Herman Gorter 1914: die Phase des Imperialismus bringt die Arbeiterklasse auf eine Front dem Kapital gegenüber

Warum kann das Proletariat nicht mit Imperialistischer Politik mitmachen?

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Ruhe nach dem Sturm. Ein österreichischer Stoßtrupp und die Leichen seiner italienischen Feinde, 1918. Fotos: Galerie Bilderwelt.

(…)  Erstens bürdet der moderne Imperialismus in Friedenszeiten den Arbeitern Lasten auf die unerträglich werden.
Der Militarismus wächst durch den Imperialismus ins Endlose, die Sozialgesetzgebung kommt zum Stillstand, Steuern und Einfuhrzölle steigen, der Lebensunterhalt verteuert sich, der Reallohn sinkt, die Reaktion erstärkt.
Zweitens wird in Kriegszeiten das Proletariat vom Imperialismus zerschmettert. Seine Organisationen werden zerrissen, unermessliche Lasten werden ihm auferlegt. Hunger und Not, Arbeitslosigkeit und Tod, unendliche Schmerzen, Vernichtung ganzer Geschlechter kommen über sein Haupt, der Fortschritt wird auf gehemmt, die Völker werden gegen einander aufgehetzt, im Schosse des Krieges wachsen neue Kriege. 
Drittens ist nach dem Kriege die Aussicht auf Fortschritt für das Proletariat eine sehr ungewisse, vielleicht ist sie auf Jahre zerstört, ja die Staaten sind vielleicht, bei langer Dauer des Kriegs, so verarmt, so überbürdet mit Schulden, ihre ökonomische Depression, die Schwächung ihrer Produktion kann so gross werden, dass, wenn dann noch neue Rüstungen und neuer Krieg folgen, der ökonomische Untergang des Proletariats und in Folge dessen sein Untergang als kämpfende Klasse möglich werden.
Durch dies alles kann das Proletariat wieder noch weniger mitmachen mit der kapitalistischen Kolonialpolitik, d. h. mit dem Imperialismus. (…)
Und durch alles dieses kommt das Proletariat, durch den Imperialismus, auch in ein noch viel feindlicheres, schärfer entgegengesetztes Verhältnis den besitzenden Klassen gegenüber.

Aber viertens – und dies ist die hauptsächlichste Änderung, ja die unermessliche Vertiefung und Verschärfung die der Imperialismus im Verhältnis zwischen kapital und Arbeit erzeugt, – zum ersten make in der Weltgeschichte steht jetzt, durch den Imperialismus, in Friedens- wie in Kriegszeiten, das ganze internationale Welt-Proletariat zusammen als ein Ganzes, in einem Kampf, der nur vom internationalen Proletariat gemeinschaftlich geführt werden kann, der internationale Bourgeoisie gegenüber.

Dies ist das Neue das  der Imperialismus bringt.
Dies ist das Neue das erkannt werden soll.
Dies ist es was weder die Internationale noch die nationalen Parteien die sie zusammenstellen, erkannt haben.
Nur wer dies erkennt, kann die neue Zeit, die neue Phase, in die durch den Imperialismus der Kampf zwischen Kapital und Arbeit getreten ist, verstehen.
Hieraus, von dieser Erkenntnis aus, soll die neue Taktik , die gegen den Imperialismus befolgt werden muss, festgestellt werden.

Alle modernen Staaten, kein einziger ausgenommenen (1) bedrohen fortwährend – in Friedenszeiten – und zerschmettern in Kriegszeiten das ganze Proletariat.
In Friedenszeiten bedroht die Bourgeoisie, die Regierung, das Kapital Deutschlands mit seinem Imperialismus nicht nur das deutsche sonders auch das französische, das englische, das österreichische, das russische Proletariat, und zwingt ihm unträgliche Lasten auf. Ebenso macht es das französische, das englische, das russische Kapital mit dem Proletariat aller Länder.
In Kriegszeiten vernichtet das deutsche Kapital nicht nur die Macht des deutschen, sondern zu gleicher Zeit die des französischen, englischen, russischen, österreichischen Proletariats.
Ebenso machten es der russische, der französische, der österreichische und der englische Imperialismus, jeder für sich und alle zusammen, mit dem Proletariat aller Länder.

Und der Imperialismus beherrscht. die ganze Welt.
Man rüstet sich überall.
In diesem Kriege macht schon der grösste Teil der Welt mit. Der grösste Teil Europa’s, der grösste teil Asiens, ganz Australien, ein sehr grosser teil Afrika’s, Süd-Afrika, Ägypten, Algier, Tunis, alle französischen, englischen und deutschen Besitzungen, Kanada, bald vielleicht noch mehrere Mächte.

