Bürgerlich-parlementarische Demokratie oder proletarische Räterepublik? Konterrevolution!

Fortsetzung Von November 1918 Zirkus Busch zur Münchner “Räte”-Republik 1919.

3 Barrikadenkämpfe während der Novemberrevolution
Barrikadenkämpfe während der Novemberrevolution. Bild Alfred Grohs via Wikimedia Commons

Inhalt

Ph. Bourrinet „Die Arbeiterräte in Deutschland 1918-23“ Teil 3:

Die Verfassungsgebende Versammlung begräbt die Räte. Die Niederlage vom 19. Januar und die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht

Dokumente

Rosa Luxemburg:

Liebknechts letzte Arbeit:

Anton Pannekoek in Arbeiterpolitik:

Ph. Bourrinet „Die Arbeiterräte in Deutschland 1918-23“ Teil 3

Die Verfassungsgebende Versammlung begräbt die Räte. Die Niederlage vom 19. Januar und die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht

Im vorigem Teil haben wir gesehen wie die Schwäche der Revolution es die SPD ermöglicht ein populistischer Diskurs zu halten. Alle Macht müsse dem „ganzen Volk“, kurz gesagt der Nation, zufließen und darf nicht den Arbeiterräten überlassen werden.

Die „Macht der Arbeiterräte“ (gleichbedeutend mit Sowjets) soll daher bald einer verfassungsgebenden Nationalversammlung weichen, die als „demokratisch“ bezeichnet wird. Alle rechten und zentralen Parteien – deren Motto früher „mit Gott, für den König und das Vaterland“ war – verkünden sich über Nacht als „populär“, ja sogar „republikanisch“ und „demokratisch“ (Deutsche Volkspartei, Christlich-Demokratische Volkspartei, Deutsche Demokratische Volkspartei) und fordern Wahlen mit allgemeiner Wahlberechtigung1. Am 10. November klärte Ebert die Situation: Es wird so schnell wie möglich eine verfassungsgebende Versammlung gewählt, die der „Regierung der Volkskommissare“ ein Ende setzen soll. Und in einer Unterhaltung mit General Groener bescheinigt Ebert am selben Tag, daß dies das Ende des Bolschewismus sein wird2.

Gegen die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung, die von einer Exekutive der Räte, gutgeheißen wird, – die Rosa Luxemburg „den Sarkophag der Revolution“ 3 nennt – stimmen alle revolutionären Tendenzen überein. Wenn es ein Parlament geben soll, dann nur das der Räte, die wahre proletarische Demokratie gegen die illusorische bürgerliche Demokratie:

Die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: bürgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats, das ist Demokratie im sozialistischen Sinne. ….

Ohne den bewußten Willen und die bewußte Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus! Um dieses Bewußtsein zu schärfen, diesen Willen zu stählen, diese Tat zu organisieren, ist ein Klassenorgan nötig: das Reichsparlament der Proletarier in Stadt und Land.

Die Einberufung einer solchen Arbeitervertretung an Stelle der traditionellen Nationalversammlung der bürgerlichen Revolutionen ist an sich schon ein Akt des Klassenkampfes, ein Bruch mit der geschichtlichen Vergangenheit der bürgerlichen Gesellschaft, ein mächtiges Mittel zur Aufrüttelung der proletarischen Volksmassen, eine erste offene schroffe Kriegserklärung an den Kapitalismus.

Keine Ausflüchte, keine Zweideutigkeiten – die Würfel müssen fallen. Der parlamentarische Kretinismus war gestern eine Schwäche, ist heute eine Zweideutigkeit, wird morgen ein Verrat am Sozialismus sein.4

Die Linken Unabhängigen, die ein typisch „zentristisches“ Spiel spielen, gefangen zwischen ihrer proletarischen Basis, die für den Spartakismus sensibel ist, und ihrer Führung, die zur Regierung5 befördert wird, können nicht mehr den Selbstmord der Räte garantieren. Einer der Führer der Revolutionären Obleute, Richard Müller, Präsident der Berliner Betriebs- und Soldatenräte, der bei den illegalen Streiks in der Berliner Metallurgie von 1916 bis 1918 eine bedeutende Rolle gespielt hatte, sagte, er sei bereit, sein Leben für die Verteidigung der Räte zu riskieren. In seinem am 18. November dem Zirkus Busch vorgelegten Tätigkeitsbericht sagte er: „Wir müssen unsere Macht behalten, wenn nötig mit Gewalt. Jeder, der die Nationalversammlung will, zwingt uns zum Kampf. Ich erkläre es offen: Ich habe mein Leben für die Revolution aufs Spiel gesetzt, und ich werde es wieder tun. Die Nationalversammlung ist der Weg zur Herrschaft der Bourgeoisie, ein Weg zum Kampf; der Weg zur Nationalversammlung geht nur über meine Leiche!” 6

Die Verfassungsgebende Versammlung hat, bevor sie sich am 6. Februar 1919 im großen Weimarer Theater niederließ, Richard Müllers „Leiche“ – von seinen politischen Feinden ironischerweise „Leichen-Müller“ genannt – nicht benötigt, sondern die von Tausenden von Arbeitern, insbesondere Spartakistenführer wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht im Januar 1919 und Leo Jogiches zwei Monate später. Der für den 10. November geplante „Selbstmord“ der Räte wird in zwei Phasen mit Gewalt und Manipulation durchgeführt.

Zunächst musste die Regierung über Milizen verfügen, zumal der linke Unabhängige Emil Eichhorn, nahe an Karl Liebknecht, eine Arbeitersicherheitstruppe innerhalb des Polizeipräsidiums gebildet hatte, von der zwei Drittel Freiwillige waren, und das andere Drittel Polizisten, die den Räten angehörten7.

Am 17. November bildete der Sozialdemokrat Otto Wells, Kommandant der Stadt Berlin, zusammen mit Militärgouverneur Fischer ein republikanisches Soldatenkorps, das durch „Spenden“ von Großindustriellen finanziert wurde. Sie stießen bald militärisch mit der revolutionären Linken zusammen. Allerdings nicht zuverlässig genug (wegen ihrer Arbeiterherkunft). Im Dezember richtete Ebert mit Hilfe von Noske, seinem „Verbindungsoffizier“ zum Generalstab, die Freikorpse ein, die großzügig bezahlt wurden, schnell „Noske Garden“ genannt, Korpse von Soldaten der Sturmtruppen und monarchistischen Offiziere. Der Vorwärts konnte, wie die gesamte bürgerliche Presse, mit bezahlten Anzeigen „Freiwillige“ rekrutieren, oft aus Stoßtruppen, echte Söldner gegen Bezahlung durch das Regime.

Damit die konterrevolutionären Kräfte ihre Legitimität finden konnten, mussten die Delegierten der Räte alle ihre Befugnisse an der Regierung und der Verfassungsgebenden Versammlung abgeben. Der Reichsrätekongreß (dominiert von SPD und Gewerkschaftsfunktionäre), der vom 16. bis 20. Dezember in Berlin tagte, gibt dem Rat der Volksbeauftragten die volle Macht. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht können ihre Stimmen nicht hören lassen. Die linken Oppositionellen der USPD fordern nur, daß die Räte in der Verfassung, die 1919 verabschiedet werden soll, „ihren Platz“ haben.

