Anton Pannekoek, 1909: Naturverwüstung

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Le Petit journal illustré, 8. November 1908. Bildunterschrift: „Zur Verzierung der Hüte schöner Damen. Wie Paradiesvögel in Neuguinea gejagt werden.

Vielfach begegnet man in naturwissenschaftlichen Schriften bewegte Klagen über die zunehmende Waldverwüstung. Dabei ist nicht allein die Freude massgebend, die jeder Naturfreund am den Wald empfindet. Es kommen wichtige materielle Interessen, sogar Lebensinteressen für die Menschheit hinzu. Mit dem Verschwinden der reichen Waldbestände sind Länder, die im Altertum als fruchtbare dicht bevölkerte Gegenden, als Kornkammer für die Grossstädte berühmt waren, zu öden Steinwüsten geworden. Der Regen fällt dort selten, aber dann in verheerenden Güssen, die die dünnen Humusschichten wegspülen, statt sie zu befruchten. Wo der Wald auf den Bergen ausgerottet ist, wälzen die durch den Sommerregen genährten Wildbäche ungeheuere Stein- und Sandmassen herunter, die lachende Alpentäler verschütten, Wälder abscheren und Dörfer verwüsten, deren Bewohner unschuldig daran sind, “dass Eigennutz und Unverstand im Hochtal und Quellgebiet den Wald zerstört haben.” 

Eigennutz und Unverstand, weiter dringen die Autoren, die in beredten Worten diesen Jammer schildern, in seine Ursachen nicht ein. Sie glauben wohl, dass es genügt auf die Folgen hinzuweisen, um den Unverstand durch bessere Einsicht zu ersetzen und seine Wirkung aufzuheben. Sie sehen nicht, dass es sich hier um eine Teilerscheinung handelt, um eine einzige unter vielen der ähnlichen Wirkungen des Kapitalismus, der Produktionsweise, die die höchste Form der Profitjagerei darstellt.

Wie ist Frankreich zu dem waldarmen Land geworden, das jährlich für Hunderdmillion Franken Holz aus dem Ausland kommen lassen muss, und noch viel mehr ausgeben muss, um in den Alpen durch Aufforstung die schlimmsten Folgen der Entwaldung wieder gut zu machen? Unter dem alten Regime gab es dort viele Wälder als Staatsdomäne. Aber die Bourgeoisie, die in der französischen Revolution ans Ruder kam, sah in den Staatsforsten nur Mittel zur privaten Bereicherung. Drei Million Hektar Wald liessen die Spekulanten fällen, um aus Holz Gold zu machen. An die Zukunft dachten sie nicht, nur an den augenblicklichen Gewinn.

Dem Kapitalismus sind alle Naturschätze nichts als Gold. Um so rascher er sie ausbeutet, um so stärker fliesst der Goldstrom. Die Privatwirtschaft bewirkt das jeder Einzelne möglichst viel Profit zu erhaschen sucht, ohne auch nur einen Augenblick an das Interesse der Gesamtheit, der Menschheit zu denken. Daher ist jedes wilde Tier, das einen Geldwert darstellt, jede wild wachsende Pflanze, die Profit liefert, sofort das Objekt eines Ausrottungswettkampfes. Die Elefanten in Afrika sind durch die systematische Jagt nach Elfenbein fast verschwunden. Ähnlich steht es mit den Kautschukbäumen, die einer Raubwirtschaft zum Opfer fallen, bei der jeder nur Bäume vernichtet und keiner neue pflanzt. Aus Sibirien wird berichtet, dass die Pelztiere infolge der intensiven Jagt immer seltener werden und die kostbarsten Arten vielleicht bald ganz ausgestorben sein werden. In Canada (1) werden ungeheure Urwälder niedergebrannt, nicht nur von Ansiedlern, die den Boden bebauen wollen, sondern von „Prospektors“ die nach Erzlagern suchen und der besseren Übersicht des Terrains wegen die Berghänge in nackten Felsen verwandeln. In Neuguinea (2) wurde eine Aufräumung unter den Paradiesvögeln gehalten, um der Prunksucht einer amerikanischen Milliardendame (3) zu befriedigen. Die Modetollheiten, die als eine Verschwendungsform des Mehrwerts zum Kapitalismus gehören, haben schon zur Ausrottung seltener Tiere geführt; die Seevögel der ostamerikanischen Küste sind nur durch strenges Eingreifen des Staates vor diesem Schicksal bewahrt geblieben. Diese Beispiele sind beliebig zu vermehren.
Sind aber die Tiere und Pflanzen nicht dazu da, vom Menschen für seine Zwecke gebraucht zu werden? Wir wollen hier die Frage der Erhaltung der Natur, so wie sie ohne das Eingreifen der Menschen sein würde, ganz ausser Acht lassen. Wir wissen, dass die Menschen nun einmal die Herren der Erde sind und die Natur zu ihren Zwecken völlig umwandeln. Wir sind zu unseren Leben ganz auf die Naturkräfte und die Naturschätze angewiesen; wir müssen sie gebrauchen und verbrauchen. Nicht um diese Tatsache handelt es sich hier, sondern um die Art und Weise, wie der Kapitalismus sie gebraucht.

