Proletariat, Fremdenfeindlichkeit und Lumpenproletarisierung

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Bild: Sahra Wagenknecht, Leiterin von Die Linke, präsentiert auf dem Deutschen Ausbildungskongress eine Anti-Immigrationsarbeit.

English improved and extended translation

1. Die Wiederbelebung der interklassistischen Fantasie des „Volkes“, einer beschissenen und utopischen Version der Nation

Von Katalonien bis zum amerikanischen Mittleren Westen, von „Brexitern“ und korsischen Independentisten bis hin zu Salvini und der deutschen AfD, überall auf der Welt hat die Kleinbourgeoisie eine führende Rolle gespielt in reaktionäre „Aufstände“ die zur Linderung der Krise führen sollten, und die zu nichts geführt haben. Darüber hinaus tritt sie nach dem Zusammenstoß mit der Realität jetzt in eine neue und unvermeidliche Phase weil sie keine Alternative hat, weil sie der Gesellschaft keine Zukunft zu bieten hat. Die einzige Möglichkeit der Kleinbürgerei besteht in die Wiederbelebung der interklassistischen Fantasie des „Volkes“, einer beschissenen und utopischen Version der Nation, die nun in ein reines Delirium, ein zombiepolitisches Subjekt verwandelt wurde.

2. Salvini (Lega) und Wagenknecht (Die Linke) verwenden die gleiche Formel: Sie verwandeln die Angst vor Abstieg ins Lumpenproletariat in Ablehnung von Migration und Bekräftigung des Nationalismus.

Und doch …. sie kommen sich sehr nahe. Der „Zusammenfluss“ auf der Grundlage der Schließung der Grenzen, mit denen der deutsche Poststalinismus von Sahra Wagenknecht1 und Oskar Lafontaine2 beabsichtigt, sich dem Sicherheits- und Fremdenfeindlichen Diskurs von SPD und Salvini „zu widersetzen“, der bereits 60% der italienischen Öffentlichkeit entspricht, hat eine gemeinsame Formel die über den traditionellen Rechts-Links-“Gegensatz“ hinausgeht: den Zusammenhang zwischen Migration und Abstieg ins Lumpenproletariat.

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Viele Arbeiter sind und werden verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Ausgrenzung und des Abstieges ins Lumpenproletariat. Sowohl Migranten als auch „Einheimische“.

3. Indem sie die Lumpenproletarisierung auf einen Teil ihrer unmittelbar bevorstehenden Opfer schiebt, macht die Fremdenfeindlichkeit die Verantwortung eines Kapitalismus unsichtbar, der nicht einmal mehr in der Lage ist, uns alle auszubeuten.

In einem Kontext, in dem das Proletariat nur punktuell und keimförmich als politisches Subjekt existiert, in dem die Auflösung der sozialen Beziehungen und der Arbeit selbst überherrschen, fühlt die überwiegende Mehrheit unserer Klasse die Drohung der Lumpenproletarisierung sehr nahe. Sie ist das erste, was dir jemand in der Nachbarschaft sagt. Es ist die Angst jedes Elternteils vor der Entwicklung der Umwelt seiner Kinder, der Abbruch von Schule und der zunehmenden Gewalt in der näheren Umgebung.

Die Angst, die durch die massive Ankunft von Einwanderern in Europa unter den Arbeitern hervorgerufen wird, ist, dass sie diesen Prozess noch mehr näher kommen werden. Ohne echte Beschäftigungsmöglichkeiten, ohne echte Bindungen zur Klasse – die überwiegende Mehrheit der in den letzten Jahren [in Spanien; Übersetzer] eingetroffenen Syrer und Afrikaner gehörte der städtischen oder bäuerlichen Kleinbourgeoisie an – werden viele von ihnen verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Ausgrenzung und und Verlumpung.