Damit ist der Weg frei für die rechtliche Auflösung der Revolution, zunächst in Berlin. Ebert benutzt sowohl Provokation als auch Gewalt. Am 23. Dezember blockierte die Regierung die Bezahlung der Volksmarinedivision. Diese verhaften den SPD-Chef Otto Wells. Sie werden von den Truppen von General Lequis mit Kanonen angegriffen. Die Radikalen umzingelten die Truppen von Lequis, die sich ergeben mußten. Die Arbeiter besetzten den Vorwärts; in wenigen Tagen wird dieser der Rote Vorwärts sein. Unter dem Druck der Straße und revolutionären Delegierten treten die linksgerichteten Volksbeauftragte der USPD am 29. Dezember zurück, und werden sofort ersetzt durch drei SPD-Beauftragte, darunter Noske. Am selben Tag, dem 29. Dezember, dem Tag vor dem Gründungskongreß der KPD, versammelt dieser die Freikorpse für den letzten Angriff 8. Die bürgerliche Presse, die nie verboten wurde, und der Vorwärts wüten gegen die Spartakisten; überall sind Plakate geklebt: Tötet Liebknecht!

Die Provokation der SPD findet statt am 4. Januar 1919. Der unabhängige Polizeikommissar Eichhorn wird entlassen, während Ebert und Noske sechs rechtsextreme Freikorpse inspizieren. Am nächsten Tag folgten 700.000 Menschen dem Aufruf der Unabhängigen, der revolutionären Obleute und der KPD zu Demonstrationen. Begeistert, nachdem der Vorwärts von bewaffneten Arbeitern besetzt war, rief ein 52-köpfiger dreiseitiger Provisorischer Revolutionsausschuß am 7. Januar auf zu einem Generalstreik, „das revolutionäre Proletariat an die Macht“ und dann zur „Absetzung der Regierung Ebert- Scheidemann“. Die spartakistische Führung, die zu dieser Initiative von Karl Liebknecht (aber auch Wilhelm Pieck) und der USPD-er Georg Ledebour nicht konsultiert worden war, war gegen einen Aufstand. Die aus der Regierung vertriebenen linken Unabhängigen gingen so abrupt vom reinen Pazifismus während des Krieges zum Putschismus über…..

3 Spartakisten besetzen die Strasse
Spartakisten besetzen die Straße.
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Während die USPD erneut versuchte, mit der Regierung zu verhandeln, zeigte der Dreierausschuß die schlimmste Inkompetenz, ohne einen echten Plan zur Machtergreifung und ohne wirkliche Kräfte. Die Volksmarinedivision bleibt neutral; am 9. Januar findet eine gemeinsame Sitzung der großen Berliner Betriebe statt welche die Bildung einer SPD-USPD-KPD-Koalitionsregierung fordert.

Das Ergebnis dieser Unentschlossenheit ist bekannt. Mit Hilfe von zwei sozialdemokratischen Hilfsregimenten triumphieren die Freikorpse leicht und schiessen auf alles. Der Vorwärts, der von den Freikorpse übernommen wurden, fordert die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. [Nachdem sie verhaftet waren und der Garde Schützendivision im Hotel Eden übergeben und in der Nacht zum 15. Januar ermordet worden waren, behauptete der Vorwärts am 17. Januar, Luxemburg sei von einer Menge „gelyncht“ worden und Liebknecht sei bei einem „Fluchtversuch“ vor seinen „Wachen“ auf dem Weg ins Gefängnis erschossen worden.] Es besteht kein Zweifel, daß der Mordanschlag telefonisch von Gustav Noske angeordnet wurde. Auf Pabsts Frage „Was soll ich mit den Spartakistenführern machen“ antwortete er: „….es ist an Sie, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was zu tun ist“ 9.

Bereits im Februar 1919 hat die Gesamtzahl der durch die Konterrevolution getöteten Arbeiter die Zahl der Toten der Russischen Revolution im Jahr 1917 bei weitem übertroffen.

Fortsetzung.

Noten

1 Broué, ibid., p. 169-170.

2 „Das Offizierskorps erwartet, daß die Regierung den Bolschewismus bekämpft und steht der Regierung dafür zur Verfügung. Ebert reagierte positiv auf Hindenburgs Wunsch und bat General Groener, „dem Marschall den Dank der Regierung zu übermitteln“ [Zitat Chris Harman, La révolution allemande 1918-1923, La Fabrique, Paris, 2015 (préface de Sebastian Bugden), S. 81].

3 In Vom Kaiserreich zur Republik, Band II: Die Novemberrevolution. Malik Verlag, Wien, 1925, Kap. XIII: Was der Vollzugsrat war, Richard Müller berichtet von folgender Wertschätzung des Vollzugsrats der Räte von Rosa Luxemburg: „„Der Vollzugsrat der vereinigten Räte Rußland ist – mag man gegen ihn schreien, was man will – freilich ein ander Ding als der Berliner Vollzugsrat. Jener ist Haupt und Hirn einer gewaltigen revolutionär-proletarischen Organisation, dieser das fünfte Rad am Wagen einer kryptokapitalistischen Regierungsclique, jener ist die unerschöpfliche Quelle proletarischer Allmacht, dieser gleicht der ausgetrunkenen Feldflasche, die an einem heißen Sommertage zur Seite hängt, jener ist der lebendige Leib der Revolution und dieser ihr Sarkophag.“ (S. 160).

4 Unsere Betonung, in Rosa Luxemburg, „Nationalversammlung“, Die Rote Fahne Nr. 5, Berlin, 20. November 1918. Quelle: Gesammelte Werke, Dietz Verlag Berlin, 1983, Band 4, S. 409/410. Im Zitat von Broué, op. Cit., wurden die letzten Sätze zum „parlamentarischen Kretinismus“ amputiert.

5 Hugo Haase, Wilhelm Dittmann, Emil Barth sind die drei ‘unabhängige’ Volksbeauftragten, paritätisch mit Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg.

6 Richard Müller, Vom Kaiserreich zur Republik, Band II: Die Novemberrevolution. Malik Verlag, Wien,1925, Kap. IX: Demokratie oder Diktatur, S. 84; aus dem stenographischen Bericht der Versammlung. Aus englischer Sprache rückübersetzt.

7 Chris Harman, The Lost Revolution: Germany 1918-23 (London, 1997; Chicago, Haymarket Books, 2017)

8 In dem sogenannten Münchner Dolchstoß-Prozeß (Oktober 1925) in schilderte der General Groener unter Eid die Abmachung von Eberts mit dem Groszen Generalstab wie folgt: „Am 29. Dezember hat dann Ebert Noske herangerufen, um die Truppen gegen Spartakus zu führen. Am 29. Dezember versammelten sich die Freiwilligenverbände, und nun konnte der Kampf vor sich gehen.“ (Quelle: Paul Frölich, Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat, 4. deutsche Ausgabe, E.V.A., Frankfurt am Main, 1967, letztes Kapitel: „Der Weg zum Tod“, S.333.

9 Klaus Gietinger, Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Edition Nautilus / Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 2009, Dokument 5, S. 396f. Auch: Die Spur der Mörder führt in die Reichskanzlei. Rekonstruktion einer Bluttat vor 80 Jahren. Zum Gedenken an Karl und Rosa” (Gietinger. Quelle: Neues Deutschland, 9/10 Januar 1999.)

Quelle: Philippe Bourrinet, 12. September 2017. Dritter Teil von “Les conseils ouvriers en Allemagne 1918-23” in Controverses. Forum pour une Gauche Communiste Internationale. No. 5. Mai 2018. S. 31. Einige Korrekturen und Quellen sind entnommen von der Englischen Übersetzung in A Free Retrievers Digest.


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Rosa Luxemburg: Eberts Mamelucken

Das Werk der Reichskonferenz der A.- u. S.-Räte ist würdig gekrönt. Nachdem sie dem gegenrevolutionären Hauptquartier Eberts die stärkste Unterstützung geliehen, nachdem sie sich von der Straße, von den revolutionären Massen des Proletariats abgesperrt, hat sie damit geendet, sich selbst zu entleiben, den A.- u. S.-Räten den Todesstoß zu versetzen!

