Die IGKL zur Übergangsperiode von Kapitalismus zu Kommunismus

Lenin-1923
Lenin, Sommer 1923

Wir ergreifen die Initiative, auf unseren Seiten die Einführung des Genossen Fredo Corvo in die Grundprinzipien der kommunistischen Produktion und Verteilung der „Groep(en) van Internationale Communisten“ (1935) [1] zu veröffentlichen, weil diese Einführung auf ihre eigene Weise an der Debatte über die Übergangsperiode innerhalb der im Entstehen begriffenen Partei teilnimmt. In der Tat stellt die Einleitung die Debatte über die Übergangsperiode im Rahmen der kommunistischen Linken und insbesondere [der Debatten] zwischen der sogenannten italienischen und den niederländischen Linken. Dies ist ein grundlegender Punkt, denn nur in diesem theoretisch-programmatischen Rahmen kann die Frage auch heute noch angegangen und vertieft werden. Wenn diese Frage “offen„ bleibt und unsere Gruppe andererseits heute nicht über die Mittel verfügt, um eine klare Aussage zu treffen, bleibt die Tatsache, dass diese Frage nur innerhalb des programmatischen und theoretischen Rahmens der kommunistischen Linken behandelt werden kann. Dies schließt die Dauvés und andere „Kommunisierer“, die Fredo erwähnt, insofern effektiv aus, als sie im Grunde nur raffinierte Anarchisten sind, die „marxistisches“ Mundwerk verwenden.

Die fundamentalen Grundsätze, die den Rahmen dieser Frage abstecken, sind die Ausübung der Diktatur des Proletariats und die endgültige Zerstörung des Wertes als soziales Verhältnis, in erster Linie der Ware und die Lohnarbeit, was heute jede staatskapitalistische Maßnahme aus dem kommunistischen Bereich ausschließt, auch wenn solche kapitalistischen Maßnahmen für die Klassendiktatur in Russland notwendig gewesen sein mögen.

Obwohl Fredo Corvo und die Thesen der GIK in diesen Rahmen fallen, der die Debatte „autorisiert“, teilen wir nicht alle Behauptungen und sind wir nicht einverstanden mit bestimmten Einschätzungen, insbesondere in Bezug auf Lenin, bei dem laut Fredo und der GIK eine Begriffsverwechslung zwischen Sozialismus und Staatskapitalismus bestehe. Jeder Militant, der sich die Mühe macht, Über „linke“ Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit (2), Über die Naturalsteuer (3) und Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll (4), zu lesen, wird sehen, dass Lenin sich mehr als klar über den nicht-sozialistischen Charakter der ersten Maßnahmen der Diktatur des Proletariats in Russland ist. Der Staatskapitalismus ist nur ein Mittel, um gegen die Kleinproduktion zu kämpfen, während man auf die revolutionäre Stärkung des Westens wartet. Die Genossen mögen mit den von den Bolschewiki ergriffenen Maßnahmen nicht einverstanden sein, wir müssen uns aber zu den damaligen Debatten positionieren. Haben die Populisten, die Revolutionär-Sozialisten oder die Menschewiki angemessenere, revolutionärere Positionen vertreten? Wir unsererseits halten an den Positionen der Bolschewiki fest.

Ebenso stimmen wir nicht mit Fredo’s Behauptung überein, dass die Kritik der Zeitschrift Bilan – der „italienischen“ Exil-Linke – an den Grundprinzipien unter mangelnder Kenntnis des theoretischen Rahmens der GIK litt. Im Gegenteil, wenn man beispielsweise Marxismus und Staatskommunismus [5] der GIK liest, verstärkt sich die Kritik von Bilan: Die GIK stellt immer formelle wirtschaftliche Maßnahmen vor die Frage der politischen Macht, was für uns ein sehr gefährliches Abgleiten in den Apolitismus ist. In der Tat ist die GIK selbst in der Frage des Wesens des Kommunismus nicht sehr weit von der direkten Demokratie entfernt, die den Anarchisten und Anarchosyndikalisten lieb und teuer ist:

