über das Bajonett durchgeführt wird, sondern durch die ökonomischen Bewegungsgesetze des Kommunismus“ (1935, S. 303) 

worin auch die Bauern als Produzenten integrierbar wären, statt sie wie Klassenfeinde zu malträtieren.  (Kap. 15, Anhang, neu in 1935)

Victor widerlegt wie Kautsky, Reeve wie Neurath

Unter den Kritikern der GIK gibt es solche die Gegenwürfe zu machen die andere schon … vor hundert Jahren gemacht haben, wie Karl Kautsky, der damals schon nicht mehr ernst genommen wurde unter Revolutionären, und der Ideologe des Staatskapitalismus Otto Neurath. Die GIK hat in ihre Arbeit schon diese Gegenwürfe beantwortet.

Victor beginnt seine Antwort an Lueer mit klassisch-anarchistische Verdächtigungen seines Opponenten er sein inspiriert von den Fünfjahrespläne der Sowjetunion und China. Victor präsentiert sich gegen die bei Lueer fälschlich unterstellten staatskapitalistischen Tendenzen, als Protagonist von „Programme für die gesellschaftliche Produktion (…), die weder vertikal noch totalitär ausfallen dürfen, was nicht heißen soll, dass keine Entscheidungen auf globaler Ebene getroffen werden könnten. Die neuen Kommunikationsmittel und Informationsverarbeitungssysteme eröffnen auf diesem Gebiet hervorragende Möglichkeiten“. Wenn Victor aber die Position der GIK so gut gekannt hätte wie Lueer, müsste er wissen das die GIK in 1935 hervorhob das sie den Zentralismus, im Sinne der Vorstellung wonach die Industrie zentral verwaltet und gesteuert wird, ablehnt, dass ihre Vorschläge aber auch nicht als Föderalismus zu bewerten sind:

„Der Gegensatz zwischen Zentralismus und Föderalismus wurde in einer höheren Einheit aufgehoben, der Produktionsorganismus wurde zu einer organischen Einheit.“ (1935, S. 316/7)

Der Unterschied zwischen der GIK und Lueer einerseits und Victor anderseits, ist dass letzterer unterstellt, dass wegen fehlender technologischen Entwicklung die Thesen der GIK derzeit nicht realisierbar wären … und sogar dass der Staatskapitalismus vielleicht historisch notwendig war. Also wer verteidigt hier was?

Die Missverständnisse von Victor hängen eng zusammen mit seiner falschen Identifikation von abstrakter Arbeit mit den (Tausch-)Wert,wofür er diverse Zitate anführt, ohne auf David Adams Widerlegung von Dauvé/Barrot einzugehen, die Victor sicherlicht nicht unbekannt ist. Dauvé/Barrot, der diese Identifikation von abstrakter Arbeit mit dem (Tausch-)Wert wohl am bekanntesten propagiert hat, hat demgegenüber die Widerlegung von Adam selber anerkannt.

Lueer wie Victor wollen dem Tauschwert in der Übergangsgesellschaft beseitigen. Lueer – wie die GIK – in den eersten Anfängen dieser Periode, durch die Abschaffung des Marktes. Victor ist da nicht so klar, er schiebt gerne Umwälzungen in die ungewisse Zukunft der volendeten Kommunismus, … wie einst beim „Realsozialismus“.

Die  GIK war dagegen sehr klar:

„Es fällt jedoch sofort auf, dass es gerade eine Forderung der kommunistischen Wirtschaft ist, dass wir »wissen müssen, wie viel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf.« (Engels Anti-Dühring)
Es ergibt sich also, dass der Güterverkehr im Kapitalismus auf der Grundlage der in den Produkten enthaltenen gesellschaftlichen Arbeit zustande kommt, … und im Kommunismus auch! So wie der Güterverkehr im Kapitalismus auf der Grundlage des Wertes zustande kommt, so scheint es auch im Kommunismus so zu sein.“ (1935, S. 117) Und weiter: „Anstelle der Ausdrucksweise, dass sich der Güterstrom durch den Austausch auf der Grundlage des Wertes bewegt, sagen wir daher, dass der Güterstrom auf der Grundlage der Produktionszeit weitergegeben wird. Obwohl die Bewegung äußerlich die gleiche ist wie im Kapitalismus, wurde die Form der Bewegung im Wegfallen der Wertform des Geldes und im Inhalt des Begriffs durch den Übergang zum gemeinschaftlichen Besitz völlig verändert. “ (1935, S. 119, 1930)

Weil aber Victor meint abstrakte Arbeit sei Wert, meint er noch eine zusätzliche Argumentation gefunden zu haben: „Lueer behauptet, dass das Messen der abstrakten Arbeit möglich sei und der postkapitalistischen Gesellschaft als Stütze für die Planung der Produktion wie auch der Distribution dienen könne.“ Lueer würde als einziges Argument vorgebracht haben das im Kapitalismus die abstrakte Arbeit über den Markt zustande kommt. Hier liegt aber genau der Kern der Sache.