Arbeiter-und Soldatenräte, Berlin
Reichsrätekongress. Eröffnungsrede von Richard Müller. Bundesarchiv, Bild 146-1972-038-36 / Sennecke, Robert. Wikimedia Commons.

Mit welcher Ungeniertheit, mit welchem Zynismus die Ebert-Leute die Konferenz wie einen Hampelmann in Bewegung setzten, auf die parlamentarische Ungeschultheit und Unbeholfenheit der Arbeiter- und Soldatendelegierten bauend, dafür nur zwei Beweise.

Am Mittwoch Abend tauchte plötzlich in ganz unauffälliger, beiläufiger Weise ein Antrag Lüdemann“ auf, der verlangte, „bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung“ die gesamte gesetzgebende und vollziehende Gewalt der Reichsleitung – d. h. dem Ebertschen Kabinett – zu übertragen. Dieser Antrag ist zwischen Tür und Angel am Mittwoch Abend ohne jede Debatte angenommen worden! Und der Kongreß wurde es nicht gewahr, daß er dabei bereits die „anderweitige Regelung“ der Dinge durch die Nationalversammlung vorwegnahm, ehe über die Frage der Nationalversammlung auch nur debattiert, geschweige irgendein Beschluß gefasst worden war! Am Donnerstag steht auf der Tagesordnung die Frage, ob überhaupt die Nationalversammlung einberufen werden soll, und am Mittwoch Abend lässt die Ebert-Clique den Kongreß beschließen, daß der Nationalversammlung die endgültige Regelung der Verhältnisse zustehe und daß die ganze politische Macht ungesäumt dem Ebert-Kabinett zu übergeben sei! Der Kongreß wurde dazu verleitet, die eigenen Debatten über die Kardinalfrage der Revolution im Voraus als abgekartete Sache, als Komödie hinzustellen.

Zweites Beispiel: Am Donnerstag, nach den Referaten und den Schlussworten zum Punkt „Nationalversammlung“ wird zur Abstimmung geschritten. Aus der Menge von Anträgen werden zwei entscheidende herausgegriffen: der Antrag Däumig, der die prinzipielle Frage Nationalversammlung oder Räteverfassung formuliert, und ein Antrag des Ebert-Lagers, der den Wahltermin zur Nationalversammlung auf den 19. Januar festsetzt.

Jeder Abc-Schütze begreift, daß, ehe man über den Wahltermin beschließt, erst die Grundfrage entschieden werden muss, ob überhaupt zur Wahl geschritten werden soll. Bevor das Datum feststeht, an dem der Räteverfassung der Garaus gemacht werden soll, muß man sich prinzipiell dazu äußern, ob ein solcher Streich fallen soll oder nicht.

Der Vorsitzende Leinert denkt aber über die A.- u. S.-Delegierten dieses Kongresses wie die Unternehmer alten Stils über ihre Arbeiter: „Denen kann man alles bieten.“ Und richtig! Der Kongreß lässt es ruhig geschehen, daß zuerst über den Wahltermin und dann über die Däumigsche Prinzipienfrage abgestimmt wird, als sie durch einen einfachen Trick vorweg entschieden war!

Mit alledem wollen wir beileibe nicht etwa dartun, daß der Kongreß sich durch lauter äußerliche Unachtsamkeiten und Unbeholfenheiten wie ein unerfahrenes Mägdelein in die Sünde vom tückischen Verführer habe verstricken lassen. Die Zusammensetzung dieses Kongresses, sein Verhalten von Anfang bis Ende stellt ihm das Attest entschlossener, unentwegter Parteinahme für das Lager der Scheidemannchen Konterrevolution aus. Die ungenierten Manöver der Ebert-Clique enthüllen nur, daß sie den Rätekongreß direkt zu ihrer Mameluckengarde degradiert, daß sie in diesem ersten Kongreß der Revolution alle die alten Tricks und Regiekünste erneuert – und mit Glück erneuert! – hat, mit denen die ScheidemannLegien, die „Instanzen“ der alten Partei und Gewerkschaften, die Arbeiterschaft korrumpierten und gängelten, um sie für den moralischen Kladderadatsch des 4. August reif zumachen

Der Rätekongreß tat denn auch als williges Werkzeug der Gegenrevolution noch den letzten Schritt: Er lehnte noch ausdrücklich jede Mitwirkung des Vollzugsrats an der gesetzgebenden Gewalt des Rates der Volksbeauftragten ab und stattete die Ebertsche Regierung in Wirklichkeit mit diktatorischen Vollmachten aus!

Der Kongreß der A.- u. S.-Räte krönt sein Werk damit, daß er die A.- u. S.-Räte jeder Macht entblößt und sie der Ebert-Clique gibt, die den Putsch des 6. Dezember, die 14 Leichen der Chausseestraße, die Konspirationen der Marten und Lorenz auf dem Gewissen hat!

Der Ausgangspunkt und die einzige greifbare Errungenschaft der Revolution des 9. November war die Bildung der A.- u. S.-Räte. Der erste Kongreß dieser Räte schließt damit, daß er diese einzige Errungenschaft zunichte macht, dem Proletariat seine Machtposition entreißt, das Werk des 9. November abbaut, die Revolution zurück revidiert!

Hier schneidet sich jedoch die gegenrevolutionäre Mache durch Übereifer ins eigene Fleisch. Die Mamelucken der Ebert-Garde haben ihren blinden Gehorsam zu weit getrieben. Der überspannte Bogen schnellt den Pfeil auf den Schützen zurück.

Da der Rätekongreß die Körperschaft selbst, von der er seine Vollmachten erhalten, die A.- u. S.-Räte, zum bloßen Schattendasein verurteilt, so hat er damit seine Vollmachten überschritten, hat das Mandat verraten, das ihm von den A.- u. S.-Räten eingehändigt war, hat den Boden aufgehoben, auf dem seine Existenz und seine Autorität fußte. Durch den Beschluss, die A.- u. S.-Räte jeder Macht zu entblößen, hat der Kongreß der A.- u. S.-Räte nicht diese, sondern sich selbst als politische Macht aufgelöst, hat seine Beschlüsse für die A.- u. S.-Räte, denen er den Todesstoß zu versetzen gedacht, null und nichtig gemacht.

Die A.- u. S.-Räte sindals politische Macht nicht aufgelöst, könnennicht aufgelöst werden. Sie existieren nicht von irgendeines Kongresses Gnaden, sie sind geboren aus der revolutionären Tat der Massen am 9. November. Die revolutionäre Masse wird den ihr zugedachten Selbstmord nichtbegehen. Die A.- u. S.-Räte werden bleiben, sie werden nunmehr mit verzehnfachter Energie ihre Macht ausbauen und ihr Daseinsrecht, die Revolution des 9. November, zu verteidigen haben. Sie werden das gegenrevolutionäre Werk ihrer ungetreuen Vertrauensmänner für null und nichtig erklären und werden die Kraft und den Mut finden, in dieser entscheidenden Stunde wie einst Luther zu erklären:

Hier steh’ ich, ich kann nicht anders!

Zwei Nachträge:

Angesichts der Tatsache, daß dem Vollzugsrat jede Mitwirkung an der gesetzgebenden Gewalt genommen und er somit zum Schattendasein einer „Kontrollinstanz“ ohne Macht und Einfluß verurteilt wird, erklärte die Fraktion der USP, nunmehr am Vollzugsrat nicht mehr teilnehmen zu können. Infolgedessen ist der Vollzugsrat nunmehr aus lauter Ebert-Leuten gewählt worden.Ebert-„Kontrolle“ über die Ebert-Regierung! Der Teufel von seiner Schwiegermutter kontrolliert! Die gesamte politische Macht und alle ihre Organe ausschließlich in den Händen der Scheidemänner!