„Wenn wir diese Diktatur des Proletariats jedoch von der Umwandlung der sozialen Beziehungen, von den wechselseitigen Beziehungen der Menschen betrachten, dann ist diese Diktatur die wirkliche Eroberung der Demokratie. Der Kommunismus will nichts anderes sagen, als daß die Menschheit in einer höheren kulturellen Stufe eingeht, weil alle sozialen Funktionen unter die direkte Leitung und Kontrolle aller Arbeiter gerat [geraten?] und [sie] somit ihr Schicksal selbst in ihren Händen nehmen. Das heißt, die Demokratie ist zum Lebensprinzip der Gesellschaft geworden. Somit ist eine essenzielle Demokratie, die ihre Wurzeln in der Verwaltung des sozialen Lebens durch die arbeitenden Massen hat, genau dasselbe wie die Diktatur des Proletariats.“. [6]

Im Gegenteil, gemäß der „italienischen“ Tradition der kommunistischen Linken ist der Kommunismus nicht die Weiterentwicklung der reinsten Demokratie, sondern seine Aufhebung in Verbindung mit der Aufhebung der Klassen und des Staates. Eine klassenlose Gesellschaft wird auch ohne den demokratischen Mechanismus harmonisch funktionieren können. Aber bevor dieses Endziel erreicht wird, wird es einen ganzen Prozess geben, bei dem der Aufstand nur der Gründungsakt sein wird. Die Errichtung der Diktatur des Proletariats und ihre Ausübung bis zur Abschaffung der Klassen wird nicht möglich sein ohne das Eingreifen der Militanten in die Kämpfe, die, im Bewusstsein des Endziels der Kämpfe, dazu gebracht werden, die politische Führung über den Rest ihrer Klasse auszuüben und so dem Proletariat die politische Fähigkeit zu verleihen, die Bourgeoisie zu besiegen und das Kapital aufzuheben. Diese Gruppierung von Militanten ist die kommunistische Partei.

Revolution oder Krieg

Noten

2 Lenin Werke, Bd. 27, S. 315

3 Lenin Werke, Bd. 32, S. 341

4 Lenin Werke, Bd. 25, S. 327

5 Deutsche Fassung: http://www.left-dis.nl/d/Hempel (1927) Marx-Engels und Lenin.1-0.pdf. Max Hempel in: Proletarier Nr. 4–6 , 1927.

6 http://www.left-dis.nl/. Von uns hervorgehoben. [Fragment der niederlandischen Ausgabe von 1935, Kap. XVI, mit der Überschrift ‘De economische dictatuur van het proletariaat’, zitiert in F.C. Die GIK und die Ökonomie der Übergangsperiode. Eine Einführung]

Obenstehendes Vorwort folgt dann der grösste Teil des hier schon veröffentlichen Artikel von Fredo Corvo: Die GIK und die Ökonomie der Übergangsperiode. Eine Einführung.

Staatskapitalismus: Historischer Irrtum oder Instrument der proletarischen Diktatur?

Offener Brief an die IGKL

Liebe Genossen der Internationalen Gruppe der Kommunistischen Linken,

Danke für die Veröffentlichung in Revolution oder Krieg Nr. 13 (Oktober 2019) eines größeren Teils meines Artikels Die G.I.C. und die Ökonomie der Übergangsperiode. Eine Einführung, nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Spanisch und Französisch. Gleichzeitig enthüllen diese Bemerkungen einige eurer Positionen, die nicht unbeantwortet bleiben können.

Für die gegenwärtige Periode schließt ihr „aus dem kommunistischen Bereich jede Maßnahme des Staatskapitalismus aus“. Aber im gleichen Satz erklärt ihr, „dass kapitalistische Maßnahmen für die Klassendiktatur in Russland notwendig gewesen sein könnten“. Ich habe nicht die Absicht, die Geschichte neu zu machen, und deshalb kann ich nur zustimmen, dass Lenin und die Mehrheit der Bolschewistischen Partei staatskapitalistische Maßnahmen für notwendig hielten. Aber waren sie das auch? Für die Gestaltung einer kommunistischen Zukunft ist es wichtig, sicher zu wissen, ob staatskapitalistische Maßnahmen möglich sind, ohne ‘entweder oder“. Eine Möglichkeit, die ihr nicht nur in euren einleitenden Bemerkungen, sondern auch in eurer Flugblatt zu den „Saving the Planet“ Umzügen offen gelassen habt. (2) Um uns sicher zu sein, haben wir aber die Erfahrung in Russland, die zeigt, dass die „Klassendiktatur“, dass ihr zu Recht als die Hauptfrage vorbringt, in den 1920er Jahren fehlte. Die Eliminierung der Arbeiter aus der Kontrolle der Fabriken, in völliger Übereinstimmung mit Lenins staatskommunistischer Position im Jahre 1917, hatte bereits die Konterrevolution vorbereitet, indem die Diktatur des Proletariats (durch die Räte, eine Organisation der Massen) durch die der Partei (eine Minderheit) ersetzt wurde.

