GIK 1935: Klassenkampf im Kriege

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Kein Begriff der revolutionären Arbeiterklasse ist mehr gefälscht worden als der des proletarischen Internationalismus. Besonders der ‚Leninismus‘ hat es geschafft mehreren Generationen von Proletariern dessen Gegenteil der Beugung vor der ‚eigenen‘ nationalen Kapitalistenklasse unter dem Vorwand des Schutzes unterdrückter Völker vorzustellen als Internationalismus. Folgender Text der rätekommunistischen Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) analysiert in 1935 die ideologische Kriegsvorbereitungen des Zweiten Weltkrieges, und die Rolle die die sogenannte „Arbeiterbewegung“ darin spielte. Der Text wurde als Artikel der Rätekorrespondenz in Hitlerdeutschland illegal under den Resten der Rätebewegung verbreitet.

Die GIK befaßte sich in 1935 mit dem Faschismus als Regierungsform. Davon ist heute keine Rede, sei mann nennt den zunehmend autoritären Regimes, von Erdogan biss Duterte, und von Moti bis Putin faschistisch. Aber die heutige Tendenz zum „starken Staat“ beschränkt sich nicht zu den schwächeren Nationalwirtschaften, auch die „Demokratien“ Nordamerikas und Europas bereiten sich vor auf grösseren Kriege und Konfrontationen mit der Arbeiterklasse. Diese Entwicklung zeigte sich auch in Westeuropa in den 1930-er Jahren und die GIK (worunter deutsche Revolutionäre) beschrieb diese Tendenz folgendermassen von Holland aus: „In diesem Sinne ist die Bourgeoisie hier ebenso faschistisch wie dort, und mit diesem Faschismus hat die Arbeiterklasse zu tun. Es ist die eigene Bourgeoisie, die sie dem Kapitalsinteresse unterwirft, – mit ‚Demokratie‘ und ‚politischen Rechten‘, solange sich die Arbeiter dadurch binden lassen, und mit der unverhüllten, faschistischen Diktatur, wenn die Demokratie versagt.“ Die heutigen neo-nazi Gruppen sind aber nicht vorbestimmt die Macht zu übernehmen; sie haben die Funktion als Bürgerschreck, Verbreiter Xenophobie und eines abjekten Nationalismus, manchmal als Helfershelfer der Polizei. 

Der Text befaßte sich auch mit der Frage nach Arbeiterkämpfe wahrend eines Zweiten Weltkrieges. Dabei wurde u.E. zurecht die Ansicht vertreten daß diese Arbeiterkämpfe auch dann zu fördern wären wenn durch den Kampf gegen die eigene Bourgeoisie der faschistische Landesfeind gestärkt und zum Siege gebracht würde. Dazu soll aber bemerkt werden daß in allen historischen Situationen wo der proletarische Kampf eine gewisse Höhe erreichte, die sich bis dann im Kriege bekämpfenden Imperialisten Frieden schlossen um ihren Todesfeind, die revolutionäre Arbeiterklasse, niederzuschlagen.

Im Folgendem einige Fragmente aus dem Text, der auf Left-dis.nl in vollständiger Version erhältlich ist.

Der zweite Weltkrieg ist unabwendbar

Der erste Weltkrieg war die Folge des Emporkommens des deutschen Imperialismus, der die Machtposition von England und Frankreich ernsthaft zu bedrohen begann. Die deutsche Schwerindustrie, moderner ausgerüstet als die englische, war ein gefährlicher Konkurrent auf dem Weltmarkt. Zugleich streckte der deutsche Imperialismus seine Fangarme nach Rohstoffgebieten, wo England und Frankreich die Vorherrschaft hatten. (…)

