Anton Pannekoek „Die Umwälzung in Deutschland“ (1933)

In Fortsetzung des vierteiligen Artikels über die Deutsche Revolution von 1918 veröffentlichen wir hier den von der G.I.K. veröffentlichen Artikel Anton Pannekoeks über das Ende der Weimarer Republik und dessen Ursachen.

I Die Katastrophe der Sozialdemokratie
II. Das Ende der kommunistischen Partei
III. Der Kampf gegen Hilter (zugfügt am 19-5-2020)

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John Heartfield „Der Sinn des Hitlergrusses: Kleiner Mann bittet um große Gaben. Motto: Millionen Stehen Hinter Mir!

I
Die Katastrophe der Sozialdemokratie

Die Nemesis der Geschichte hat die deutsche Sozialdemokratie ereilt.
Selten war der Zusammenbruch einer politischen Bewegung so verdient, so eine regelrechte Konsequenz ihrer Verbrechen, wie ihr jetzt von der Hitlerpartei heimgezahlt. Wie weit sollen wir zurückgehen? Bis in die neunziger Jahre, als mit der anfangenden Prosperität das Gift des Reformismus sich allmählich einschlich? Bis zu 1914, als in allen Ländern die Sozialdemokratie das Proletariat in das Joch des bürgerlichen Nationalismus und des Krieges spannte? Fangen wir mit 1918 an, als der Zusammenbruch des deutschen Imperialismus die Macht für den Augenblick in die Hände der Arbeiter legte.

Sozialdemokratische Parteiführer traten im November 1918 als „Volkskommissäre“ an die Spitze der Regierung. Die Arbeiter erwarteten sozialistische Massnahmen. Eine wirkliche Partei des proletarischen Klassenkampfes hätte als ihre Aufgabe gesehen: die noch unvollkommene Macht der Arbeiterklasse auszubauen und zu festigen zu einer starken Diktatur, die besitzende Klasse und die Offizieren zu entwaffnen, das Kapital mit kräftiger Hand anzufassen. Die Sozialdemokratie beeilte sich durch Zusammenberufung einer „Nationalversammlung“ in Weimar die Macht in Hände der Bourgeoisie zu spielen. Die Vorhut der Arbeiter, die die Massen zur Organisierung der proletarischen Revolution mit zu reissen suchte, liess sie durch die Generäle, mit Hilfe der bewaffneten Bourgeoisie niederschlagen, und festigte diesen Sieg, durch die Ermordung der revolutionären Führer, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Als Regierung der neuen Republik schützte sie das deutsche Kapital, damit es sich wieder herstellte, und hielt bei auflodernden Bewegungen der Arbeiter die Masse in Ruhe, mit dem Worte Eberts: dies ist Sozialismus!
Sie liess die Bourgeoisie ihre Macht festigen und ausbauen, und wurde zum dank, als sie nicht mehr nötig war, aus den Ministerposten beseitigt – was sie nicht davon abhielt, die neuen Regierungen nach Kräften zu unterstützen, unter der Losung: sonst kommt der Wolf, die Reaktion, der Faschismus.

Der kapitalistische Wolf wütete schon während dieser ganzen Zeit. Das Kapital handelte seiner Natur nach, so wie Kapital immer handelt.
Durch Schiebung und Spekulation, konzentrierte es allen Besitz in seiner Hand; durch Finanzoperationen, durch Inflation und Deflation expropriierte es die Mittelschichten und verelendete es das Kleinbürgertum. Durch extreme Rationalisierung der Industrie stiess es die Arbeiter massenhaft aufs Pflaster, so dass schon vor der Krise, als in der übrigen Welt noch Prosperität war, eine erschreckende hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland herrschte.

Der Groll der kleinbürgerlichen Massen richtete sich gegen das Regierungssystem; reaktionär und anti-kapitalistisch zugleich, – weil die sozialistische Partei als Sachwalter und Helfer der Grosskapitals auftrat – fand er seinen Ausdruck in der emporkommenden nationalsozialistischen Bewegung.

In dieser Bewegung trafen sich mehrere Strömungen zusammen. Die abgebaute Offiziere der Alten Armee, durch die gezwungene Armeebeschränkung stellenlos geworden, hassten die Republik als Verkörperung ihrer Niederlage und des Verlustes ihrer früheren Machtposition. Die akademische Intelligenz, Hüter der nationalstolzen Ideologie, sah sich durch den Zustrom republikanischer und jüdischer Kreise, denen sie oft an Eifer und Intellektueller Begabung nicht gewachsen war, in ihr Anrecht auf amtliche Stellen und freie Berufe bedroht. Zu ihnen stiessen die untergehenden Mittelständler die in das „jüdische“ Grosskapital der Warenhäuser und Banken die Ursache ihres Niederganges sahen.
Als dann in 1929 die Weltkrise einsetzte, schwoll der Zustrom alles dieser vernichteten oder bedrohten Existenzen zu einer Flut an, die schliesslich das ganze parlamentarische Regiment wegschwemmte.