Victor hatte einen illustren Vorgänger als er bezweifelte ob das Messen der abstrakten Arbeit möglich ist. (Er meint das Messen der konkreten Arbeit. Die abstrakte Arbeit, oder bei die GIK die gesellschaftlich Durchschnitliche Arbeit, wird berechnet). Schon Karl Kautsky meinte in 1922: „für jedes Produkt den Betrag der Arbeit zu berechnen, den es von seinen ersten Anfängen an bis zur völligen Fertigstellung samt Transport und anderen Nebenarbeiten gekostet hat (…) die Schätzung der Waren nach der in ihnen enthaltenen Arbeit, (kann selbst) der ungeheuerste und vollkommenste statistische Apparat nicht … leisten.“ (zitiert von GIK 1935, S. 137, auch in der Victor bekannten Ausgabe der GIK von 1930 Kap. IV).

Die GIK kann darauf hinweisen, dass die Betriebsökonomie mit Kostpreisberechnungen, aus kapitalistische Sicht, sehr gut in Stande ist dergleichen Berechnungen zu machen, und dass diese sogar in vertikalen Kartellunternehmen durchgeführt werden. Dies im Gegensatz zu naiven Vorstellungen, dass deren Tochterbetriebe sich untereinander beliefern würden ohne interne Preise und ohne Verrechnung. Der arme Kautsky konnte dass nicht wissen, aber ein Ökonome wie Victor könnte das schon wissen, und sogar noch mehr, wie z.B. Taylors „Wissenschaftliche Betriebsführung“ fortwährend Arbeitsstunden berechnet.  (Nebenbei: Jan Appel kannte das als Abteilungschef im Schiffsbau. Siehe auch 1935, S. 276). Selbstverständlich würden die Arbeiter als Assoziation diese Festlegungen der konkreten Arbeitszeiten selber vornehmen, und die GIK hat mit Beispielen erklärt, inwiefern die Assoziation an einer anderen Effizienz interessiert ist als die kapitalistische Betriebsführung. (1935, S. 276 ff, Die Kontrolle im Kommunismus)

Ein anderes „Back to the Future“ liefert Charles Reeve in Der wilde Sozialismus: Selbstorganisation und direkte Demokratie in den Kämpfen von 1989 bis heute. Reeve meint Otto Neurath hätte etwas Besseres als die GIK vorgeschlagen. Neurath referierend schreibt er: „Gegenüber dem verworrenen, chaotischen und ungeregelten Charakter der kapitalistischen Ökonomie stellte sich der Sozialismus als ein geplantes System dar, und die Sozialisierung erfordere auch eine Neugestaltung der Statistik. ‚Der sozialistische Zentralismus, welcher sich jetzt auf demokratischer Grundlage entwickelt, wird diese Verdunklung aufheben, er kennt keine Produktionsgeheimnisse mehr, sondern fordert volle statistische Klarheit.‘ “ (S.141)

Demgegenüber ist es interessant die Einschätzung von Anton Pannekoek in 1918 zu lesen:

“Die Unabhängigen [USPD] entwerfen auch Pläne für eine gemäßigte Sozialisierung – vor allem nicht zu schnell auf einmal, keine Experimente! Sie entwerfen schöne Pläne für den Aufbau einer sozialistischen Produktion auf dem Gebiet der Großindustrie und der Großlandwirtschaft; aber sie vergessen das Wichtigste: die Macht des Proletariats zu sichern, das dahinterstehen muss. Sie glauben nicht – in Kautskys theoretischen Schriften gibt es so etwas nicht -, dass Sozialismus keine Frage der Verstaatlichung von Unternehmen ist, sondern eine Frage der Macht des Proletariats. Die Folge wird sein, dass entweder die zur Macht gekommene Bourgeoisie diese Pläne beendet oder sie wird sie auf ihre eigene Art und Weise – als Staatssozialismus – verwirklichen. Übrigens gehen die Unabhängigen schon jetzt Arm in Arm mit Jaffe, dem bayerischen Wirtschaftsprofessor, der bereits während des Krieges Pläne für einen umfassenden Staatssozialismus entwarf. [und der Otto Neurath nach vorne schob, um dies an die Arbeiter als Sozialismus zu verkaufen; Cartwright Otto Neurath: Philosophy Between Science and Politics, p.43]. Auf diesem staatssozialistischen Programm werden sich die beiden sozialistischen Parteien wahrscheinlich mit der radikalen Bourgeoisie vereinigen können – wenn nicht die Aktion des Proletariats diese Pläne verhindert.“ (De Duitsche revolutie / A[nton]. Pannekoek in: De Nieuwe Tijd, 23e Jg., 1918, p. 509-515).