Eine vernünftige Gesellschaftsordnung wird die ihr zur Verfügung stehenden Schätze der Natur in solcher Weise zu benutzen müssen, dass nicht mehr verbraucht wird, als wieder zugleich neu aufwächst, so dass die Gesellschaft nie ärmer wird und nur reicher werden kann. Eine abgeschlossene Wirtschaft, die einen Teil des zur Aussaat bestimmten Getreides verzehrt, wird immer ärmer und muss schliesslich unfehlbar Bankrott machen. In solcher Weise wirtschaftet aber der Kapitalismus. Er denkt nicht an die Zukunft, sondern lebt nur beim Augenblick. Unter der heutigen Wirtschaftsordnung ist die Natur nicht der Menschheit sondern dem Kapital dienstbar; nicht das Bedürfnis der Menschheit nach Kleidung, Nahrung und Kultur, sondern das Bedürfnis des Kapitals nach Profit, nach Gold beherrscht die Produktion. Die Naturschätze werden ausgebeutet, als wären die Vorräte unendlich und unerschöpflich. In den üblen Folgen der Waldverwüstung für die Landwirtschaft, in der Ausrottung nützlichen Tiere und Pflanzen tritt die Endlichkeit der Vorräte als ein Bankrott dieser Wirtschaftsweise zu Tage. Als eine Anerkennung dieses Bankrotts ist es auch zu bezeichnen, wenn Roosevelt (4) eine internationale Konferenz zusammenberufen will, der den Bestand der noch vorhandenen Naturschätze aufnehmen und Massnahmen gegen ihre weitere Verschwendung treffen soll.

Natürlich ist dieser Plan selbst nur Humbug. Der Staat kann zwar Vieles tun, um die ruchlose Ausrottung seltener Naturwesen zu verhindern. Aber der kapitalistische Staat ist immerhin nur ein trauriger Vertreter der Allgemeinheit der Menschen. Vor den wesentlichen Interessen des Kapitals muss er Halt machen.