Das wäre allerdings nicht möglich gewesen, wenn nicht zuletzt das Grosskapital den Nationalsozialismus als Werkzeug in seinen Dienst genommen und ihn durch seine Unterstützung zur Macht gebracht hatte.
Nur durch die grossen Subventionen seitens des Grosskapitals, war die riesige Entwicklung der Presse, der Propaganda und der Parteiapparaten möglich, die diesen Aufschwung zu Wege brachten. Das Kapital hatte vorher kein Interesse am Nationalsozialismus, da es unter den republikanischen Regierungen sich ungehindert bereichern und alle ihre Interessen zur Geltung bringen konnte.
Als aber die Weltwirtschaftskrise kam und sich immer mehr verschärfte, musste das Kapital um seine eigene Erhaltung kämpfen. Bankrott bedrohte jedes Einzelkapital; für sie alle ist der gemeinsame Ausweg, Verringerung aller Kosten die die Produktion belasten, Herabsetzung der Löhne. Die Löhne wurden durch eine Tarifsvertragsgesetzgebung geschützt, und so sehr dieser Schutz in der Praxis des Schiedsrichter immer wieder durchbrochen wurde, so wirkte er doch als ein Hemmnis für eine allgemeine Lohnreduktion. Dazu kam die Arbeitslosenunterstützung, übrigens zuerst durch die Arbeiter aus eigenen Mitteln aufgebaut, musste auch dazu dienen dem Kapital die notwendigen Arbeitskräfte für die nächste Prosperität zur Verfügung zu halten. Jetzt aber hat sich die Sache geändert.

Das deutsche Kapital sieht von dem alten Ehrgeiz ab ein hochindustrialisiertes Exportland für den Weltmarkt zu sein; es zieht sich in eine gewisse Autarkie zurück, wobei der innere Markt die Hauptsache und der industrielle Export Nebensache wird. Politisch wird es sich, und werden vor allem auch seine Freunde, die Junker, sich beruhigter fühlen, als dabei die rasche Zunahme des industriellen Proletariats in Deutschland gehemmt wird.
Also: das Kapital will die Kosten der Arbeitslosenunterstützung nicht mehr tragen, und wenn dabei die zu vielen, die überflüssigen Proletarier zu Grunde gehen, um so besser.

Zu diesen Angriff auf das Proletariat braucht das Kapital Truppen. Die offizielle Wehrmacht des Staates, der Reichswehr und die Polizei, genügen nicht; sie bilden ein zu kleines Spezialkorps, das höchstens nachher als regulärer Kern dienen kann. Es braucht eine grosse, freiwillige Massenarmee. Und es findet es in dem Nationalsozialismus. Hier waren in allmählichen Aufbau die Anhänger gewonnen, durch die Ideologie des Nationalismus begeistert, die sich der festen Disziplin einer militärischen Organisation unterordnend, zur höchsten Kampfleidenschaft steigerte, voll von bürgerlichen Hass gegen den Arbeitersozialismus, den „Marxismus“- Hitler konnte nicht ahnen wie wenig die sozialdemokratische und kommunistische Partei mit dem wirklichen Marxismus gemein hatten.
In ihnen hat das Kapital die Kampfbanden gefunden und weiter gross gezogen, die es gegen die Arbeiterklasse brauchte: keine von der Staatsmacht eingezogenen Soldaten, die auf die Dauer gegen das Volk unzuverlässig sind, sondern eine von Klassenhass erfüllte kleinbürgerliche Masse, zum Klassenkampf erzogen und bewaffnet.
Als dann die Wucht der Krise und die Macht der Propaganda den Nationalsozialismus zur mächtigsten Partei empor hob, hat das verbündete Grosskapital und Junkertum seinen Führer zum Reichskanzler gemacht. Und sein erstes Werk war die Sozialdemokratie und die kommunistische Partei niederzuschlagen.