Die ideologische Vorbereitung des zweiten Weltkrieges

In allen Ländern bereitet man sich fieberhaft, die Rüstungen zu vervollkommnen. Aber dabei geht es nicht nur um die Herstellung von Waffen materieller Art, wie Tanks, Giftgas, Bomben, u.s.w. Von noch grösserer Wichtigkeit ist die ideologische Vorbereitung des Krieges, so dass vor allem die breiten Arbeitermassen willig, ja mit Begeisterung am Kriege teilnehmen. Eine Arbeiterschaft die gezwungen am Kriege teilnimmt, ist leicht geneigt sich zu widersetzen, und entstehen unter dem verschärften Druck des Krieges, allzu leicht Streiks, die der Kriegsführung gefährlich werden können. Die Militärmaschine mag technisch noch so gut ausgerüstet sein, sie ist im Falle eines Krieges nur zu verwenden, wenn die ganze arbeitende Bevölkerung, durch ihre Arbeit in den Betrieben, sie mit allem Nötigen versorgt. Darum muss die herrschende Klasse vor allem die Arbeiterschaft ideologisch auf den Krieg vorbereiten. Eine systematische Propaganda mit allen Mitteln über welche die moderne Gesellschaft verfugt, beeinflusst seit langem schon das Denken der breiten Arbeitermassen und erweckt bei ihnen die Überzeugung, dass sie im Falle eines Krieges für die Verteidigung ihrer eigenen Interessen zu Felde ziehen.
Diese ideologische Vorbereitung wird natürlich nicht erreicht, indem offen ausgesprochen wird, dass es nur eine neue Verteilung von Absatz- und Rohstoffgebieten geht. Die Arbeiter werden aufgerufen ihre eigene (nationale) Kultur zu verteidigen. So tat man auch am Anfang des Weltkrieges 1914. (…)

Das Kapital der faschistischen Länder will und muss seinen Machtbereich ausdehnen, das Kapital der „demokratischen“ Länder kann diese Expansion nicht zulassen, es schreit zum Kampf gegen den „Faschismus” . Diese Kampf des Kapitals zwischen den demokratischen und faschistischen Ländern wird von der herrschenden Klasse geschickt umgemünzt in einem Kampf, an der die breiten Arbeitermassen in erster Linie interessiert sind.
In den faschistischen Ländern sind es die grossen Kapitalmächte des Westens, die sich die ganze Welt tributpflichtig gemacht haben und wogegen das ganze ”Volk“ wie ein Mann zu kämpfen hat, um den Weg aus Not und Elend zu einer besseren Zukunft frei zu machen. In den westlichen Ländern dagegen erscheint der Faschismus und Nationalsozialismus als die Gewaltherrschaft die jede freie Meinung mit barbarischen Mitteln unterdrückt und vor allem die Arbeiterschaft ihrer politischen Rechte und aller selbständigen Organisation beraubt. Darum wird hier die Parole: „Gegen den Faschismus“! zum Sammelruf aller offenen und versteckten Parteigänger der herrschenden Klasse und dient dazu die breiten Volksmassen in die Kriegsfront einzureihen.
Revolutionäre Arbeiter lassen sich durch eine solche Propaganda nicht irre machen. Sie wissen sehr gut, dass es überhaupt nicht gegen den Faschismus geht, und dass umgekehrt der Siegeszug, der nach Weltgeltung drängenden faschistischen Kapitalmächte den Arbeitern dort keine glückliche Zukunft bringt.
Es kann ihnen gleichgültig sein, wer bei dieser neuen Verteilung der Welt gewinnt, denn dass sie die Rechnung bezahlen müssen, ganz gleich ob „ihr Land“ gewinnt oder nicht, wissen sie im Voraus. (…)

Aber muss die Arbeiterschaft denn nicht die politische Rechte, die ihnen die bürgerlich demokratische Ordnung gewährt, gegen den Faschismus verteidigen? Darf sie ohne sich zu Wehr zu setzen, preisgeben, wofür Generationen von Arbeitern sich eingesetzt und was erst am Ende des Krieges verwirklicht wurde: das freie und allgemeine Wahlrecht, Vereinsrecht, Versammlungs- und Pressefreiheit, d.h. die bürgerliche Demokratie auch für die Arbeiterklasse? (…)

Es ist vielmehr so, dass die politischen Rechte erst ergeben wurden, als die grossen Arbeiterorganisationen die Sicherheit gaben, dass kein „Missbrauch“ damit getrieben würde. Die Rechte durften nicht dienen um das Interesse der Arbeiterklasse gegen die Interessen der herrschenden Klasse durchzusetzen. Und wo das doch versucht wird, stellen sich die anerkannten Arbeiterorganisationen offen auf die Seite der herrschenden Klasse. (…)

In diesem Sinne ist die Bourgeoisie hier ebenso faschistisch wie dort, und mit diesem Faschismus hat die Arbeiterklasse zu tun. Es ist die eigene Bourgeoisie, die sie dem Kapitalsinteresse unterwirft, – mit „Demokratie“ und „politischen Rechten“, solange sich die Arbeiter dadurch binden lassen, und mit der unverhüllten, faschistischen Diktatur, wenn die Demokratie versagt. (…)