Wie wirkt die fremdenfeindliche Propaganda? Sie verbergt erstens, dass es die breiteren Massen von Arbeitslosen sind die im Lumpenproletriat absteigen werden, in den berüchtigten Kreislauf der illegalen Wirtschaft und der Kleinkriminalität. Die meisten von ihnen sind bereits hier und haben seit ihrer Geburt einen lokalen Pass. Sie sind sich selbst, wie wir, es sind die Burschen, die die Zeit vergehen lassen durch auf dem Platz herumzuhängen. Indem sie die Lumpenbildung auf einen Teil ihrer unmittelbar bevorstehenden Opfer schiebt, macht die Fremdenfeindlichkeit die Verantwortung eines Kapitalismus unsichtbar, der nicht einmal mehr in der Lage ist, uns alle auszubeuten.

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Plünderungen in Mexiko im Januar 2018

4. Das Lumpen, diese permanente Gefahr der Zersetzung der eigenen Klasse „nach unten“, ist ein wesentlicher Bestandteil der Kräfte, die versuchen, uns einzudämmen und umzuleiten

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„Lasst uns noch einmal von vorne anfangen und sie [die Einwanderer und Deutschland] loswerden.“

Und doch scheinen die Internationalisten es nicht zu erkennen. Außerdem scheint es, dass sie durch dem Fenster wieder herein lassen, wass sie der Tür gewiesen haben. Es ist kein Zufall, dass dieselben Texte3, die die Arbeiterklasse definieren als „multigeschlechtliche, multinationale, und multi-ethnische Einheit“, Plünderungen als Ausdruck der „explosiven Spontaneität des proletarischen Elements“ segnen. Sie verstehen nicht dass sich das Proletariat in seinem Entwicklungsprozess als Klasse nicht nur „nach oben“ behauptet, gegen die kleine und die grosse Bourgeoisie, sondern gegen die bürgerliche Ordnung als Ganzes. Und dass das Lumpenproletariat4, diese permanente Gefahr der Zersetzung der eigenen Klasse „nach unten“, ein wesentlicher Bestandteil der Kräfte ist, die versuchen, die Arbeiterklasse einzudämmen und aufzulösen.

Warum passiert das alles? Paradoxerweise sind viele junge Gruppen in ihren Vorstellungen immer noch mit einem produktiven Moment des Klassenlebens verbunden, der aber nicht zurückkehren wird. Andere haben vielleicht Prekarisierung mit Lumpenbildung verwechselt, ohne das eine oder andere verstehen zu können. Aber Tatsache ist, dass die meisten der Arbeiterklasse bereits in Unsicherheit leben und ihre tägliche Angst ist die Lumpenbildung.

5. Die Fremdenfeindlichkeit der italienischen Rechten und der deutschen Linken, die neostalinistische wie die neofaschistische Schlägereien, fischen in den gleichen schmutzigen Gewässern der Angst und der Realität der Lumpenproletarisierung

Die härtesten ideologischen Angriffe, unter denen die Arbeiterklasse derzeit leidet, wurden in den Heimen der Kleinbourgeoisie ausgeheckt. Auf der einen Seite der Feminismus und sein unermüdlicher Wille, die Klasse in zwei Teile zu spalten: von „Gender Streiks“ bis zum Vorschlag von Arbeitsbedingungen die nach Geschlecht differenziert sind.

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DDR-Plakat

Andererseits sehen wir die Rückkehr des „Arbeiteridentitarismus“5, der sich direkt von der Angst vor Lumpenbildung ernährt und sich als eine Form des Widerstands präsentiert. Der Identitarismus der Arbeiter verbreitet den illusorischen Glauben, der jahrzehntelang vom Stalinismus genährt wurde, dass Nationalismus eine Garantie gegen den Abstieg ins Lumpen ist. Es ist diese vom Stalinismus geerbte Lüge und nicht das Ende der PCI, die einen Teil der italienischen Arbeiter dazu bringt, sich von Salvini täuschen zu lassen. Und es ist das gleiche Rezept, so einfach wie falsch es auch ist, das den Neostalinismus des Antifaschismus, den Interklassizismus und die Tyrannei für viele prekarisierte Jugendliche attraktiv macht. Es ist das gleiche schmutzige, trübe Wasser, in dem sie versuchen, junge Arbeiter zu fischen.