Man hat sich gewundert, dass die Sozialdemokratie sich so ohne eine Spur des Widerstandes beseitigen liess. Zwei Soldaten, so höhnte ein Gegner, genügten, um sie aus ihrer Machtposition, dem Polizeipräsidium Berlins, hinauszuwerfen. Sie, die Millionenpartei, die sich und anderen einredete, dass sie die Arbeiterklasse war, oder wenigstens vertrat, deren Vorhut, deren Kampforganisation. Kein Arbeiter rührte eine Hand für sie; und sie versuchte nicht einmal die Arbeiter dazu aufzurufen. Sie war nicht kampffähig, und sie wusste selbst, dass sie unfähig zum Kampfe war. Sie war nur Fassade geworden, hinter der ein so morscher und verwitterter Bau war, dass es bei dem ersten Schlag des Gegners in Trümmer fiel.
Wie geprügelte Hunde sassen die Sozialdemokraten im Reichstag und wussten nichts vorzubringen, als dass sie doch nicht so schlecht seien – im nationalen Sinne – als mann sie machte. Und als Hitler sie anherrschte: vierzehn Jahre sitzt ihr hier, und das deutsche Volk hat von eurem mysteriösen Sozialismus nie etwas gesehen – da traf er gerade den Nagel auf den Kopf. Nicht ihr Sozialismus, sondern ihr Mangel an Sozialismus war die Ursache des Sturzes.

Eine Niederlage an sich ist nicht schlimm; die Arbeiterklasse wird doch noch oft Niederlagen erleiden, wenn sie mit ungenügender Kraft den Kampf gegen das mächtigere Kapital aufnehmen muss, und solche Niederlagen sind Quellen späterer Siege. Aber dies war ein Zusammenbruch, kein Kampf, weil sie, die Sozialdemokratie die Arbeiter nur wählen, aber nicht revolutionär kämpfen gelehrt hatte. Wie könnte sie auch – hatte sie ja selbst den revolutionären Kampf der Arbeiter niedergeschlagen – für die Bourgeoisie. Der Untergang mag tragisch erscheinen, wenn man an Bebel und Liebknecht, an die vielen Kämpfer alter Zeit denkt, die in opfervollen Arbeit damals die Sozialdemokratie aufbauten.
Aber die Zeit schreitet vorwärts, und was der Vergangenheit ein Ideal, wird der Zukunft ein Hemmnis. Die Sozialdemokratie ist ein alter abgestorbener Ast am Baum der Arbeiterbewegung, und klein unter ihm, von ihm bisher unterdrückt, spriessen neue Äste auf.

II
Das Ende der kommunistischen Partei

Die Geschichte der kommunistischen Partei Deutschlands zeigt uns das Bild einer Organisation, die zur Förderung und Führung der proletarischen Revolution in Westeuropa berufen schien, aber schon in ihrer ersten Jugend zu einer scheinrevolutionären Partei entartete.
Sie entstand aus den kleinen Gruppen, die während des Weltkrieges in schärfster Opposition zu der Sozialdemokratie, durch revolutionäre Propaganda und Aktion den Kriegsimperialismus der Bourgeoisie bekämpften. Wahrend der revolutionären Bewegungen nach dem Kriege unter dem anfeuernden Beispiel der russischen Revolution schlossen sie sich zur K.P.D. zusammen, die den Klassenkampf zur Durchführung der proletarischen Revolution in Westeuropa in ihre Fahne schrieb und Massenaktion und Sowjetsystem an die Stelle des Parlamentarismus und der Gewerkschaften stellte. Aber die Aktionen der Arbeiter wurden gewaltsam niedergeschlagen und die hervorragendsten Führer, Liebknecht und Rosa Luxemburg, ermordet. Da standen die deutschen Kommunisten vor der Frage ihrer weiteren Politik. Die Mehrheit der Partei sah ein, dass die Revolution in Westeuropa ein längerer Prozess sein wird, in der die Arbeiterklasse durch eine gründliche Aufklärung und die Praxis der Massenaktionen allmählich die Macht zur Besiegung der Bourgeoisie aufbauen muss. Und dass dazu in erster Linie Überwinden der parlamentarischen Illusionen und der gewerkschaftlichen Führerherrschaft nötig war. Aber die Interessen Russlands standen dem gegenüber. Russland wurde schwer durch die Angriffe der von Westeuropa unterstützten weissen Armeen bedrängt und es brauchte die Hilfe der westeuropäischen Arbeitermassen, die durch ihren Druck auf ihre Regierungen diese von weiteren Angriffen auf Russland zurückhalten sollten. Die Dritte Internationale, aus den vielen kommunistischen Parteien Europas gebildet, wurde zum Organ dieser russischen Politik. Dazu mussten möglichst grosse Arbeitermassen rasch für die Partei gewonnen werden und von ihren sozialdemokratischen Führern losgelöst werden; also Benutzung des Parlamentarismus und Eintreten in die Gewerkschaften, um sie, wie es hiess, zu revolutionieren, will sagen, die alten Führer durch neue russlandfreundliche zu ersetzen. Unter dem Einfluss der von Moskau gesandten russischen Parteivertreter, unter Benutzung der finanziellen Abhängigkeit von Moskau wurden 1919 die Vertreter einer westeuropäischen Taktik hinausgeworfen und stellte die K.P.D. sich auf den Boden des „revolutionären“ Parlamentarismus und der Gewerkschaftstaktik.