Nationale Unabhängigkeit und Leninismus

Die Frage der Nation, und im besonderen die Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit spielt in der Arbeiterbewegung eine grosse Rolle. Mit Marx sagen wir: „Die Arbeiter haben kein Vaterland!“ Die Nation ist der organisatorische Rahmen, worin die besitzende Klasse die Ausbeutung der unterdrückten Klasse regelt. Der Kampf der Arbeiterklasse aber ist auf die Aufhebung dieser Ausbeutung gerichtet und dabei ist Ihr die eigene besitzende Klasse, mit ihrer nationalen Ausbeuterorganisation, ebenso feindlich wie die herrschende Klasse einer fremden Nation. In diesem Kampfe stehen die Arbeiter aller Länder den Ausbeuter aller Nationen gegenüber als Kampfgenossen, und ihr Ziel ist die kommunistische Organisation der Produktion in der ganzen Welt. Eine proletarische Revolution kann darum an den nationalen Grenzen nicht halt machen, sie durchbricht, wenn sie die Macht dazu hat, alle nationalen Grenzen um die kommunistische Weltgemeinschaft aufzubauen. Sie macht an den nationalen Grenzen nicht halt um diese nationalen Grenzen zu verteidigen, sondern sie strebe vielmehr nach der Aufhebung derselben, – nicht die Verteidigung des nationalen Unabhängigkeit, sondern die Vernichtung derselben ist ihre Aufgabe. Die siegreiche Arbeiterklasse errichtet die kommunistische Weltwirtschaft an Steile der, sich im fortwährenden Kriegszustand miteinander befindlichen Nationen. Wenn sich diese Weltwirtschaft in Produktionsgebieten organisiert, so umgeben diese Gebiete keine „nationale Grenzen”, weil die Organisation keinen ausbeutenden Charakter hat,- sie steht nicht im Gegensatz zu anderen Gebieten.
Der revolutionäre Marxismus hat sich in dieser Frage seit langem unzweideutig ausgesprochen. Es war Lenin vorbehalten, diese Grundauffassung loszulassen und mit seiner Lehre, die seitdem als „Leninismus“ propagiert wird grosse Verwirrung im Lager der Arbeiter anzurichten. Der ‚‘Leninismus“ lehrt, dass unterdrückte Völker, die für ihre nationale Unabhängigkeit kämpfen Bundesgenossen des Proletariats sind. Darum verlangt diese Lehre auch von den Arbeitern in solchen Ländern, die als von imperialistischen Mächten unterdrückte oder bedrohte Nationen angesehen werden, dass sie ihre eigene Bourgeoisie im Kampfe gegen die fremden Unterdrücker unterstützen. So wurden die Arbeiter in Litauen durch die III Internationale aufgerufen, ihr Vaterland gegen Polen zu verteidigen, das Proletariat der Türkei rief man auf, die herrschende Klasse bei der Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit zu unterstützen, wahrend Sowjet-Russland bei dem wirtschaftlichen und militärischen Aufbau der türkischen Nation hilfreiche Dienste leistete. Die türkische Nation ihrerseits erstattet ihren „Dank“, indem sie mit barbarischer Strenge Streiks und andere Formen des Klassenkampfes unterdrückt. (…)

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Wilson, hat den Zwillingsbruder dieser leninistischen Theorie in die Welt gebracht, nämlich das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“. (…) Diese Lehre, gleich ob von Wilson oder Lenin formuliert, [spielt] eine Rolle in dem Machtstreben der herrschenden Klassen, sowohl in den jungen kapitalistischen Ländern, wo eine junge Bourgeoisie nach politischer Selbständigkeit strebt, als auch in der Politik der modernen Industrieländer, (wozu auch Russland gehört) die die nationale „Selbständigkeit“ oder „Unabhängigkeit“’ unterstützen dort wo sie mit ihren Interessen in Übereinstimmung ist, sie aber auch bekämpfen und vernichten, wenn sie ihnen im Wege ist.

Die III Internationale setzte sich nicht nur für die „nationale Unabhängigkeit“ von der Türkei, von Litauen und China ein, auch Deutschland wurde in den Jahren 1921-1925 zu den vom Imperialismus unterdrückten Völkern, die einen nationalen Befreiungskampf zu führen haben, gerechnet. Der geheime Militärvertrag (Rapallo 1922) zwischen den bürgerlichen Deutschland und Sowjet-Russland wurde damit gerechtfertigt. Dieser Vertrag ermöglichte es der deutschen Bourgeoisie in Russland Fabriken zur Erzeugung von Kriegsgerät aufzurichten, die es nach dem Versailler Vertrag in Deutschland selbst nicht haben durfte. Mit Hilfe Russlands wurde so die deutsche Bourgeoisie in ihrem Befreiungskampf gegen die imperialistischen Unterdrücker Frankreich – England bewaffnet. Dass diese „nationale Befreiung“ Deutschlands schliesslich die Form der nationalsozialistischen Hitler-Regierung annahm, und damit Russland feindlich gesinnt wurde, veränderte die Beurteilung Deutschlands durch die III internationale in ihr Gegenteil. Deutschland erscheint nun in der Propaganda als faschistischer Imperialismus, als der ärgste Feind der nationalen Unabhängigkeit kleiner Volker deren nationale Selbständigkeit vom „Hitler-Faschismus“ bedroht wird. (…)

