100 Jahre Frauenwahlrecht und fehlende Emanzipation

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Churchill angegriffen mit einer Hundepeitsche, Bristol, 1909: „Nimm das im Namen der beleidigten Frauen Englands!“ (Manchester Evening News, Mirrorpix)

Der Feminismus hat  weltweit 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert mit Anspruch auf weitere ‘Emanzipation der Frau’ in Bereichen des Managements und der Politik, wovon nur bürgerliche Frauen und das Kapital als Ganze profitieren. Dagegen bemerkte Gundula Bölke als Konklusion ihrer Studie Die Wandlung der Frauenemanzipationsbewegung von Marx bis zur Rätebewegung, (Verlag: Spartakus Hamburg, 1971):

“Die Verleihung des Wahlrechts an die Frau durch die Revolution stellte die Form der Emanzipation dar, die in der kapitalistischen Gesellschaft realisierbar war und erfüllte somit nur die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung. Es war eine Konsequenz aus der vorangegangenen Entwicklung der Frauenarbeit; auch die kriegsbedingte Mitarbeit von Frauen in kommunalen Institutionen und statischer Verwaltung erfordert aus arbeitstechnischen Gründen Rechtsgleichheit der Geschlechter. Aber ohne die soziale und wirtschaftliche Gleichstellung bedeutete sie nur die Gleichberechtigung bei der Eingliederung in den Mechanismus der Selbstbehauptung unter den Verhältnissen der Konkurrenz. Während früher die Beschränkung der Frau auf Haushalt und die Familie teilweise dadurch kompensiert wurde, dass sie von dem ökonomischen Wettkampf aufgeschlossen war, wurde die Frau nun zur ‘geschlechtslosen Arbeitsbiene’ (Bloch), die allein der Wertung durch das Leistungsprinzip der kapitalistischen Gesellschaft unterlag.” (Zusammenfassung von Bölke).

Folgender Artikel van Anton Pannekoek zeigt wie vor dem Ersten Weltkrieg die Revolutionäre Linken in der Sozialdemokratie sich im Wahlrechtskampf abgrenzten von der bürgerlichen Frauenbewegung.

Anton Pannekoek, 1909: Frauenwahlrechtskampf

Durch die heute geltenden Wahlsysteme verschiedener Länder ist nicht nur im grösseren oder geringeren Maße die Arbeiterklasse entrechtet, sondern auch die Frauen, die Hälfte aller Erwachsenen, sind fast ausnahmslos vom Wahlrecht ausgeschlossen. Unsere Hauptforderung, das allgemeine gleiche Wahlrecht, umfasst Beides, Wahlrecht für alle Männer und für alle Frauen. Daher stehen die beiden Einzelforderungen, Arbeiterwahlrecht und Frauenwahlrecht, im engsten Zusammenhang mit einander und bestehen zwischen ihren Vertreter viele Berührungspunkte.

Auch darin stimmen sie miteinander überein, daß Beiden aus der wirtschaftlichen Entwicklung selbst energische Verfechter erstehen. Diese Entwicklung macht das Proletariat immer mehr zu der wichtigsten produktiven Klasse der Gesellschaft, deren stolzes Selbstbewusstsein sich die politische Rechtlosigkeit nicht länger gefallen lässt. Und diese Entwicklung stürzt die alten ökonomischen Verhältnissen um, die die Frau abhängig und unselbstständig machten und daher ihren politischen Unmündigkeit zu Grunde lagen. Die Frauen nehmen immer mehr selbständig an die Produktion, an die gesellschaftliche Arbeit in Fabrik und Büro Teil. Namentlich entsteht aus der Mittelklasse eine Schicht von Frauen, die unverheiratet, sich selbständig durchs Leben schlagen müssen, sich den verschiedensten Berufen zuwenden und dort als gleichwertige Kollegen neben den Männern stehen. Von ihren männlichen Kollegen unterscheiden sie sich weder durch ihre Tätigkeit, noch ihre Selbständigkeit, ihre Verantwortlichkeit, ihre Fähigkeiten, sondern einzig durch ihr Geschlecht. Sollen sie daher minderen Rechtes sein? Sie sind es daher vor Allem, die aus dem stolzen Gefühl ihrer ökonomischen Lage heraus mit Leidenschaft gegen die politische Rechtlosigkeit der Frauen kämpfen. Sie stellen die eifrigste Kämpferinnen für das Prinzip des Frauenwahlrechts.

Diese Verfechter des Frauenwahlrechts stimmen auch darin mit den Arbeitern überein, dass sie nicht auf irgendein Gerechtigkeitsgefühl der regierenden Klasse rechnen. Sie wissen, dass nur der Kampf zum Ziele führt, und sie sind bereit dafür Opfer zu bringen. Das hat den englischen Frauenrechtlerinnen, den Suffragettes, schon oft Sympathie von unserer Seite eingebracht. Sieht, so wurde oft gesagt, wie tapfer sie sich für ihre Sache schlagen und sogar polizeiliche Misshandlungen und Gefängnisstrafen trotzen. Ein Beispiel für uns.