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‚Revolutionär‘-parlamentaristisches Plakat womit die KPD in 1920 teilnahm an der Reichstagswahl, gegen den Willen der Mehrheit der Parteimitglieder

Seitdem ist die K.P.D. die deutsche Filiale von Moskau geblieben. Dabei bestimmten nicht nur die russischen Interessen, sondern auch das russische Beispiel ihre Taktik und ihre Anschauungen. Nach dem Vorbilde Russlands sollten die Revolutionen in Europa gemacht werden. Der grosse Unterschied – in Westeuropa ein hochentwickelter Kapitalismus, wo ein entwickeltes Proletariat als Bevölkerungsmehrheit durch Aufbieten ihrer ganzen Klassenkraft die mächtige Bourgeoisie zu besiegen hat, Russland ein primitives Bauernland mit einer Minorität von Industriearbeitern – wurde dabei übersehen. Russland, wo eine unfähige und veraltete Regierung und eine schwache Bourgeoise durch die Arbeiter mit Hilfe der Bauern gestürzt war, konnte als Bauernland nur durch eine kräftige zentrale Bürokratie regiert werden, die als Aufgabe die rasche Industrialisierung des Landes hatte. So wurde die bolschewistische Partei, namentlich ihre Bürokratie, zur Regierung des Landes; die Industrie wurde Organ des Staates und die Arbeiter standen im Dienste der staatlichen Industrie. Dieses sich in Russland entwickelndes System des Staatskapitalismus wurde mit dem traditionellen Namen des Kommunismus belegt; und die also unkenntlich gewordene „kommunistische“ Lehrebestimmte Anschauungen und Ziele aller der Dritten Internationale angeschlossenen kommunistischen Parteien.
Die Diktatur des Proletariats verwirklicht sich in der Diktatur der kommunistischen Partei – dieser Satz bildet ihre Grundlage. Anstatt der Selbstherrschaft des ganzen Proletariats tritt die Herrschaft der Partei über das Proletariat. Die revolutionäre Minorität, nicht die ganze Klasse macht die Revolution. Die kommunistische Partei ist es, nicht die proletarische Masse, die die Bourgeoisie besiegt und dann den Sozialismus durchführt – und in diesem Sozialismus wieder, wie in Russland, die Parteibürokratie als Leiter, als Meister, die Arbeiter als gehorsame Hände.
Natürlich spielt auch die Masse ihre Rolle, als Mitläufer, als Gefolgschaft, als Anhänger. Sie braucht nicht selbst von klarer revolutionärer Einsicht erfüllt zu sein; sie bracht nur den Losungen der Führer zu folgen. Wenn sie nur in entscheidenden Augenblicken mitgerissen werden kann – mag es sogar von falschen Nachrichten sein – und durch ihre Wucht den Widerstand bricht und der Partei zum Siege verhilft, so hat sie ihre Aufgabe erfüllt. Der Massenbetrug ist der Hebel der Weltrevolution, so wurde schon 1919 diese Auffassung charakterisiert.
Massen als Anhänger gewinnen, damit die Partei Macht bekommt, und ihre Ziele durchführen kann, das ist das Ziel des „revolutionären“ Parlamentarismus. Seiner Qualität nach steht er also noch unter dem alten sozialdemokratischen Parlamentarismus, wo Erziehung der Massen zum Klassenbewusstsein und zur demokratischen Selbstständigkeit das proklamierte Ziel war. Er brauchte nicht mehr, als in radikalen Reden die sozialdemokratischen Forderungen zu übertrumpfen; aber gerade durch diesen Gegensatz gegen die vorsichtige Leisetreterei jener Partei bekam er einen revolutionären Schein und konnte so die Empörung der vom Kapital bedrückten Arbeiterschichten zum Ausdruck bringen – natürlich ein völlig wirkungslosen Ausdruck -. Dieser Wortradikalismus hinderte die K.P. nicht, zugleich in Versuchen zu Koalition und Stellenpolitik die Prinzipienlosigkeit ihres scheinrevolutionären Parlamentarismus zu bekunden.
Massen als Anhänger gewinnen war auch das Ziel ihrer Gewerkschaftspolitik. Statt den Massen zu zeigen, dass die Gewerkschaften gegen das Monopolkapital unbrauchbare Waffen sind, und dass hier Massenkämpfe nötig sind, die durch unmittelbar von den Arbeitern selbst abhängige Aktionsausschüsse, Arbeiterräte, geleitet werden und sich stets erweitern – sucht sie die Führung der Gewerkschaften in ihre Hand zu bringen. Könnte sie die bestehende Bürokratie beseitigen – indem sie die Machtlosigkeit der Gewerkschaften der Unfähigkeit oder dem bösen Willen dieser Leute zuschrieb – so hätte sie einen Massenapparat in der Hand, der ihre Parteimacht gewaltig steigern würde.
In allen von Moskau verordneten Wandlungen ihrer Gewerkschaftspolitik – bald hinein um die Leitung zo erobern, bald hinaus um möglichst grosse Teile als RGO abzusplittern, immer war der leitende Gedanke: Anhänger gewinnen und damit Parteimacht. Wo ein Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten ausbrach, mischten sie sich hinein, nicht wie die Sozialdemokraten um zu beschwichtigen, sondern um den Kampf anzufachen; aber dabei war ihr Ziel nicht, die selbstständige Kampfführung, sondern die Führung des Kampfes selbst in die Hand zu bekommen. Wenn von der Partei eine Streikleitung eingesetzt war, nannte sie das: Leitung des Kampfes durch die Arbeiter selbst – ähnlich wie sie in Russland das Kommando des Fabriksdirektors über die Arbeiter mit dem Nahmen Selbstherrschaft der Arbeiterklasse mittels der K.P. bezeichnet.