Die IV Internationale
(Trotzkistische Opposition der III Internationale) und der „Leninismus“

Die schon mehrfach angekündete, aber bis jetzt noch nicht Wirklichkeit gewordene IV Internationale, die Trotzky zu ihren Propheten erhoben hat, nimmt für sich ih Anspruch die Unverfälschte Vertreterin des Leninismus zu sein. Sie propagiert die Unterstützung der unterdrückten Völker in ihre nationale Befreiung. (…)

Die IV. Internationale (…), die unter der Führung Trotzkys auch noch als Opposition Sowjet-Russland verteidigen will, hat den Leninismus als politische Richtschnur genommen. Der Leninismus aber ist eine Theorie, die der Entwicklung Russlands zur industriellen Grossmacht angepasst ist, und treibt die Arbeiter, die ihr folgen unwiderruflich in eine der imperialistischen Fronten.

Verhinderung des Krieges

(…) Der Kampf gegen den Krieg [kann] nicht geführt werden in dem Sinne, dass ein Krieg „verhindert“ wird, der „Verhinderung“ des Krieges geht der Kampf um die ganze Macht in der Gesellschaft voran. Es geht nicht um die „Verhinderung des Krieges,“ sondern darum, ob die Arbeiterklasse die Bourgeoisie völlig niederwerfen und ihre eigene Macht errichten kann.

Die blosse Propaganda des Generalstreiks als Mittel um den Krieg zu verhindern rechnet mit diesen Umständen so gut wie nicht. Wohl wird in anarchistischen Kreisen an die Generalstreikpropaganda die andere Parole angehängt: „Durch-Generalstreik zur sozialen Revolution“. Aber in dieser Form ist diese Parole zur Unfruchtbarkeit verdammt, weil sie uns ein vollkommen verkehrtes Bild vom Prozess der Revolution gibt. Denn der Generalstreik so wie ihn die Anarchisten sich vorstellen ist eine Illusion. Seine Voraussetzung ist, dass alle Arbeiter wie ein Mann die Arbeit niederlegen. In Wirklichkeit aber folgt die grosse Masse der Arbeiter heute den bekannten Arbeiterorganisationen und ist im Banne nationaler Auffassungen. Die Kriegsgegner sind beim Kriegsbeginn nur eine kleine Minderheit. Die Illusion des Generalstreiks und der sozialen Revolution die darauf folgen soll, stürzt dann wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und das Resultat ist nur Enttäuschung und Verwirrung bei den Arbeitern, die darauf ihre Hoffnung gesetzt hatten. (…)

Die Aufgabe der revolutionären Arbeiter, die von der Arbeiterklasse als Ganzes nicht zu trennen ist, ist damit vollkommen klar. Wer sich von der Zauberformel „Generalstreik als Auftakt zu sozialen Revolution“ losgemacht hat, wer auch mit dem „Leninismus“ und mit der, von demselben propagierten Verteidigung der „Unabhängigkeit“ unterdrückter Nationen abgerechnet hat, wer begreift, dass die Verhinderung des Krieges nur möglich ist, wenn die Arbeiterklasse die Macht erobert und wenn es gleichgültig ist, ob die „eigene Bourgeoisie“ oder der „Feind“ als Sieger aus dem Kriege hervorgeht, für den ist die Aufgabe klar und einfach gestellt:
Die Arbeiter in allen Ländern, von der Tradition der alten Bewegung mit ihren demokratischen und sonstigen Illusionen befreit, haben nur ein Ziel vor Augen: Die Entfaltung und Forderung der selbstständigen Massenbewegung der Arbeiterschaft in der ganzen Welt, im „Frieden“ sowohl wie im Kriege, biss die breiten Massen des Proletariats alle gesellschaftlichen Funktionen an sich gerissen haben und dadurch die kommunistische Gesellschaft in der ganzen Welt errichten.

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Vollständige Version von GIK 1935: „Klassenkampf im Kriege. Der zweite Weltkrieg ist unabwendbar“.

GIK 1935: Klassenkampf im Kriege

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