Der Kapitalismus ist eine kopflose Wirtschaft, die ihre Taten nicht durch Bewusstsein der Folgen regulieren kann. Darin allein liegt aber sein verwüstender Charakter nicht. Auch in früheren Jahrhunderten haben die Menschen kopflos drauf los gewirtschaftet, ohne an die Zukunft der ganzen Menschheit zu denken. Aber ihre Macht war gering; die Natur war so gross und gewaltig, dass sie mit ihren kleinen schwachen Hilfsmitteln nur ausnahmsweise Schaden darin anrichten konnten. Der Kapitalismus hat dagegen an die Stelle des Lokalbedarfs den Weltbedarf gestellt und gewaltige technische Hilfsmittel zur Ausbeutung der Natur geschaffen. Dabei handelt es sich dann sofort um ungeheuere Massen, die mit kolossalen Vernichtungsmitteln in Angriff genommen und mit mächtigen Transportmitteln weggeschafft werden. Die Gesellschaft under dem Kapitalismus ist einem mit Riesenkraft ausgestatteten vernunftlosen Körper zu vergleichen; während er seine Kraft immer gewaltiger entwickelt, verwüstet er zugleich in sinnloser Weise die Natur, worin und wodurch er lebt. Nur der Sozialismus, der diesem mächtigen Körper Bewusstsein und überlegtes Handeln beibringt, wird damit zugleich die Naturverwüstung durch eine vernünftige Wirtschaft ersetzen.

Noten

1] Die Entwaldung in Kanada stellt heute den größten Teil der abgeholzten Wälder der Welt dar. Der so genannte intakte Wald sank zwischen 2000 und 2013 um 7,3%. Bis 2014 lag Kanada bei der Zerstörung von Urwald an erster Stelle der Welt, vor Russland und Brasilien: https://www.lapresse.ca/environnement/especes-menacees/201409/06/01-4797772-deforestation-le-canada-montre-du-doigt.php

2] Neuguinea befand sich 1909 in den Händen der Niederlande, des Britischen Reiches (Australien) und Deutschlands.

3] Tatsächlich war diese Zerstörung eine Antwort auf die Forderungen der reichen bürgerlichen Frauen, sowohl der europäischen als auch der amerikanischen. Jahrzehntelang hat der Damenmodemarkt eine systematische Suche nach den Bedürfnissen eines äußerst lukrativen Unternehmens betrieben. Ihren Höhepunkt erreichte sie Anfang des 20. Jahrhunderts: 80.000 Felle wurden dann jedes Jahr aus Neuguinea exportiert, um die Hüte der europäischen Damen zu schmücken. Im Jahr 1908 verboten die Briten in den von ihnen verwalteten Gebieten Neuguineas die Jagd. Die Niederländer folgten ihnen erst 1931.

4] Theodore Roosevelt (1858-1919), ehemaliger New Yorker Polizeichef, Marineminister, dann 1898 freiwillig im Krieg gegen Spanien und Kuba, Vizepräsident unter MacKinley (der ermordet wurde), war von 1901 bis 1909 zweimal Präsident der Vereinigten Staaten. Seine internationale Präsidentschaft umfasst seine Vermittlung im russisch-japanischen Krieg, der ihm den Friedensnobelpreis einbrachte, und seine Unterstützung für die erste Haager Konferenz, indem er einen Streit zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko durch ein Schiedsverfahren beilegt. All dies im wohlverstandenen Interesse der amerikanischen Macht. Seine imperialistische Politik, bekannt als die „Big Stick“-Politik, und die anschließende Verschärfung der Monroe-Doktrin ermöglichten es dem Yankee-Staat, die totale Kontrolle über den Panamakanal auszuüben. In der Innenpolitik ist ihr Mandat durch eine proaktive Politik der „Erhaltung der natürlichen Ressourcen“ und die Verabschiedung von zwei wichtigen Verbraucherschutzgesetzen geprägt. Ideologisch würde er das Massaker an den Indianern durch das Yankee-Kapital rechtfertigen, indem er es völlig leugnete: „Keine erobernde und kolonisierende Nation hat jemals die Wilden, die ursprünglich das Land besaßen, so großzügig behandelt wie die Vereinigten Staaten“ (The Winning of the West, Putnam, New York, 1889).

Quelle: Naturverwüstung / Anton Pannekoek.
In: Zeitungskorrespondenz / Leipziger Volkszeitung, 10 Juli 1909.
Noten: Entnommen von der französischen Übersetzung in Pantopolis.

Transkription und sprachliche Korrekturen und Modernisierungen: Fredo Corvo, Juli 2019.

Anton Pannekoek, 1909: Naturverwüstung

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