Massen als Anhänger gewinnen – dazu griff sie nicht bloss zu dem Parlamentarismus, der immerhin noch einer alten sozialistischen Tradition entspricht. Als während der Ruhrbesetzung die Wellen des Nationalismus hochgingen, machte sie auch in Nationalismus. Sie suchte dem emporkommenden Nationalsozialismus Konkurrenz zu machten, biederte sich bei dem Stahlhelm an und liess im Reichstag den nationalistischen Parteien ein Bündnis gegen Frankreich anbieten. Allerdings muss zur Entschuldigung gesagt werden, dass sie hier nicht aus eigenem Triebe sündigte, sondern dem Gebot aus Moskau gehorchte. Was [… Wort fehlt im Original …] in erschreckender Weise ans Licht trat war die Tatsache, dass auch die einfache Gebote des proletarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie vor den augenblicklichen Bedürfnissen russischer Staatspolitik weichen mussten.
Mann fragt sich, wie die deutschen Kommunisten dies alles schluckten. Waren sie so blind, dass sie nicht den Widerspruch dieser ganzen Taktik zu den Bedingungen des Klassenkampfes in einem grosskapitalistischen Lande erkannten? Gewiss, fortwährend traten Mitgliedergruppen in Opposition zu der Partei und wurden ebenso regelmässig hinausgeworfen; aber da keine prinzipielle Klarheit sondern Empörung über eine praktische Tat die Ursache war, blieben die abgesplitterten Gruppen meist auf halbem Wege stehen. Die materielle Abhängigkeit von Moskau, verbunden mit der mächtigen Tradition der russischen Revolution verhinderte die Entwicklung zu einem selbstständigen Standpunkt. Indem diejenigen, die Bedenken trugen, die durch russischen Interessen bedingte Wandlungen der Taktik mitzumachen, hinausflogen, blieb nur die schmiegsame Gefolgschaft der prinzipienlosen Parteiführer, immer wieder ergänzt durch jüngere Arbeiter, deren Kampflust und revolutionärer Tatendrang sich durch scheinkommunistische Losungen mitschleppen liess. Ihre Begeisterung und Hingabe, nicht geleitet durch eigene Einsicht, wurde dabei zu einem gehorsamen Parteifanatismus, der jede wirkliche Kommunistische Kritik niederprügelte.
Aus solchen Anhängern wurden bewaffneten Kampfgruppen gebildet, in Nachahmung der russischen Roten Armee. Die K.P. glaubte, sich damit den Kern der Armee zu bilden, mit der sie einmal die Macht erobern wollte. Damit wird das Bild vollständig: statt der Arbeiterklasse, die durch den Aufbau ihrer eigenen geistigen und organisatorischen Massenkraft fähig wird, die Bourgeoisie zu besiegen und ihre Herrschaft über die Gesellschaft aufzurichten – eine Partei geleitet durch Parteiführer, mit der Masse als unwissende Gefolgschaft und mit einem bewaffneten Partei-Freikorps die Bourgeoisie besiegen zu können glaubt. Als ob seine kindische Soldatenspielerei in irgend einer weise gegen die Militärmacht, die die Bourgeoisie sich mit ihren ungeheuerlichen staatlichen und finanziellen Mitteln verschaffen kann, aufkommen konnte. Als dann zu letzt die Bourgeoisie auftrat, den Nationalsozialismus grosszog und ihn in die Macht setzte, da brach der ganze Scheinrevolutionarismus der K.P.D. zusammen. Da zeigte sich, wie sie all diese junge Begeisterung missbraucht und irregeleitet hatte. Statt sie zu einsichtsvollen Klassenkämpfern zu machen, mit denen eine nicht grössmäulige sondern wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung allmählich aufgebaut wäre, hat sie sie zu blinden Werkzeugen ihrer Parteiziele gemacht. Die vielen Tausende von Kommunisten, die jetzt in Konzentrationslagern misshandelt werden, sie sind die Opfer der falschen Politik der K.P.D., die der deutschen Arbeiterklasse nur Ohnmacht gebracht hat. Opfer in erster Linie der Machthaber in Russland, die das Interesse des westeuropäischen Proletariats und der Weltrevolution immer hinter ihre eigenen Interessen zurückstellten. Opfer auch aller derjenigen Wortführer, die vor 12 Jahren, entgegen allen Warnungen, die K.P.D. auf diesen Verhängnisvollen Weg des Opportunismus führten. Dem deutschen – und internationalen – Proletariat wird es nicht leicht gemacht, den Weg zur Befreiung zu finden. Die Sozialdemokratie, die es in dem ersten halben Jahrhundert aufbaute, verwandelte sich in eine Reformpartei im Dienste der Bourgeoisie. Die K.P.D. die die revolutionären Elemente dann aufbauten, verwandelte sich bald in ein scheinrevolutionäres Werkzeug des russischen Staatskapitalismus. Das Proletariat wird wieder von Neuem anfangen müssen.