Die GIK beschäftigt sich in ihrer Schrift mehrmals mit Neurath, z.B.:

„Tatsächlich stehen die Herren Ökonomen auf diesem Standpunkt. Es fällt ihnen nicht ein, die Arbeit  gleich zu „werten“, also jedem den gleichen Anteil am gesellschaftlichen Produkt zu geben. Das ist denn auch die Bedeutung der Neurathschen Lebenslagen. (Siehe Kap.2d in dieser Schrift).
Die „Ernährungsphysiologen“ werden ein Existenzminimum feststellen, das das „Einkommen“ der Ungelernten vorstellt, während die anderen nach Verhältnis ihres Fleißes, ihrer Fähigkeiten und der Wichtigkeit ihrer Arbeit mehr erhalten.“ (1935, S. 126, 1930 Kap. III)

Die Kritikaster der GIK sprechen viel von einer abstrakten Befreiung der Arbeit, aber weniger davon was zu lernen ist aus den Kämpfen von 1917-1923 und den misslungenen Versuchen einer staatlichen Planung. Stattdessen fliehen sie lieber in spekulativen Überlegungen über die ferne Zukunftsutopien, wohin alle unmittelbar zu lösen Probleme verlegt werden.

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1971: Der DDR-Staat ziert sich mit Marx und die Kommune

1871

Back to the Future, oder
Wie Marx die Übergangsperiode und ihre ökonomischen Bewegungsgesetze charakterisiert

Die Pharizeer unter uns, die gewönnt sind nur das als Gottes Wort anzuerkennen, was belegt wird mit Zitaten der Heiligen Schrift, kann ich vielleicht beruhigen mit den Hinweis auf die vielen Zitate von Marx und Engels mit denen die Grundprinzipien ihre Erkenntnisse untermauert haben. Die GIK hatte übrigens eine Abneigung gegenüber Ausdeutungenvon „Marx-Zitaten“ (1935, S. 24)

Während der Pariser Kommune von 1871 schrieb Marx seinen Ersten Entwurf zu “Der Bürgerkrieg in Frankreich”, in dem sich ein  interessanter Abschnitt befindet, den ich hier versuche im Sinne der GIK zu deuten. Schließlich wird das Potential der Geschichte erst richtig klar in ihrem weiteren Verlauf.

Das ist also die Kommune – die politische Form der sozialen Emanzipation, der Befreiung der Arbeit von der Usurpation (der Sklaverei) der Monopolisten der Arbeitsmittel, die von den Arbeitern selbst geschaffen oder Gaben der Natur sind.

Die Kommune, später die Räte, sind die politische Organisationsformen deren die proletarischen Massen sich bedienten um die Befreiung der Arbeit zu volziehen indem die Arbeiter die Arbeitsmittel sich wieder aneignen, der eigentliche Inhalt der Revolution.

So wie die Staatsmaschine und der Parlamentarismus nicht das wirkliche Leben der herrschenden Klassen, sondern nur die organisierten allgemeinen Organe ihrer Herrschaft, die politischen Garantien, Formen und Ausdrucksweisen der alten Ordnung der Dinge sind, so ist die Kommune nicht die soziale Bewegung der Arbeiterklasse und folglich nicht die Bewegung einer allgemeinen Erneuerung der Menschheit, sondern ihr organisiertes Mittel der Aktion.

Marx stellt die soziale Bewegung primär, die Kommune ist als ein Organisationsmittel sekundär.