Das Weltkapital steht also, in seinen.verschiedenen Teilen, zum ersten Male, praktisch, mit Taten, mit einer Tat, durch den Imperialismus als ein einiges Ganzes dem Weltproletariate gegenüber.
Das Weltproletariat hat zum ersten Male, praktisch, mit dem Weltkapitale zu schaffen.
In der praktischen Politik, im Kampf der Sozialdemokraten gegen die Regierungen der Bourgeoisie, stand bis heute das Proletariat eines jeden Landes nur seiner eigenen Bourgeoisie gegenüber.
Im Kampf der Gewerkschaften stand, gleicherweise, bis heute, das Proletariat national dem nationalen Kapitale gegenüber.
Die Internationalen Kongresse der sozialdemokratischen Parteien waren Zusammenkünfte zwecks Aufstellung gemeinsamer Grundsätze, nicht aber Versammlungen zwecks Feststellung eines gemeinsamen Kriegsplanes.
Die Kongresse der Gewerkschaften beschlossen nur gegenseitige Unterstützung, selten Zusammenwirkung, höchstens in einzelnen Sonderfällen und auch dann nur für einen kleinen Teil der Arbeiter gegen einen sehr kleinen Teil des Kapitals.
International wurde sehr wenig oder nicht gekämpft. Zwar bewegt sich der Trust, der internationale Unternehmerverband in dieser Richtung: das Internationalisieren des Kampfes.
Was aber sogar der Trust und der internationale Unternehmer-Verband noch nicht vermocht haben, das Einigen des ganzen Proletariats, durch einen Druck, eine Drohung, einen Kampf, zu einem Ganzen, zu einer Aktion, der Imperialismus hat es zu Stande gebracht.
Alle bürgerlichen Parteien aller Länder sind für das Rüsten und für den Krieg. Alle also bedrohen in Friedenszeiten und vernichten in Kriegszeiten das ganze internationale Proletariat.
Der erste imperialistische Krieg der imperialistischen Staaten unter sich, dieser Krieg, auf den sich das Kapital seit 1871 vorbereitet hat, zu dem es sich nun endlich ausgewachsen hat, – dieser Krieg, die grösste Verschärfung des Klassenkampfes die noch je seit der Gründung der Internationale stattgefunden, – stellt zum ersten Male die ganze Internationale als ein Ganzes dem internationale Kapital gegenüber.
Und der Imperialismus ist ein dauerndes.
Die Bourgeoisie eines einzigen Landes ist also nicht länger allein der Feind der Arbeiters.
Inmitten der in Millionen Stücke zerteilenden Spaltung, die die gewöhnliche Ausbeutung in den Fabriken und Arbeitsstätten zuwege bringt, inmitten der hundertfachen Spaltung welche die Unterdrückung in den NationalStaaten zuwege bringt, inmitten alles dieses und darüber hinaus bringt der Imperialismus die Arbeiterklasse auf eine Front dem Kapital gegenüber.
Zum ersten Male in der Weltgeschichte.
Von einer Bedrohung, von einer Tat des ganzen Kapitalismus betroffen, steht das Proletariat, durch den Imperialismus, durch den Krieg, als ein Ganzes nicht länger nur seiner eigenen Bourgeoisie, sondern der Bourgeoisie aller Staaten gegenüber (2).
Das Marxsche Wort im Kommunistischen Manifest, dass die Arbeiter eines jeden Landes zuerst mit ihrer eigenen Bourgeoisie fertig werden sollen, ist durch den Imperialismus zu Nichte gemacht, zur Unwahrheit geworden. (…)

Noten

1)  Auch die kleinen Nationen nicht. Holland, Belgien, Portugal nehmen unmittelbar Teil an der imperialistischen Kolonialpolitik. Dänemark, Norwegen, Schweden, u.s.w. indirekt, durch ihren Handel und Transport.

2)  Die Haltung, die Richtung einer nationalen sozialdemokratischen Partei hat also für die anderen sozialdemokratischen Parteien nicht mehr nur theoretisches Interesse. Sie ist eine Lebensfrage und daher Objekt der Kritik und des Kampfes.

Herman Gorter Der Imperialismus, der Weltkrieg und die Sozialdemokratie. S. 13/17. Übersetzung aus dem Holländischen. Herausgegeben von der Sozialdemokratischen Partei Hollands (S.D.P.), Amsterdam, September 1915 (ursprünglich Oktober 1914).

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