III
Der Kampf gegen Hitler

Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus kommt es zu einer Wende in der deutschen Arbeiterbewegung. Eine Kampftaktik ist zusammengebrochen, eine Entwicklungsperiode von einem halben Jahrhundert ist zu Ende gegangen; eine neue Periode beginnt.
Die deutsche Arbeiterklasse ist sofort dessen beraubt, was sie als die eigentliche Kampfweise ansah. Die Tatsache, dass die Parlamente ausgeschaltet wurden, ist nicht das Wesentliche, denn die Arbeiter hatten ohnehin vier Jahre lang nicht gewählt und nur den Reden der Parlamentarier gelauscht. Noch bedeutsamer ist, dass ihr die einfachsten bürgerlichen Freiheiten genommen wurden, das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Freiheit der Druckpresse, die Versammlungsfreiheit. Was ihr unmittelbar ins Auge fällt, ist, dass ihre selbstverständlichsten Ansichten, die früher und auch heute noch frei diskutiert und in der ganzen Welt verbreitet wurden und werden, als Hochverrat verfolgt und bestraft werden.
Infolgedessen ist die Arbeiterbewegung vor allem gelähmt und aufgrund des mangelnden öffentlichen Verständnisses geistig desorganisiert. Wenn die erste Betäubung vorbei ist, muss sie jedoch zu einer neuen Orientierung kommen. Zweifellos wird sie eine Periode von Fehlern und Verwirrung durchmachen müssen, bevor sie den Weg zu einem neuen Kampf gefunden hat.
Gewalt von oben ruft ähnliche Gewalt von unten hervor. Wenn jeder Sozialismus und Kommunismus als Verbrechen verfolgt wird und die Machthaber die natürliche Grenze zwischen Politik und Verbrechen verschieben, ist es unvermeidlich, dass auch die Verfolgten diese Grenze verschieben und das, was sonst als Verbrechen bezeichnet wird, als Mittel des politischen Kampfes einsetzen. Wo öffentliche Aktivitäten unmöglich sind, werden sie durch eine Verschwörungstaktik ersetzt. Wo der organisierte Kampf erstickt wird, entsteht der unorganisierte Akt der persönlichen Gewalt.
So verständlich eine solche Reaktion auch sein mag, es muss auch betont werden, dass sie in keiner Weise der Sache der Befreiung des Proletariats dient. *)
Hitlers Kampf gegen den sogenannten Marxismus ist der Kampf des Großkapitals, das die gesamte Bourgeoisie unterstützt, gegen die Arbeiterklasse. Der Kampf gegen Hitler, ist der Kampf gegen das Großkapital und damit gegen die gesamte Bourgeoisie. Dieser Kampf kann nur von der Arbeiterklasse als Ganzes geführt werden, indem sie als Masse handelt. Einzelne Handlungen, wie enthusiastisch sie auch sein mögen, können die Arbeiterklasse nicht befreien, sie können die Macht des Kapitals nicht beeinflussen, sie können die Bourgeoisie kaum beeinflussen.
Und wenn eine persönliche Handlung die Bourgeoisie spürbar treffen würde, wäre es umso schlimmer; die Arbeiter könnten dann unter dem Wahn stehen, dass die Herrschaft des Kapitals anders als durch den Massenkampf des Proletariats gestürzt werden könnte.
In jedem Fall wird Gewalt von unten eine seltene Ausnahme sein. Im Allgemeinen wird die Reaktion auf Gewalt von oben zunächst Entmutigung und Desertion sein. Die sozialistische und kommunistische Parteitaktik der letzten zehn Jahre hat die Arbeiter völlig wehrlos gemacht, und sie fühlen sich von der vor ihnen stehenden Kraft der Reaktion überwältigt. Weil ihnen die inspirierende Praxis eines revolutionären Klassenkampfes fehlte, wirken die alten Ideale des Sozialismus, wie ein tödliches Klagelied angesichts der Angriffskraft des Faschismus.