Die Kommune beseitigt nicht den Klassenkampf, durch den die arbeitenden Klassen die Abschaffung aller Klassen, und folglich aller Klassenherrschaft erreichen wollen (weil sie kein Sonderinteresse vertritt. Sie vertritt die Befreiung der „Arbeit“, das heißt der grundlegenden und natürlichen Bedingungen des individuellen und sozialen Lebens,…), aber sie schafft das rationelle Zwischenstadium, in welchem dieser Klassenkampf seine verschiedenen Phasen auf rationellste und humanste Weise durchlaufen kann.

Der Klassenkampf in der Übergangsperiode wird durch die Organisation der Kommune in der rationellsten und humansten Form durchlaufen. Von wegen ‚Roter‘ Terror.

Die Kommune kann gewaltsame Reaktionen und ebenso gewaltsame Revolutionen hervorrufen. Sie beginnt die Befreiung der Arbeit – ihr großes Ziel – , indem sie einerseits die unproduktive und schädliche Tätigkeit der Staatsparasiten abschafft, die Ursachen beseitigt, denen ein riesiger Anteil des Nationalprodukts für die Sättigung des Staatsungeheuers zum Opfer gebracht wird, und indem sie andererseits die tatsächliche örtliche und nationale Verwaltungsarbeit für Arbeiterlohn durchführt. Sie beginnt daher mit einer unermeßlichen Einsparung, mit ökonomischer Reform ebenso wie ebenso wie mit politischer Umgestaltung.

Marx nimmt Abschied von seine Idee des Staates als Mittel des proletarischen Befreiungskampfes, und seine Ersetzung durch der Kommune. Die Revolution ist bei Marx nicht beschränkt auf einer Ergreifung der politischen Macht oder eines einmaligen Zerstückeln des Staates, sondern ist eine ganze Transformationsperiode worin die die politischen Macht der Arbeiterklasse in der Kommune organisiert ist, falls notwendig mit Gewalt.

Wenn die kommunale Organisation einmal im nationalen Maßstab fest errichtet ist, dann wären die Katastrophen, die ihr möglicherweise noch bevorstehen, sporadische Sklavenhalter-Rebellionen, die zwar das Werk des friedlichen Fortschritts für den Augenblick unterbrechen, die Bewegung aber nur beschleunigen würden, weil sie der Sozialen Revolution das Schwert in die Hand geben.

Die Revolution kann sich nicht beschränken auf Paris. Erst wenn sie ganz Frankreich umfasst, ist die Gefahr einer erfolgreichen Konterrevolution überwunden. Die Arbeiterklasse bleibt aber bewaffnet für sporadische Versuche zur Konterrevolution.

Die Arbeiterklasse weiß, daß sie durch verschiedene Phasen des Klassenkampfes hindurch muß. Sie weiß, daß die Ersetzung der ökonomischen Bedingungen der Sklaverei der Arbeit durch die Bedingungen der freien und assoziierten Arbeit nur das progressive Werk der Zeit sein kann (jene ökonomische Umgestaltung), daß sie nicht nur eine Veränderung der Verteilung erfordern, sondern auch eine neue Organisation der Produktion, oder besser die Befreiung (Freisetzung) der gesellschaftlichen Formen der Produktion in der gegenwärtigen organisierten Arbeit (erzeugt durch die gegenwärtige Industrie) von den Fesseln der Sklaverei, von ihrem gegenwärtigen Klassencharakter, und ihre harmonische nationale und internationale Koordinierung.

Lohnarbeit und Privateigentum von Produktionsmittel sollen ersetzt werden durch Produktionsmittel im Eigentum der Gemeinschaft, wobei die Arbeiter kollektiv die Produktionsmittel besitzen. Dabei betont Marx in 1871 – in einer Sitation wo das Kleinbürgertum, Handarbeit mit Werkzeuge noch vorherrschend ist – die Arbeiter sich die Industrie nicht individuell, sondern nur kollektiv wiederaneignen können. Diese weitere Entwicklung der Produktivkräfte (Arbeiter wie Maschinen) hat sich nach dem Niederschlagen der Kommune nicht entwickelt als ‚progressives Werk der Zeit‘, ‚jene ökonomische Umgestaltung‘ sondern in der kapitalistischen  industriellen Entwicklung nach dem Deutsch-Französischem Krieg.

Dabei geht es nicht nur eine Veränderung der Verteilung, wie der Reformismus fordern würde, sondern eine neue Organisation der Produktion – und hier verbessert Marx sich – d.h. die Aufhebung der Lohnarbeit durch die Assoziation (die als massenhafte Konzentration von Arbeitern in der Großindustrie existiert) und die Beseitigung der kapitalistischen ‚Koordinierung‘ der Märkte durch kollektive Planung, worin die Arbeit unmitelbar als Maß hervor tritt.