Sieht man aber genauer zu, so bleibt von einer Übereinstimmung nicht viel übrig. Der Kampfesmut der englischen Suffragettes ist nicht nur kein Beispiel für uns, sondern die Form worin sie ihn betätigen ist von unser Kampfesweise himmelweit verschieden und wäre aus inneren und äusseren Gründen für das Proletariat unmöglich. Man denke sich sozialdemokratische Arbeiter, die durch Lärm von den Tribünen die Verhandlungen des preussischen Landtages oder eine öffentliche politische Rede eines Ministers unmöglich machen wollen. Man denke sich einen Wahlrechtskämpfer, der zur Förderung seines Zieles bei einem konservativen Häuptling mit einem schweren Stein die Scheiben einwirft, oder den Reichskanzler durchprügelt, um ihn für das allgemeine Wahlrecht gefügiger zu machen. Man braucht sich diese Methoden der Suffragettes nur auf unseren eigenen Kampf übertragen zu denken, um die abgrundtiefe Kluft zu erkennen, die zwischen ihrer Auffassung und der unsrigen liegt.

Der Satz, dass neue Rechte erzwungen, den Regierenden abgerungen werden müssen, findet sich bei ihnen ins Kleinliche, Persönliche verzerrt. Den Zwang, der bei den Arbeitern in einer starken Machtentfaltung ihrer Klasse besteht, wollen diese Frauen durch Rohheiten gegen die zufällig regierenden Personen ausüben. Jeder, der nur einen Schimmer historischer Einsicht besitzt, weiss, dass es nicht von dem guten oder bösen Willen eines Bethmann Hollweg oder eines Winston Churchill abhängt, ob hier das gleiche Wahlrecht für Preussen, dort das Frauenwahlrecht in England eingeführt wird. Darüber entscheidet der Willen ganzer Klassen, und unsere Demonstrationen und weitere Kampfmittel sind daher Pressionsmittel gegen die herrschende Klasse. Mit Racheakten gegen ihre zeitweiligen Vertreter kommt man nicht weiter. Darin zeigt sich aber gerade der bürgerliche Charakter dieser Frauen, dass sie dem bösen Willen einzelner Personen zuschreiben, die sie darob bitter hassen, was in den allgemeinen Verhältnissen begründet liegt.

Aber nicht nur aus dem inneren Grund der besseren Einsicht, sondern auch aus äusseren Gründen könnten Arbeiter eine solche Taktik nicht anwenden. Welche furchtbare Strafe würde wohl einen Arbeiter treffen, der mit dem ausgesprochenen Zweck, für das preussische Wahlrecht zu demonstrieren, einen Minister misshandelte? Der Wahlrechtskampf der Arbeiter ist eben ein Klassenkampf, worin jede, auch die harmloseste Ausschreitung der unterdrückten emporsteigenden Klasse von den Herrschern mit wütendem Hasse verfolgt und mit grausamen Represaillen bestraft wird. Daher ist er eine grosse und gewaltig ernste Sache, neben die der tückischen Quälereien, womit die Suffragettes die regierenden Politiker bedenken, als lächerliche Farce erscheinen. Daran erkennt man eben, dass ihre Bewegung nur ein Zank innerhalb der besitzenden Klasse ist. Diese Kämpferinnen für das Frauenwahlrecht bleiben immerhin Bourgeoisdamen – gerade ihre Brutalitäten zeugen von einer rohen Gesinnung, die für die Bourgeoisklasse typisch ist – und sie werden als solche von ihren männlichen Klassengenossen behandelt. Der Minister Churchill nahm der Dame, die sein Gesicht mit der Reitpeitsche bearbeitete, diese Waffe einfach ab, und ihre Strafe bestand darin, dass sie Kaution stellen musste und nur, wenn sie solche Szenen wiederholte, Aussicht auf einen Monat Gefängnis bekam. Nicht, dass wir diese Strafe zu leicht finden, sondern wir wollen sie nur mit den Strafen vergleichen, die ein für seine Klasse kämpfender Arbeiter erleiden muss. In diesem Strafmaß tritt zugleich die Aussichtslosigkeit, der Mangel an innere Kraft bei dem Kampfe der Suffragettes zu Tage. Sie werden als lästige, halb verrückte, aber sonst ungefährliche Fanatiker angesehen, und behandelt, mit denen man nun einmal auskommen muss. Sie stützen sich auch nur auf eine kleine Schicht der Bevölkerung und deshalb stehen ihnen andere Kampfesmethoden kaum offen.

Das will natürlich nicht sagen, dass ihr Ziel, das Damenwahlrecht selbst aussichtslos ist. In mehreren Ländern neigt die Bourgeoisie immer mehr zum beschränkten Frauenwahlrecht hin, als Gegengewicht gegen das allgemeine Arbeiterwahlrecht, und sie wird sogar nach dem allgemeinen Frauenwahlrecht greifen, wenn sie glaubt, sich aus der politischen Rückständigkeit der Frauen einen Aufschub der Exekution erkaufen zu können. Soweit aber das Frauenwahlrecht von den Frauen selbst erkämpft werden soll, wird die Kraft nicht in der lärmenden Schar von Suffragettes liegen, die ihre Machtlosigkeit durch Aufsehen erregendes Auftreten zu verdecken suchen, sondern in der wachsenden klassenbewussten Masse der Arbeiterinnen, die mit den Arbeitern zusammen für das allgemeine Wahlrecht kämpfen.

Quelle: Frauenwahlrechtskampf / A[nton]. P[annekoek]. In: Zeitungskorrespondenz, Nr. 94, 20. November 1909. Erschienen in Bremer Bürger-Zeitung, 24. November 1909, Leipziger Volkszeitung, 20. November 1909.

Transkription: Fredo Corvo, August 2019.

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