Das völlige Versagen, die mangelnde Fähigkeit der Parteien, diesen ersten Angriff zu bekämpfen, hat bei denjenigen, die diese Parteien bisher gestützt haben, tiefe Enttäuschung ausgelöst. Und der Überlauf der sozialdemokratischen Reichsbannermitglieder zum Stahlhelm – ein Überlauf, der so stark war, dass er die Führung erschütterte – zeigt, wie wenig innere Veränderung für den Wechsel der äußeren Farbe nötig war. Das Bröckeln wird noch weiter gehen; die Arbeiterbewegung hat ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht. Und noch mehr als die materielle, ist die geistige Kraft der alten Organisation zerstört worden. Völlig neu, mit jungen Kräften, wird der Kommunismus aufgebaut werden müssen. Vor allem linke kommunistische Gruppen werden in dieser Hinsicht eine wichtige Aufgabe haben. Durch ihre Kritik an den alten Parteien haben sie ihre Gedanken geklärt, die Ursprünge der gegenwärtigen Katastrophe vorzeitig aufgezeigt und die revolutionäre Taktik des Proletariats entwickelt und propagiert. Auch wenn sie durch Verfolgung und durch das Abschneiden aller öffentlichen Ausdrucksmöglichkeiten nicht organisiert handeln können, verfügen sie in der Literatur des A.A.U., der R.K.G. und der K.A.P. über so viel Studien- und Diskussionsstoff, der angesichts der neuen Entwicklung nun größere Bedeutung erlangt, dass sie sich ohne große Schwierigkeiten und Reibungsverluste an die neue Situation anpassen und ihre Ansichten in ihrer unmittelbaren Umgebung verbreiten können. Für sie ist es zuallererst notwendig, sich einen Überblick über die Entwicklungsmöglichkeiten des proletarischen Kampfes zu verschaffen.
Es ist zu bedenken, dass die Politik der Gewalt von oben und die Abschaffung aller bürgerlichen Freiheiten nicht der Zustand der Ruhe bleiben kann. Vor allem, weil die Arbeiterklasse eine so große Zahl von Menschen ist, weil sie das produktive Leben kontrolliert und sich überall hin bewegt, dass die Verbreitung revolutionärer Ideen, wenn die Verhältnisse es erfordern, nicht verhindert werden kann. Wenn sie in die Illegalität gezwungen wird, wird sie die Illegalität als Waffe einsetzen, um die notwendige Bewegungsfreiheit zu erlangen. Sicherlich kann die gegenwärtige Situation nicht mit der unter dem sozialistischen Regime verglichen werden, da nicht nur die Staatspolizei, sondern eine ganze nationalsozialistische Massenpartei voller Hass auf den Kommunismus ihnen jagt und ausspioniert. Aber auf der anderen Seite sind nun die Massen der Arbeiterklasse stärker konzentriert, und wenn nicht jede Fabrik, zumindest jede Stempelstelle für Arbeitslosen, leicht zu einem Herd der revolutionären Aufklärung werden kann. Dies hängt davon ab, inwieweit die materiellen Verhältnisse zum Kampf treiben.
Was bisher im neuen Deutschland stattgefunden hat, war lediglich eine Vorbereitung. Der Angriff auf die kommunistischen und sozialistischen Parteien diente nur dazu, die Diktatur zu errichten und sich nicht am weiteren Vorgehen zu hindern. Der Angriff auf die Klasse steht noch aus. Der Angriff auf die Arbeiterklasse ist das Ziel der nationalsozialistischen Revolution. Das Programm der Autarkie bedeutet die Erhöhung der Lebensmittelpreise, die Senkung der Löhne und Unterstützung, die Schrumpfung der Exportindustrie, die Beseitigung des überflüssigen Proletariats.
Die deutsche Arbeiterklasse ist angesichts des Angriffs völlig auf sich selbst angewiesen. Was sie als Schutzorganisation geschaffen hat, entfällt ihr nun. Ihre sozialdemokratischen Sprecher und ihre Presse, die in den letzten Jahren regelmäßig fehl schlugen, sind völlig mundtot gemacht worden. Die Gewerkschaften, die früher regelmäßig Vereinbarungen mit den Unternehmern gegen die Interessen der Arbeiter trafen, unterwerfen sich vollständig dem Nationalsozialismus und passen sich als direktes Organ des Großkapitals im Dritten Reich an.