6. Der Antirassismus wirft Migrationsarbeiter in die Arme ihrer Ausbeuter, trennt sie vom Rest der Klasse und verbirgt das Scheitern des Kapitalismus

Die „integrative“ sogenannte „Alternative“ ist für die Arbeiter nicht weniger gefährlich. Mit der gleichen sterilen und spaltenden Logik der „Identitäten“ versucht er, die ausbeuterischen Kleinbourgeoisien der Migranten als Verteidiger der Bürgerrechte aufzudringen und gleichzeitig die wilde Ausbeutung des schwächsten Teils der Klasse nicht als das darzustellen, was sie ist, Kapitalismus in Aktion, der uns alle bedroht, sondern als Rassismus, als veraltetes und irrationales Vorurteil. Indem der Schwindel der „Integration“ die Klasse entwaffnet um zu verstehen, was sie vor sich hat, nährt der „Progressivismus“ tatsächlich die Spaltung, verbirgt die Gemeinsamkeit der Kämpfe und wirft Migrationsarbeiter in die Arme von Ausbeutern, mit denen sie einen angeblichen „Ursprung“ teilen. In Wirklichkeit, und als ob dass all das nicht genug wäre, nähren sie das reaktionäre Vorurteil über die „Unmöglichkeit offener Grenzen“, das ihren wahren Hintergrund verbirgt: das globale Scheitern des Kapitalismus in Zerfall.

7. Damit wir Internationalisten sowohl gegen fremdenfeindliche Framings als auch gegen den „Integrator“ nützlich sein können, müssen wir sowohl die Lumpenproletarisierung verurteilen, wie wir sie klar von der Prekarisierung unterscheiden müssen

Historisch gesehen waren Lumpen und Lumpenproletarisierung zerstörerische Kräfte gegen die Arbeiter und ihre Behauptung als Klasse, Mittel zur Auflösung des Klassenkampfes. Das Lumpen war Kanonenfutter, das den reaktionärsten Optionen jehweilig zur Verfügung stand. Ohne sich dessen zu erinnern und zu erkennen, wass jeder Arbeiter täglich erlebt und weiß, von den Slums von Buenos Aires bis in die Kölner Nachbarschaft, von den Slums von Algier bis Shanghai, wird es für Internationalisten nicht möglich sein, einen nützlichen Diskurs zu führen. Und nützlich bedeutet hier nützlich, um den Rahmen anzuprangern, ob neofaschistisch oder neostalinistisch, fremdenfeindlich oder als Beführwörter der „Integration“. Aber um dies zu tun, um die Ohnmacht zu überwinden, muss man zuerst mit gleicher Klarheit die Prekarisierung, die ein wesentlicher Bestandteil des Klassenlebens ist, unterscheiden von der Lumpenbildung, die uns leugnet und bedroht.

Übersetzt von Nuevo Curso 15-8-2018 Proletariado, xenofobia y lumpenización.

Noten

1 Der Spiegel: Sahra Wagenknecht „Deutschland muss seine Fachkräfte selbst ausbilden

3 Diese Texte der Gruppe Workers Offensive sind veröffentlicht von Accion Proletaria, spanische Abteilung der IKS. Die in diese Texte vertretene Position ist daher nicht die der IKS, und sie ist ebensowenig die heutige Position von Workers Offensive.

4 Nuevo Curso definiert mit Zitate von Marx und Engels das Lumpenproletariat als “Eine Masse von deklassifizierten, ausgeschlossenen und vom Proletariat getrennten Personen, die sich wirtschaftlich vom illegalen Handel, der Kriminalwirtschaft, der Bettelei, der staatlichen oder privaten Schirmherrschaft oder einer Kombination aus ihnen allen ernährt.”

5 Die Theorie des „Arbeiteridentitarismus“ geht zurück auf E.P. Thompsons Ersetzen von Klassenbewusstsein durch „Arbeitskultur“, und damit des kommunisischen Programms durch Kultursoziologie, und der Universalität des Proletariats durch Nationalität. Nuevo Curso Identidad obrera“ no es conciencia de clase.

Proletariat, Fremdenfeindlichkeit und Lumpenproletarisierung

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