Die Arbeiterklasse weiß, daß dieses Erneuerungswerk immer wieder aufgehalten und behindert werden wird durch die Widerstände erworbener Anrechte und Klassenegoismen. Sie weiß, daß das gegenwärtige „spontane Wirken der Naturgesetze des Kapitals und des Grundeigentums“ nur im Verlauf eines langen Entwicklungsprozesses neuer Bedingungen durch „das spontane Wirken der Gesetze der gesellschaftlichen Ökonomie der freien und assoziierten Arbeit“ ersetzt werden kann, so wie das „spontane Wirken der ökonomischen Gesetze der Sklaverei“ und das „spontane Wirken der ökonomischen Gesetze der Leibeigenschaft“ abgelöst wurde. Aber die Arbeiterklasse weiß zugleich, daß durch die kommunale Form der politischen Organisation sofort große Fortschritte erzielt werden können und daß die Zeit gekommen ist, jene Bewegung für sich selbst und die Menschheit zu beginnen.

Quelle: MEW Bd 17 S. 546 ff. (Italics von Marx, Bold von F.C.)

Was die GIK „ökonomische Bewegungsgesetze des Kommunismus“ nennt (siehe auch ihre Broschüre De beweging van het kapitalistisch bedrijfsleven), wird hier von Marx in Bezug auf die ökonomischen Bewegungsgesetze der Sklaverei (der Antike) und der Leibeigenschaft der Mittelalters angedeutet.. In der Deutschen Ideologie hatten Marx und Engels schon die Versuche zur Selbstbefreiung von Sklaven (individuelle Flucht, Revolten), Leibeigenen und Hörigen (individuelle Flucht mit den Handwerksgeräten in die Stadt) beschrieben mit den sehr lesenswerten Schlussfolgerungen zur Selbstbefreiung der Arbeiterklasse. (I Über Feuerbach, Abschnitt ‚C‘, Kommunismus.- Produktion der Verkehrsform selbst. MEW Bd. 3, S. 69/77). Vielbezeichnend beginnt Marx den letzten Satz oben mit einem skeptischen ‚aber‘, bevor er die Arbeiterklasse auffordert ihre Selbstbefreiung über ihre ‚politische Organisation‘ – d.h. die Kommune! – zu beginnen.  Obschon Marx damals im ersten Band des Kapitals in Form seiner ‚Robinsonade‘ schon eine Skizze einer Gesellschaft ohne Lohnarbeit und Kapital entwickelt hatte, geht er anlässlich der Kommune nicht weiter darauf ein. Es benötigte die wirklichen Bewegungen der Revolutionen in Russland, Ungarn und Deutschland von 1917-1923 um seine geheimgehaltene Ausarbeitung in den späteren Randglossen zum Programm der Deutschen Arbeiterpartei aktuell zu machen. Während die Randglossen nach Marx‘ Tode verschollen blieben in den Jahrgängen der Neuen Zeit, und Lenin in Staat und Revolution nur daraus zitierte was zu seiner Realisierung von Hilferdings Generalkartell passte, hat die GIK selbstständig, unterstützt von den Revolutionen von 1917-1923 – den Kern der  Befreiung der Arbeit als „ökonomische Bewegungsgesetze des Kommunismus“ ausgearbeitet.

Es ist eine Sache der zukünftigen proletarischen Revolutionen, auf diese „Waffen der Kritik“ zurück zu kommen und in der Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnissen mit der „Kritik der Waffen“ konkret zu werden.

Fredo Corvo, 5. März 2020.

Note

(1) Zu Bourrinet: Council communism or councilism? – The period of transition.

Zum Hintergrund dieser Debatten übersetzen wir hier eine Übersicht von left-dis.nl:

An dieser Stelle möchten wir auf einige kürzlich veröffentlichte Bücher von Hermann Lueer aufmerksam machen. Bei Einführungen in den Marxismus in ganz Deutschland wurde Lueer regelmäßig nach der Alternative zum Kapitalismus gefragt. Auf der Suche nach einer Antwort entdeckte Lueer die Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung der Gruppe Internationaler Kommunisten (G.I.K.) von 1930.