Die verräterischen Schutzorgane, in die die Arbeiter immer noch ihr Vertrauen setzen, fallen weg. Die Arbeiter haben nicht mehr als sich selbst, als ihre eigene Klassenkraft. Aus der Not heraus werden sie dorthin gedrängt, wo die einzig wahre Quelle ihrer Macht liegt, und immer lag, in dem Kampf als proletarische Masse.
Seit mehreren Jahrzehnten wissen die revolutionären Arbeiter, dass das Proletariat die Herrschaft des Kapitals nur durch Massenaktionen zusammenbrechen kann. Aber die Macht des Parlamentarismus hat seine Anwendung immer verhindert. Die Führer hatten Angst vor revolutionären Aktionen, bei denen ihre Organisationen zerstört werden könnten. Und die Massen gehen diesen schwierigen, aufopferungsvollen Weg des Massenkampfes nicht, solange sie glauben, dass sie das Ziel auf einem leichteren Weg erreichen können. Die Sozialdemokratie mit ihrem Einfluss, ihren Traditionen, ihrem Parlamentarismus blockierte wie eine schwere Blockade den Weg zu einer neuen Taktik. Jetzt ist der alte Block zusammengebrochen und verschwunden, jetzt ist der Weg frei für die Taktik des revolutionären Massenkampfes. Das Großkapital selbst hat die Illusionen des Proletariats zerschlagen, das Schreckgespenst des Parlamentarismus gebrochen und das Proletariat selbst auf den einzigen Weg gedrängt, auf dem Klasse gegen Klasse um die Entscheidung kämpfen wird.
Der Kampf gegen Hitler, d.h. der Kampf gegen das Großkapital, kann nur als Massenaktion der Arbeiterklasse geführt werden. Es wird für die Arbeiter nicht leicht sein, den Weg zu diesem Kampf zu finden, und er wird nur zögerlich, anfangs unsicher tastend, begonnen werden. Wenn jedoch die Druck- und Vernichtungsaktionen des Kapitals gegen die Arbeiter beginnen, haben sie keine andere Wahl, als zu kämpfen oder unterzugehen. Teilweise werden hier und da Kämpfe ausbrechen, wilde Streiks, Hungerrevolten. Das Wichtigste wird die Vereinigung sein, die als eine Klasseneinheit agiert, die direkte Aktion für das unmittelbare Ziel. Das Wichtigste ist, dass durch die Zerschlagung jener Parteien, die die Arbeiter ideologisch gespalten haben, das Kapital selbst daran arbeitet, den Arbeitern ihre soziale Einheit bewusst zu machen. Selbst wenn der isolierte Kampf von Zeit zu Zeit in einer Niederlage endet, wird das Bewusstsein der zurückeroberten Kampffähigkeit der Gewinn sein. Und wenn sich die Htler-Bewegung in den nächsten Jahren als unfähig erweist, die Krise zu lösen, dann droht ihr Schicksal durch den Ansturm des Klassenkampfes von unten besiegt zu werden.

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*) Diese Warnung galt sehr wahrscheinlich einige der Resten der K.A.P.D. in Deutschland und Elemente in Holland wie Marinus van der Lubbe, die zu terroristische Taktiken übergegangen waren. F.C.

Quellen

Pressedienst …“ war die deutschsprachige Publikation der G.I.K. oder Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) 1928-1933, fortgesetzt als „Rätekorrespondenz“ 1934-1937.

Mehr der G.I.K.:

 

Anton Pannekoek „Die Umwälzung in Deutschland“ (1933)

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