Und doch, auch diese Schmach nicht ohne Feigenblättchen. Denn Haase bleibt im Rat der Volksbeauftragten, an die Lende Eberts als Schamgürtel geheftet. Jawohl, er bleibt! Und der Dittmann, der Barth bleiben sicher auch. Die Linke der USP zieht sich zur Rettung ihrer Ehre aus dem Vollzugsrat zurück, die Rechte bleibt standhaft als „prinzipienfester“ Deckmantel der politischen Prostitution.

Der Haase-Konventikel kneift vor dem Parteitag, um der Verantwortung, um der klaren Entscheidung zu entgehen, die innere Logik der Dinge bringt Entscheidung und Klarheit hervor. Die Parteimassen werden direkt herausgefordert und gezwungen, ihren Richterspruch zu fällen!

Der Kongreß erfährt von seinen Regisseuren die Behandlung, die er verdient hat. Nachdem er alles getan und gelassen, was die Gegenrevolution brauchte, sollte er heimgeschickt werden. Nachdem der zweite Punkt: die Nationalversammlung, erledigt war, wollte man ungeniert den Rest der Tagesordnung abwürgen. Wozu auch das unnütze Geplauder über Sozialisierung, über Frieden, da die Hauptsache: die Diktatur der Ebert-Regierung, erreicht war? Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr sollte gehen.

Der Mohr war auch dazu bereit. Aber da griff „die Straße“ ein. Bei der Enthüllung des sauberen Plans entstand auf den Tribünen ein solcher tobender, elementarer Protest, daß die Mamelucken unten im Saal denn doch Angst bekamen. Die Anhörung der beiden Referate: über die Sozialisierung und den Frieden, wurde beschlossen.

Eine leere Formalität allerdings. Zwei platonische Redeübungen zwischen Tür und Angel, angehört schon in Überziehern, „anstandshalber“.

Aber auch dieses letzte Fünklein des Schamgefühls und des Anstandes hat erst die derbe Faust der Masse von draußen herausgeschlagen.

Quelle: Die Rote Fahne (Berlin), Nr. 35 vom 20. Dezember 1918. Nach Gesammelte Werke, Band 4, Berlin 1974, S. 466-469.

Rosa Luxemburg: Reden fur die Beteiligung der KPD an den Wahlen und gegen eine wirtschaflich-politische Einheitsorganisation (Ausschnitte)

Die Ausschnitte beziehen sich auf dieselben Themen die Anton Pannekoek einen Monat später diskutiert in “Der Ausgang des Kampfes” (siehe weiter).

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Rosa Luxemburg 1910. Unknown author [Public domain], via Wikimedia Commons

(…) Wir verstehen alle und schätzen ungeheuer hoch den revolutionären Elan und die Entschlossenheit, die aus Euch allen spricht, und wenn Genosse Rühle Euch alle vor unserem Opportunismus warnte, so lassen wir diese Rüge über uns gehen. Wir haben vielleicht nicht umsonst gearbeitet, wenn wir so entschlossene Parteigenossen finden. Die Gefahr unseres Opportunismus ist nicht so groß, wie sie Genosse Rühle hier ausgemalt hat. (…)

Die Freude die ich soeben Ausdruck gegeben habe über die Stimmung, die Ihr so stürmisch ausdrückt, ist nicht ungemischt. Ich betrachte sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe die Überzeugung, Ihr wollt Euch Eurem Radikalismus ein Bißchen bequem und rasch machen, namentlich die Zurufe „Schnell abstimmen!“ beweisen das. (…)

Ich will ein kleines Beispiel dafür geben (…). Einer von den Genossen (…) verlangt, man soll überhaupt keine Zeit verschwenden. (…) Dieser Genosse hat sich auf Russland berufen (…) In Russland war die Situation, als mann die Nationalversammlung ablehnte ein bißchen ähnlich der heutigen in Deutschland. Aber habt ihr vergessen, daß vor Ablehnung der Nationalversammlung im November etwas anderes stattgefunden hat, die Machtergreifung durch das revolutionäre Proletariat? (…) Russland hatte vorher eine lange Revolutionsgeschichte, die Deutschland nicht hat. In Russland beginnt die Revolution nicht in März 1917, sondern bereits im Jahre 1905. (…) Ihr habt nichts hinter Euch als die elende halbe Revolution vom 9. November. (…)

(…) Die Aufgaben sind gewaltig, die münden in die sozialistische Weltrevolution. Aber was wir bisher in Deutschland sehen, das ist noch die Unreife der Massen. Unsere nächste Aufgabe ist, die Massen zu schulen, diese Aufgaben zu erfüllen. Das wollen wir durch den Parlementarismus erreichen. (…) gerade dank der Unreife der Massen, (…) ist es der Gegenrevolution gelungen, die Nationalversammlung als ein Bollwerk gegen uns aufzurichten. Nun führt der Weg durch dieses Bollwerk hindurch. (…) Wenn die Masse so reif ist, so wird sich ja das kleine Häuflein, die Minderheit, zur herrschenden Macht gestalten, so werden sie uns die Macht geben, von innen heraus diejenigen aus dem Tempel zu weisen, die nichts darin zu suchen haben, unsere Gegner, die Bourgeoisie, die Kleinbürger, usw. (…)

Genossen! Ich bedauere nicht nur [nicht], daß in der heutigen Debatte eine sogenannte Gewerkschaftsdebatte sich entwickelt, sondern ich begrüße es. Es versteht sich von selbst, daß in dem Moment, wo wir an die Aufgabe herantreten, die wirtschaftlichen Aufgaben zu behandeln, wir sofort stolpern über den großen Wall, der in den Gewerkschaften vor uns aufgerichtet ist. Die Frage des Kampfes für die Befreiung ist identisch mit die Frage der Bekämpfung der Gewerkschaften. (…) Die offiziellen Gewerkschaften haben sich im Verlaufe des Krieges und in der Revolution bis zum heutigen Tage als eine Organisation des bürgerlichen Staates und der kapitalistischen Klassenherrschaft gezeigt. (…)

Ich muß mich entschieden gegen die Anregung der Genossen aussprechen, die hier in einem Bremer Antrag die sogenannte Einheitsorganisation vorschlagen. Sie haben eins nicht bemerkt. Wir sind daran, die Arbeiter- und Soldatenräte zu Trägern sämtlicher politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse und Machtmittel der Arbeiterklasse auszugestalten. (…)

(…) Wir ersetzen die Gewerkschaften durch ein neues System auf ganz neuer Grundlage. Die Genossen, die eine Einheitsorganisation propagieren, scheinen befangen in den Gedanken … [Auslassung in der Quelle]

Das waren Mittel und Wege, die mann ergreifen konnte vor der Revolution. Heute müssen wir uns auf das System der Arbeiterräte konzentrieren, müssen die Organisationen nicht durch Kombination der alten Formen, Gewerkschaft und Partei, zusammengeschlossen, sondern auf ganz neue Basis gestellt werden. Betriebsräte [sic; F.C.], Arbeiterräte, und weiter aufsteigend, ein ganz neuer Aufbau, der nichts mit den alten, überkommenen Traditionen gemein hat.

Es geht nicht an, zwischen Tür und Angel einen solchen Antrag von Bremen und Berlin anzunehmen. Auch die Parole des Austritts aus den Gewerkschaften hat einen kleinen Haken für mich. Wo bleiben die kolossalen Mittel in den Händen jener Herren? (…)

Quelle: Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (31. Dezember 1918 – 1. Januar 1919, Berlin) in Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 481–487.

Liebknechts letzte Arbeit: Trotz alledem!