In seiner gleichnamigen Hommage an die Arbeit der G.I.K. gibt Lueer eine aktuelle Einführung in den eigentlichen Kern der Arbeit der G.I.K.: Wie kann die „Vereinigung freier und gleichberechtigter Menschen“ (Marx im Kapital), oder in seinen Schriften von 1871 über die „Kommunen“-Organisation, oder wie 1917 die „Räteorganisation“ die Macht über die Produktionsmittel gewinnen und anders als nach der russischen Revolution behalten?

Die Antwort findet sich darin, dass der Reformismus in der Sozialdemokratie die Sichtweise von Marx und Engels, insbesondere die der Marx’schen Kritik des Gothaer Programms, auf eine Wirtschaft mit der Arbeitszeit als Maß für die Produktion und zunächst auch für den Konsum ignoriert hat. Stattdessen akzeptierte der Reformismus die Ansicht von Hilferding, der vorschlug, dass im Sozialismus die Wirtschaft als Generalkartell, der Organisationsform des hoch entwickelten Kapitalismus, organisiert, d.h. von Wirtschaftsspezialisten kontrolliert werden sollte. Lenin übernahm diese Ansicht und verwirklichte sie in Russland, mit der die Diktatur über das Proletariat eine Tatsache war.

Lueers Hommage an die Arbeit der G.I.K. ist nun in drei Sprachen erhältlich: Deutsch, Englisch und Niederländisch.

Lueers Hommage geht auf verschiedene Kritikpunkte seit der Neuauflage der ersten deutschen Ausgabe von 1930 im Jahr 1970 nicht ein. Insbesondere die von Paul Mattick in seiner Einleitung zu diesem Nachdruck, gefolgt von Gilles Dauvé und schließlich Raoul Victor. Victors Text von 2016 „als Antwort auf Kees“ unter dem Titel The Economy in the Transition to a Communist Society (*) diente der deutschsprachigen Gruppe Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft als Ausgangspunkt für ihre Diskussionen vom 21.3.2018: Umrisse der Weltkommune. Auf der Website der Gruppe, Kosmoprolet, wurde eine Diskussion veröffentlicht, darunter auch Lueers Beitrag Kritik von Hermann Lueer an den Thesen zur Weltkommune (20-1-2019). Es ist typisch für die Qualität dieses Diskussionsbeitrags, dass Kosmoprolet gezwungen war, Victor um eine Position zu bitten, die als Arbeitszeitrechnung und ökonomische Rationalität in einer postkapitalistischen Gesellschaft (4-11-2019) erschien. Es ist merkwürdig, dass die Antwort von Lueer, Antwort an Raoul Victor, bisher weder auf der Kosmoprolet-Website veröffentlicht wurde, noch in dem Buch KLASSE, KRISE, WELTCOMMUNE. Beiträge zur Selbstabschaffung des Proletariats  mit allen anderen Beiträgen enthalten ist. [Am 7-4-2020 hat Kosmoprolet diese Antwort an Raoul Victor doch noch veröffentlicht]. Es scheint daher, dass Victor keine Antwort hat, und schon gar nicht die Freunde als Organisation, während aus anderen Diskussionsbeiträgen klar hervorgeht, dass einige die Ansichten der G.I.K. teilen.

Hermann Lueer hat inzwischen die erste deutsche Übersetzung der niederländischen zweiten Ausgabe der Grundprinzipien in Buchform veröffentlicht: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, sowie deren erste englische Übersetzung: Fundamental principles of communist production and distribution.

Diese Übersetzungen sind von großer Bedeutung. Wie in dem Artikel Die G.I.K. und die Ökonomie der Übergangsperiode – Eine Einführung erläutert, wurde die zweite niederländische Ausgabe von 1935 als Antwort auf bestimmte Kritiker und Missverständnisse durch zusätzliche Abschnitte ergänzt. Unter anderem über den angeblich „utopischen Charakter“ der Vorschläge der G.I.K., die Frage der „Gleichheit“, über die Diktatur des Proletariats und über den libertären Kommunismus. Wichtige Informationen zur Agrarfrage in der russischen und in der deutschen Revolution wurden hinzugefügt. Diese Ausgabe war die letzte, die von der G.I.K. herausgegeben wurde, und ist daher ihre endgültige Antwort auf die damals gegen ihre Positionen erhobenen Einwände.

_________

(*) Ursprünglich auf Französisch, 12-10-2011. Für eine Antwort, die nicht von Kees stammt, siehe Over het scherm rolden … (Juni 2016) dritter Beitrag (Niederländisch), englische Übersetzung.

 

 

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