Natürlich ist dies eine Lektion, die erst nach der konterrevolutionären Machtverschiebung gelernt werden konnte. Aber diese Lektion wird eigentlich immer noch von vielen unter dem Deckmantel eines Jonglierens mit den Wörtern „ökonomisch“ und „politisch“ geleugnet, wie ihr [selber] es oft tut. Besonders die ‚Bordigisten‘ verteidigen die Ersetzung der Macht der proletarischen Massen durch die Partei als Mittel zum ‚Durchhalten‘, bis die Weltrevolution weitergehen und das ‚proletarische Bastion‘ retten würde. Die Frage ist nicht, ob Lenin im Gegensatz zu seinem Staat und der Revolution in den 1920er Jahren sah, dass der Staatskapitalismus nicht sozialistisch war, sondern ob er tatsächlich, wie ihr behauptet, „ein Mittel zur Bekämpfung des kleinen Produktion“, oder ein Mittel war, um … die Partei an der Macht zu halten, wie Lenin offen erklärte.

Anstatt die Klassenverhältnisse zu verstehen, konzentrieren ihr euch auf die Ideen der damaligen Zeit: „Die Genossen mögen mit den Maßnahmen der Bolschewiki nicht einverstanden sein, aber dann wird es notwendig sein, zu den Debatten jener Zeit Stellung zu nehmen. Haben die Populisten, die Sozialisten-Revolutionäre oder die Menschewisten angemessenere, revolutionärere Positionen vertreten? Wir unsererseits beanspruchen die Positionen der Bolschewiki voll und ganz für uns“. (RoK)

Es ist nicht die GIK oder ich, die „Appreziationen“ über Lenin oder die Bolschewiken machen oder gar die Geschichte neu machen will, es ist das Spiel der „RoK“, um bestimmte Positionen in diesen historischen Debatten zu verteidigen. Wenn wir aus diesen Debatten etwas lernen wollen, müssen wir zunächst verstehen, dass die bolschewistische Partei als Ganze zu dieser Zeit nicht mehr proletarisch internationalistisch war wie während des Ersten Weltkriegs, sondern sie war zur führenden Partei eines Staates geworden, der eine echte bürgerliche Diktatur über die Arbeiterklasse in Russland ausübte. Wie ein verwirrter Lenin 1921 zugab:

Das Steuer entgleitet den Händen: Scheinbar sitzt ein Mensch da, der den Wagen lenkt, aber der Wagen fahrt nicht dorthin, wohin er ihn lenkt –, jemand der illegal ist, der gesetzwidrig handelt, der von Gott weiß, woher kommt, Spekulanten oder Privatkapitalisten, oder die einen und die anderen zugleich -, jedenfalls fährt der Wagen nicht ganz so und sehr häufig ganz und gar nicht so, wie der am Steuer sitzt, sich einbildet. () wer leitet da und wer wird geleitet? Ich bezweifle sehr, ob man sagen könnte, dass die Kommunisten diesen Haufen leiten. Um die Wahrheit zu sagen, nicht sie leiten, sondern sie werden geleitet.“ (3)

Der Staatskapitalismus ist nicht das Ergebnis der Isolation Russlands, sondern die Folge einer theoretischen Schwäche, des entscheidenden Fehlers, den Staatskapitalismus mit dem Sozialismus oder mit einer Maßnahme auf dem Weg zum Sozialismus oder zur Weltrevolution zu identifizieren. Ich glaube, dass die Menschen nicht nach ihren Ideen, sondern nach ihren Handlungen und ihrer Stellung in den Produktionsverhältnissen beurteilt werden sollten. Die umgekehrte Methode ist Idealismus. Nur wenn wir die Möglichkeiten der Umgruppierung in Betracht ziehen und wir Klassengrenzen ziehen müssen, sollten wir bestimmte theoretische Schwächen als unvermeidlich und innerhalb des proletarischen Lagers erkennen. Aber niemals, wenn wir Lehren aus der Geschichte ziehen. Die RoK riskiert durch die „Verteidigung“ Lenins, die lebenswichtigen Lehren zu verlieren, die die Kommunistische Linke, aus dem Staatskapitalismus gezogen hat, aus dem Substitutionieren von Klassen-Partei-Staat und zur Notwendigkeit, dass die künftige Internationale Partei von der Vorhut der noch immer vom Kapital dominierten Regionen und nicht von die der proletarischen Zitadelle geleitet wird.