Generalsturm auf Spartakus!

»Nieder mit den Spartakisten!« heult es durch die Gassen.

»Packt sie, peitscht sie, stecht sie, schießt sie, spießt sie, trampelt sie nieder, reißt sie in Fetzen!«

3 KLiebknecht
Karl Liebknecht. Copyright G. G. Bain [Public domain], via Wikimedia Commons

Greuel werden verübt, die jene belgischen Greuel deutscher Truppen in den Schatten stellen.

»Spartakus niedergerungen!« jubiliert es von »Post« bis »Vorwärts«.

»Spartakus niedergerungen!« Und die Säbel, Revolver und Karabiner der wiederhergestellten altgermanischen Polizei und die Entwaffnung der revolutionären Arbeiter werden seine Niederlage besiegeln.

»Spartakus niedergerungen!« Unter den Bajonetten des Oberst Reinhardt, unter den Maschinengewehren und Kanonen des Generals Lüttwitz sollen die Wahlen zur Nationalversammlung vollzogen werden ein Plebiszit für Napoleon-Ebert.

»Spartakus niedergerungen !« Jawohl! Geschlagen wurden die revolutionären Arbeiter Berlins! Jawohl! Niedergemetzelt an die hundert ihrer Besten! Jawohl! In Kerker geworfen viele Hunderte ihrer Getreuesten!

Jawohl ! Sie wurden geschlagen. Denn sie wurden verlassen von den Matrosen, von den Soldaten, von den Sicherheitsmannschaften, von der Volkswehr, auf deren Hilfe sie fest gebaut hatten. Und ihre Kraft wurde gelähmt durch Unentschlossenheit und Schwäche ihrer Leitung. Und die ungeheure gegenrevolutionäre Schlammflut aus den zurückgebliebenen Volksteilen und den besitzenden Klassen ersäufte sie.

Jawohl, sie wurden geschlagen. Und es war historisches Gebot, daß sie geschlagen wurden. Denn die Zeit war noch nicht reif. Und dennoch der Kampf war unvermeidlich. Denn das Polizeipräsidium, dieses Palladium der Revolution, den Eugen Ernst und Hirsch kampflos preisgeben, wäre ehrlose Niederlage gewesen. Der Kampf war dem Proletariat aufgezwungen von der Ebert-Bande; und elementar brauste er aus den Berliner Massen hervor über alle Zweifel und Bedenken hinweg.

Jawohl! Die revolutionären Arbeiter Berlins wurden geschlagen! Und die Ebert-Scheidemann-Noske haben gesiegt. Sie haben gesiegt, denn die Generalität, die Bürokratie, die Junker von Schlot und Kraut, die Pfaffen und die Geldsäcke und alles, was engbrüstig, beschränkt, rückständig ist, stand bei ihnen. Und siegte für sie mit Kartätschen, Gasbomben und Minenwerfern.

Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen.

Die Besiegten der blutigen Januarwoche, sie haben ruhmvoll bestanden; sie haben um Großes gestritten, ums edelste Ziel der leidenden Menschheit, um geistige und materielle Erlösung der darbenden Massen; sie haben um Heiliges Blut vergossen, das so geheiligt wurde. Und aus jedem Tropfen dieses Bluts, dieser Drachensaat für die Sieger von heute, werden den Gefallenen Rächer erstehen, aus jeder zerfetzten Fiber neue Kämpfer der hohen Sache, die ewig ist und unvergänglich wie das Firmament.

Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein. Denn die Niederlage ist ihre Lehre. Noch entbehrt ja das deutsche Proletariat der revolutionären Überlieferung und Erfahrung. Und nicht anders als in tastenden Versuchen, in jugendhaften Irrtümern, in schmerzlichen Rückschlägen und Mißerfolgen kann es die praktische Schulung gewinnen, die den künftigen Erfolg gewährleistet.

Für die lebendigen Urkräfte der sozialen Revolution, deren unaufhaltsames Wachstum das Naturgesetz der Gesellschaftsentwicklung ist, bedeutet Niederlage Aufpeitschung. Und über Niederlage und Niederlage führt ihr Weg zum Siege.

Die Sieger aber von heute? Für eine ruchlose Sache verrichteten sie ihre ruchlose Blutarbeit. Für die Mächte der Vergangenheit, für die Todfeinde des Proletariats.

Und sie sind schon heute unterlegen! Denn sie sind schon heute die Gefangenen derer, die sie als ihre Werkzeuge zu gebrauchen dachten und deren Werkzeuge sie seit je waren.

Noch geben sie der Firma den Namen. Aber nur eine kurze Galgenfrist bleibt ihnen.

Schon stehen sie am Pranger der Geschichte. Nie waren solche Judasse in der Welt wie sie, die nicht nur ihr Heiligstes verrieten, sondern auch mit eigenen Händen ans Kreuz schlagen. Wie die offizielle deutsche Sozialdemokratie im August 1914 tiefer sank als jede andere, so bietet sie jetzt, beim Morgengrauen der sozialen Revolution, das abscheuerregendste Bild.

Die französische Bourgeoisie mußte die Junischlächter von 1848 und die Maischlächter von 1871 aus ihren eigenen Reihen nehmen. Die deutsche Bourgeoisie braucht sich nicht selbst zu bemühen »Sozialdemokraten« vollführen das schmutzig-verächtliche, das blutig-feige Werk; ihr Cavaignac, ihr Gallifet heißt Noske, der »deutsche Arbeiter« .

Glockengeläute rief zur Schlächterei, Musik und Tücherschwenken, Siegesjubel der vom »bolschewistischen Schrecken« geretteten Kapitalisten feiert die rettende Soldateska. Noch raucht das Pulver, noch schwelt der Brand des Arbeitermordes, noch liegen die getöteten, noch stöhnen die verwundeten Proletarier, da halten sie Parade über die Mördertruppen, aufgebläht im Siegerstolze, die Ebert, Scheideman und Noske.

Drachensaat ! Schon wendet sich das Proletariat der Welt schaudernd von ihnen. die es wagen, ihre vom Blut der deutschen Arbeiter dampfenden Hände der Internationale entgegenzustrecken! Mit Abscheu und Verachtung werden sie sogar von denen zurückgestoßen, die im Toben des Weltkrieges selbst die Pflichten des Sozialismus preisgegeben hatten. Beschmutzt, ausgestoßen aus den Reihen der anständigen Menschheit, hinausgepeitscht aus der Internationale, gehaßt und verflucht von jedem revolutionären Proletarier, so stehen sie vor der Welt.

Und ganz Deutschland ist durch sie in Schande gestürzt. Bruderverräter regieren das deutsche Volk, Brudermörder. »Schreibtafel her, ich muß es schreiben

Oh, ihre Herrlichkeit kann nicht lange währen; eine Galgenfrist, und sie werden gerichtet sein.

Feuerbrände schleudern ihre Thesen in Millionen Herzen, Feuerbrände der Empörung.

Die Revolution des Proletariats, die sie im Blute zu ersäufen dachten, sie wird sich über sie erheben, riesengroß. Ihr erstes Wort wird sein: Nieder mit den Arbeitermördern Ebert-Scheidemann-Noske!

Die Geschlagenen von heute, sie haben gelernt. Sie sind geheilt vom Wahne, ihr Heil in der Hilfe verworrener Truppenmassen finden zu können; geheilt vom Wahne, sich auf Führer verlassen zu können, die sich kraftlos und unfähig erwiesen; geheilt vom Glauben an die unabhängige Sozialdemokratie, die sie schnöde im Stich ließ. Nur auf sich selbst gestellt, werden sie ihre künftigen Schlachten schlagen, ihre künftigen Siege erfechten. Und das Wort, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das eigene Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, es hat durch die bittere Lehre dieser Woche eine neue, tiefere Bedeutung für sie gewonnen.