Ihr glaubt, dass die Frage des Staates in der Übergangsphase, der Diktatur des Proletariats und was das für die Führung von Produktion und Verteilung bedeutet, noch immer eine „offene Frage“ ist, genau wie der IKS. Soweit ich weiß, verteidigen alle größeren Organisationen, die sich auf die kommunistische Linke berufen, mit Ausnahme der fast toten IKS, die Positionen von Marx und Engels über die Assoziation freier und gleicher Produzenten und die Anerkennung, dass die Räte die endlich gefundene Organisationsform der Diktatur des Proletariats sind. Dass eure „Gruppe heute nicht über die Mittel verfügt, um eine klare Aussage zu machen“, ist keine Entschuldigung; dies ist eine Frage der Priorität, die ihr hinter eine „politische“ Frage versteckt.

Ihr behauptet, dass die Lektüre meiner Einleitung die Positionen von Bilan bestätigt. Ihr zitiert die GIK und behauptet, dass diese nicht sehr weit von der direkten Demokratie entfernt ist, die Anarchisten und Anarchosyndikalisten teuer ist. Nun, man könnte Lenin lesen, ihn aus dem Kontext heraus zitieren und ihn auch des Anarchismus beschuldigen: „Die Diktatur des Proletariats, die Periode des Übergangs zum Kommunismus, wird zum erstenmal Demokratie für das Volk, für die Mehrheit bringen“. (4) Dann flieht ihr, schweigend über das Verhältnis zwischen Diktatur und Demokratie, in die höheren Phasen des Kommunismus, in denen – so wie die GIK meint – die Demokratie mit der Abschaffung der Klassen und des Staates abgeschafft wird: „Eine klassenlose Gesellschaft wird auch ohne den demokratischen Mechanismus harmonisch funktionieren können“. Wie auch immer, der Punkt ist ein anderer: Wird es nach der Revolution neben der Demokratie auch eine Diktatur geben, wie Marx, Lenin und die GIK bestätigen, und wie steht es mit „der Regierung über Menschen“ und der „Regierung über Sachen“? Die GIK ist klar: „Die Regierung über Menschen“ wird mit den Klassen, dem Staat, der Diktatur und der Demokratie als komplementäre Aspekte des Staates absterben. Wie auch immer, die Demokratie als eine Form der „Regierung über Sachen“ wird laut der GIK bestehen bleiben. Einige Bordigisten und einige Räte-isten glauben, dass es nach der Revolution nur noch Diktatur, Gewalt und Terror gibt und keinerlei Demokratie. Ich glaube, dass dies falsch und gefährlich ist und im Widerspruch zu Marx, Engels und Lenin steht. Was ist eure Position?

Es ist verständlich, dass ihr eure Positionen nicht in einer Einleitung von einer Seite zur anderen Einleitung ausarbeiten konnten. Ich hoffe, ihr findet die Zeit, diese Diskussion über den Staat in der Übergangsperiode auf der Grundlage dessen, was das GIK wirklich meinte, fortzusetzen. Wie 1916 ist die Revolution vielleicht näher als wir glauben. Ihr riskiert, mit leeren Händen auf eine wichtige Frage der proletarischen Revolution zu stehen.

Fredo Corvo, 10. Januar 2020

Noten

(1) Zur Übergangsperiode von Kapitalismus zu Kommunismus, „RoW“ Nr. 13. [Siehe oben deutsche Fassung]. Auf der Website von left-dis.nl ist unsere Einführung auch auf Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch verfügbar

(2) IGCL, “Saving the Planet“ Requires the Destruction of the Capitalist State and the Exercise of the Dictatorship of the Proletariat!(September 20th, 2019)

(3) W. I. Lenin, XI. Parteitag der K.P.R.(B), Politischer Bericht des Zentralkomitees der K.P.R.(B), 27. März 1922, in Werke, Band 33, – Berlin: Dietz Verlag, 1962. – S. 266 und 275

(4) Lenin, Staat und Revolution

Mehr

zu Staatskapitalismus oder Assoziation freier und gleicher Produzenten:

Die IGKL zur Übergangsperiode von Kapitalismus zu Kommunismus

2 Gedanken zu “Die IGKL zur Übergangsperiode von Kapitalismus zu Kommunismus

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