Und auch jene irregeleiteten Soldaten werden bald genug erkennen, welches Spiel mit ihnen getrieben wird, wenn sie die Knute des wiederhergestellten Militarismus von neuem über sich fühlen; auch sie werden erwachen aus dem Rausch, der sie heute umfängt.

»Spartakus niedergerungen!« O gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen. Und wenn sie uns in Bande werfen ­ wir sind da, und wir bleiben da ! Und der Sieg wird unser sein.

Denn Spartakus das heißt: Feuer und Geist, das heißt: Seele und Herz, das heißt Wille und Tat der Revolution des Proletariats. Und Spartakus das heißt alle Not und Glückssehnsucht, alle Kampfentschlossenheit des klassenbewußten Proletariats. Denn Spartakus, das heißt Sozialismus und Weltrevolution.

Noch ist der Golgathaweg der deutschen Arbeiterklasse nicht beendet aber der Tag der Erlösung naht. Der Tag des Gerichts für die Ebert-Scheidemann-Noske und für die kapitalistischen Machthaber, die sich noch heute hinter ihnen verstecken. Himmelhoch schlagen die Wogen der Ereignisse wir sind es gewohnt, vom Gipfel in die Tiefe geschleudert zu werden. Aber unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest und stolz dahin bis zum Ziel.

Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!

Unter dem Dröhnen des herangrollenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs werden die noch schlafenden Scharen der Proletarier erwachen wie von den Posaunen des Jüngsten Gerichts, und die Leichen der hingemordeten Kämpfer werden auferstehen und Rechenschaft heischen von den Fluchbeladenen. Heute noch das unterirdische Grollen des Vulkans morgen wird er ausbrechen und sie alle in glühender Asche und Lavaströmen begraben.

Quelle: Rote Fahne, 15. Januar 1919.
Arbeiterpolitik, 4. Jg. (1919), Nr. 5 (1. Februar). – S. 343-344

 

Anton Pannekoek in Arbeiterpolitik:
“Der Ausgang des Kampfes”

Die Niederlage der Kommunisten in Berlin wird vorläufig von entscheidender Bedeutung für ganz Deutschland, vielleicht auf lange Zeit entscheidend für den Sozialismus in ganz Europa sein. Den sie bedeutet die Wiederherstellung der Kapitalherrschaft, gesichert durch verhüllte Militärdiktatur. Diese mag Ebert und Scheidemann noch eine zeitlang als Puppen behalten, solange es nötig scheint, Arbeiter durch Betrug zu gewinnen: aber dann werden sie fallen. Und damit die ganze Schimäre des „sozialistischen“ Staates, womit Millionen Proletarier zwei Monate lang genarrt wurden.

Wo liegen die Wurzeln der Niederlage des Proletariats? Das Wort Unreife besagt noch nichts. Man muß wissen, worin diese Unreife bestand: denn nur so ist die Kraft für spätere erfolgreichere Kämpfe zu gewinnen. Will man alles in eine einzige Formel zusammenfassen, so kann man sagen: die Erbschaft der alten Sozialdemokratie hat die Niederlage bewirkt. Und der künftige Sieg wird nur kommen durch Abschüttelung dieser Erbschaft.

Freilich: nicht bloß ein Schuldkonto hat die sozialdemokratische Vergangenheit. Aus der 50jährigen Propaganda und Schulung hat die deutsche Arbeiterschaft ein tiefes Klassenbewusstsein mitgebracht. Daß alle gleichsam sofort wußten, daß Kapital und Arbeit einander gegenüberstehen, und daß nur der Sturz der Kapitalherrschaft Freiheit bringen könne – was z.B. in Russland bei der Revolution die Massen erst mühsam erlernen mußten – das hat der deutschen Revolution ein schnelles Tempo gegeben und bewirkt, daß die Arbeiter sofort überall stürmisch vordrangen bis zu den fernsten Machtpositionen. Ziel und Kampffront kannten sie sofort. Daß sie sich aber inbezug auf den Weg zum Ziele, über die Scheidungslinie betrügen ließen, daß sie zu einem Teil die Agenten des Kapitals als Führer und Helfer ansahen und in den entscheidenden Momenten nicht das richtige Handeln trafen, das ist den Kampf- und Denkformen zuzuschreiben, die die alte Sozialdemokratie in ihrer Zeit der Verknöcherung in de Massen eingeprägt hatte.

Über die alte Mehrheits-Partei braucht nicht viel gesagt zu werden. Nur beschränkte, kleinbürgerlich denkende Arbeiter – aber deren gab und gibt es noch viele – konnten glauben daß Ebert und Scheidemann den Sozialismus bringen würden, und daß sie es gekonnt hätten, wenn sie nur wollten. Die Wahrheit, daß der Sozialismus und die Freiheit nur von den Arbeitern selbst erkämpft werden kann, wo sie dem Kapital selbst gegenüberstehen, in den Arbeitsstätten, den Straßen – diese Wahrheit braucht nicht einmal betont zu werden. Denn die Praxis des Handelns der „Volksbeauftragten“ muß jedem die Augen darüber öffnen, daß all ihr Handeln nur gegen die Arbeiter gerichtet war und auf die Wiederbefestigung der alten „Ordnung“ und der alten Gewalten hinzielte. Für das Proletariat hatten sie schöne Worte, wie Sozialismus, Freiheit, u.d.; aber ihre Taten – und dasselbe gilt für all ihre Anhänger den Hauptteil, das Partei- und Gewerkschaftsbeamtentums – kennzeichnen sie als Handlanger der Reaktion, als ergebenen Diener des Kapitals. Ist das sonderbar? Wiederherstellung der alten Ordnung bedeutet für sie Wiederherstellung der Zustände, unter denen sie sich schön und gut befanden und eine bedeutende Rolle spielten, mit der Hoffnung, noch höhere Posten zu erreichen. Von einer proletarischen Revolution dagegen hatten sie wenig Besserung zu erwarten.

Allerdings wäre es nicht gerecht, die Bedeutung der alten sozialdemokratischen Prinzipien für die heutigen Kämpfe nach den Taten der Verräter dieser Prinzipien zu beurteilen. Die Hüter der echten radikalen sozialdemokratischen Parteitradition sind die Unabhängigen. Die unabhängige Partei hat noch große Massen von Arbeitern hinter sich, die aufrichtig den Sozialismus wollen und jedes Kompromiß mit der Bourgeoisie verwerfen. Manche, auch unter den Führern, sind revolutionär gesinnt, reden eine revolutionäre Sprache, und halten somit die Masse in ihrem Banne. Was war ihre Rolle? Dieselbe wie vor dem Kriege und während des Krieges: sie haben radikale Worte gegeben als Ersatz für radikale Taten. Die alte Sozialdemokratie in ihrer guten Zeit gebrauchte immer große radikale Worte: das war ihr Recht, als darin die aufrichte Absicht steckte: wir sind noch schwach, aber in dem Maße, als wir stärker werden, werden unsere Taten dem mehr entsprechen. Aber als gehandelt werden mußte, blieben als die schlimmste Erbschaft die Worte, denen mann keine Taten folgen zu lassen beabsichtigte. Wie sehr die Gewohnheit der Wortproteßten den Leuten ins Blut steckte, zeigte ein zufälliger Vorgang: als während der Ebert-Haase Regierung die Ukrainer Revolutionäre sich beklagten, daß die „deutsche Regierung die deutschen Soldaten gegen sie kämpfen ließ, antworteten die Unabhängigen: wir mißbilligen dies aufs Schärfste; wir haben dagegen energisch protestiert. Also, was wollt ihr noch mehr? Wir haben unsere Schuldigkeit getan! Und das ist auch ihre Rolle gewesen während der Berliner Kämpfe, die entscheidend für den Fortgang der Revolution waren. Durch ihren Wortradikalismus hielten sie große Massen von Berliner Arbeitern zuerst an sich gekettet, und dann vom Kampfe zurück.

Hätte der Spartakusbund sich viel früher von der Gemeinschaft mit den Unabhängigen frei gemacht, so wäre der gang der Ereignisse vielleicht anders gewesen. Dann wäre die kleinere, aber zuverlässige Truppe nicht so rasch in einen Entscheidungskampf hineingedrängt worden. Jetzt übte er freilich seinen Einfluß auf die ganze radikale Berliner Arbeiterschaft; aber er hatte sie nicht völlig für sich. Das zeigte sich schon in dem Schwanken der revolutionären Obleute der Betriebe, ob sie bei der Trennung ganz mit den Kommunisten mitgehen sollten; die alte Ergebenheit an den Unabhängigen hielt sie fest. Als nun die Reaktion vordrang und Eichhorn beseitigten wollten, traten die Massen zu seiner Verteidigung auf, die Unabhängigen riefen zum Kampfe und die Kommunisten traten in den vordersten Reihen. Dann aber gingen die Unabhängigen sofort ans Verhandeln mit der Regierung; sie glaubten damit, Ebert zu schwächen, aber die einzige Wirkung war, daß sie ihre eigenen Massen flau machten, während Ebert die reaktionären Truppenteile mit Geschützen kommen ließ. Sie erhoben den Ruf nach „Einstellung des Brudermordes“ – als ob der Klassenkampf zwischen Soldaten der Reaktion und revolutionären Arbeitern ein Bruderzwist wäre! und lähmten damit die Aktion der Arbeiter; aus Furcht vor dem Kampf zogen sie ihre Massen aus dem Kampf und ließen die Kommunisten verbluten. Und als Ebert gesiegt hatte, erschien in der „Freiheit“ ein „Proteststurm“, eine lächerliche Reihe von Resolutionen von Arbeitergruppen, die Eberts Zurücktreten forderten – als ob er, als ob die siegreiche Reaktion weichen würde vor den machtlosen Worten derer, die die Kämpfer in den Stich gelassen und dadurch die Niederlage verschuldet hatten! Als ob die Welt durch Worte bewegt wird und nicht durch Taten, durch Hingabe der ganzen Person!

Woher immer diese Wankelmütigkeit, diese Wollen-und-nicht-können, dieser Zwiespalt zwischen Wortradikalismus und Tatenfurcht? Weil die Unabhängigen, als die Hüter einer nicht mehr zeitgemäßen Theorie, zwar oft revolutionär sein möchten, aber mit ihrer Einsicht, ihrer Erkenntnis den Sozialpatriotten wesensgleich sind, daher diese hartgesottenen Reaktionäre immer als verirrte Brüder ansehen und mit ihnen zusammengehen möchten, daher auch vor derjenigen Taten, die jetzt nötig sind, zurückschrecken weil sie nicht zu ihrer alten Theorie passen. Die sozialdemokratischen Lehren aus der Zeit vor dem Kriege sind jetzt das schlimmste Hemmnis für die proletarische Revolution geworden. Nur wer diese überwindet, kann ein fester Kämpfer für die neue Welt sein. Nichts is daher so notwendig als unaufhaltsam Aufklärung bringen über das Wesen des Kommunismus und seinen Unterschied gegen die sozialdemokratische Anschauungsweise. Dann werden die Arbeiter die Lehren verstehen, die aus der Praxis dieser entscheidenden Zeiten auf sie einstürmen.

Quelle: Der Ausgang des Kampfes / K[arl]. Horner [Anton Pannekoek]

In: Arbeiterpolitik, 4. Jg. (1919), Nr. 5 (1. Februar). – S. 342-343

Transkription F.C. November 2018

 

Anton Pannekoek in Arbeiterpolitik:
Der internationale Kommunismus”

In ganz Europa breitet sich der Kommunismus aus, der den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat bewußt führt um die proletarische Diktatur zu errichten. Nicht in allen Ländern ist der Kampf zu derselben Höhe der Entwicklung und damit zu demselben Grad der inneren Klarheit gediehen. In de rückständigsten Ländern zeigt er sich nun erst als eine spontane Auflehnung gegen die Bourgeoisie und die alte Sozialdemokratie, ohne noch zu einer neuen Anschauung fortzuschreiten. In den fortgeschrittensten Ländern hat er zu einer neuen geistigen Orientierung, zu einer neuen Anschauungsweise geführt, den wir Kommunismus nennen. Aber überall findet die neue Richtung die ganze bürgerliche Welt, einschließlich der bisherigen Sozialdemokratie gegen sich.

Zentrum und Hochburg des Kommunismus und der proletarischen Revolution bildet die russische Republik. Hier sind, aus der Not der Praxis spontan aufwachend, die Formen geschaffen worden, die das Wesen des Kommunismus bestimmen und den Arbeitern anderer Länder als Vorbild dienen: die Formen der proletarischen Klassenherrschaft im Gegensatz zu der formellen bürgerlichen Demokratie, zu der sich überall die Sozialdemokratie bekannte. Gegen die Ausnutzung der formellen Demokratie durch die Arbeiter in der früheren Periode konnte die Bourgeoisie nicht viel einwenden und auch nicht viel machen: sie hat sich auch als nicht direkt gefährlich gezeigt. Aber gegen die Aufrichtung einer Klassenherrschaft des Proletariats, gegen die proletarische Diktatur muß sie sich mit allen Mitteln zur Wehr stellen; denn das gilt ihre Existenz als ausbeutende Klasse. Daher der ständige Kampf mit allen Mitteln gegen das bolschewistische Russland. Zuerst schnitt der deutsche Imperialismus die besten Lebensmittel- und Rohstoffgebiete von ihm ab. An allen Seiten wurde es umgeben von feindlichen Randstaaten. Dann trat der Ententeimperialismus als sein hartnäckiger und mächtiger Feind auf. Er stachelte die Tschechoslowaken im Ural an, schickte ihnen Waffen und Hilfskorps und drang vom Norden, vom Eismeer vorwärts. Aber auch in anderer Weise, auf dem Wege der Verschwörung, suchte er die Sowjetrepublik zu vernichten. In dem Genfer Blatt “La Nouvelle Internationale” vom 23. November wird ein Brief abgedruckt von Herrn Marchand, Korrespondent des Figaro, eines Patrioten ohne bolschewistische Sympathien, am 4. September an den Präsidenten Poincaré gerichtet; dort beschreibt der Verfasser mit Empörung die Verschwörung der Entente-Konsuln in Petrograd, bei der er zugegen war, und die beabsichtigte, durch Sprengung der Eisenbahnbrücken in Petrograd eine künstliche Hungersnot und dadurch eine Rebellion hervorzurufen. Diese Verschwörung ist auch von der Sowjetregierung ans Licht gezogen und sie wirft Licht auf die Mittel, die der Ententeimperialismus im Kampfe gegen den Kommunismus für erlaubt hält.

Mit dem Zusammenbruch des deutschen Imperialismus bekamen die Ententeregierungen die Hände im Osten frei. Sie schickten die Balkanarmee nach Odessa und Bessarabien und eine Flotte nach Estland. Es schien, als sollte eine große militärische Expedition Russland von allen Seiten angreifen. Nachher sind offenbar Bedenken gekommen. Einerseits war die Sache militärisch wohl nicht so leicht: eine große Armee in die endlosen Steppen hineinschicken, um eine Bevölkerung von fünfzig Millionen, die sich selbst befreite, wieder in die alte Knechtschaft zurückzuzwingen, hat große Schwierigkeiten.

Und dann zeigte sich in England und Frankreich unter den Massen ein immer größerer Unwillen, sich für einen solchen Krieg gebrauchen zu lassen. Dadurch wird ein direkter Angriffskrieg in hohem Maße gelähmt. Das bedeutet nicht, daß das Ententekapital seine Absichten aufgibt und den Russischen Kommunismus unbehelligt lassen will. Es verharrt bei der Absicht, ihn möglichst zu schwächen. Es unterstützt die Truppen in den feindlichen Randgebieten, die Kosacken, die Ukrainer, die Finnen, die Tschechoslowaken, die reaktionären russischen Generäle dadurch, daß es ihnen Offiziere und vor Allem Geschütze und Kriegsmaterial – das jetzt massenhaft freigekommen ist – zur Verfügung stellt; und daneben versucht es aus den Hunderttausenden russischen Kriegsgefangenen, die jetzt unter seiner Aufsicht aus Deutschland zurückbefördert werden, Armeen gegen die Sowjetregierung zu bilden. Zugleich will die englische Regierung – laut ihres Vorschlages in Paris – in listiger Weise die moralische Kraft der Sowjetregierung schwächen durch die Einladung zu einem Kompromiß und einer Wiederherstellung der bürgerlichen Demokratie, und dann aus der Ablehnung dieser Zumutung den eigenen Arbeitern die Verrücktheit des Bolschewismus zu demonstrieren.

Während in Russland der Kommunismus sich noch kräftig behauptet, greift er in den besiegten Mittelstaaten Europas immer weiter um sich. In Deutschland haben die bisherigen Kämpfe äusserlich eine Niederlage gebracht, die beweist, daß der Kommunismus noch nicht allseitig die ganze arbeitende Masse ergriffen hat; aber sie haben bewirkt, daß für den Kern des Proletariats jetzt der gegensätzliche Charakter von Kommunismus und Sozialdemokratie klar hervortritt. In Ungarn und Österreich verbreitet sich der Kommunismus unter den Arbeitern immer mehr; die furchtbare Arbeitslosigkeit und die Lebensmittelnot treiben sie in die Opposition zu den von Sozialdemokraten gebildeten Regierungen.

Aber wie steht es in den Ententeländern selbst? Wir sind gegen den Bolschewismus gefeit, erklärte ein französischer Politiker, durch unseren Sieg; der Bolschewismus ist eine Krankheit besiegter Völker. Biß zu einer gewissen Höhe hatte er Recht. Denn erstens steigert die Niederlage im Krieg das Kriegselend im höchsten Maße, und dann ist eine besiegte Regierung so sehr geschwächt, daß sie leicht gestürzt werden kann. In den Ententeländern sind daher die Symptome anders und ist die Bewegung notwendig rückständig und weniger bewußt. Die englischen Proletarier sind in ihrer Masse noch nicht für den Kommunismus, aber sie sind auch nicht bereit, in den Krieg zu ziehen; aber jetzt drängen sie stürmisch auf Demobilisierung. So lähmen sie die Regierung in hohem Maße in dem Kampf gegen den ausländischen Kommunismus. Das ist der Hauptgrund, weshalb es zu einem kräftigeren Auftreten gegen Russland – und in Zukunft gegen Deutschland – nicht kommen kann.

Aber daneben ist es nicht zu bezweifeln, daß auch der Kommunismus selbst in diesen Ländern an Boden gewinnt. Wir erfahren wenig davon, weil noch immer die strengste Zensur den Briefverkehr und die Zeitungen bewacht. Aber gerade die Tatsache, daß diese Zensur noch immer so streng gehandhabt wird, beweist, wie sehr die Regierungen dort dem Eindringen bolschewistischer Ideen und wahrheitsgetreuer Nachrichten aus Russland fürchten. Aus der Zeit der englischen Parlamentswahlen wurde über eine Versammlung in London berichtet, wo Muir von der Gasarbeiterunion den Bolschewismus verteidigte; ähnliche sind wohl anderswo vorgekommen; und in Glasgow erhielt Meclean [John MacLean], ein gründlich marxistisch durchgebildeter Kommunist, der während des Krieges Werftarbeiterstreiks leitete und lange Jahre verhaftet war, eine große Stimmenzahl. In England lehnt die kommunistische Bewegung an die spontane Streikbewegung an, die schon in den Jahren vor dem Krieg gegen den Willen der großen Gewerkschaften in den Arbeitermassen aufloderte; sie findet keine bedeutende und erstarrte sozialistische Bewegung sich gegenüber, sondern eine alteingerostete Gewerkschaftsbewegung, die aus praktischen Gründen geübt wird, aber keine geistige Macht über die Köpfe besitzt, weil sie selbst keinen geistigen Gehalt besitzt.

Auch in Frankreich sucht die Zensur das Eindringen des Bolschewismus und das Durchsickern von Nachrichten nach außen zu verhindern. Das gelingt aber nicht völlig. So berichtet neulich ein holländisches Blatt (N. Rotterdamer) am 15. Januar aus Paris:

Der sozialistische Bund des Seine-Departements (De Paris) hatte am letzten Sonntag eine große Versammlung ausgeschrieben zur Besprechung der Demobilisierung, der brennendsten und schwierigsten Augenblicksfragen in Frankreich. Die Zusammenkunft war kaum vom Abgeordneten Aubriot eröffnet worden, als sich schon zeigte, daß der revolutionäre Geist die Versammlung völlig beherrschte und daß man dort die Mehrheitssozialististen Albert Thomas, Renaudel, Bracke genau so betrachtete als die Spartakusleute in Deutschland Ebert und Scheidemann betrachteten. Der Abgeordnete Bracke wurde während seiner Rede fortwährend unterbrochen von Rufen: Hoch Lenin, Hoch Trotzky, Hoch Liebknecht.

Der Abgeordnete Laval wurde zuerst angehört; als er sich aber erfrechte zu sagen, das man die französische Demokratie beleidigen würde, wenn man glaube, sie sei dem Bolschewismus verfallen, brachen aus der Versammlung heftige Proteste los und laut wurde die Internationale gesungen. Der Abgeordnete Renaudel konnte gar nicht zu Wort kommen, so heftig wurde er bei seinem ersten Auftreten niedergeschrien. Er verschwand nach einigen vergeblichen Versuchen ans Wort zu kommen. Dann versucht Kamerad Pericat dasselbe, aber jedes seiner Worte wird begrüßt durch denselben Ruf der Versammlung: Hoch Lenin, Hoch Trozky, Hoch Liebknecht. Der Vorsitzende hatte schon längst den Vorstandstisch verlassen und fand es nicht mehr nötig die Versammlung offiziell zu schließen.”

Hier zeigt sich, wie die Taten des Kommunismus in Russland und Deutschland schon bei den Pariser Arbeitern ihren Widerhall finden. Es zeigt die Stimmung der Sympathie, unter dem Einfluß der eigenen Unzufriedenheit gegen ihre Regierung – freilich auch nicht viel mehr. Wir brauchen uns keine Illusionen zu machen, als sei eine Revolution in den Ententeländern nahe. Aber diese Stimmung bewirkt jedoch, daß die Regierungen zu einem Niederwerfen der Revolution in andern Ländern nicht fähig sind. Und geht in Mitteleuropa die Revolution weiter, dann wird von dort eine neue gewaltige Treibkraft auf die Länder der Sieger wirken.

Quelle: Der internationale Kommunismus / K[arl]. Horner [Anton Pannekoek]

In: Arbeiterpolitik, 4. Jg. (1919), Nr. 5 (1. Februar). – S. 344-345.

Transkription F.C. November 2018

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